Jugendarbeit findet in Schweizer Moscheen kaum statt

Auch hierzulande gibt es Schlagzeilen von jungen Muslimen, die in den Dschihad ziehen. Stimmen werden laut, dass mit einer organisierten Jugendarbeit solche Fälle verhindert werden könnten. Doch organisierte Freizeitaktionen in islamischen Gemeinden sind eine Seltenheit.

Betende Männer in einer Moschee. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für Freizeitangebote fehlt in vielen Moscheen das Geld. Keystone

Wirklich gemütlich ist es nicht in der Cafeteria der Moschee im Berner Haus der Religionen. Ein paar Tische und Stühle in einem fensterlosen Raum, eine Kaffeemaschine, ein Getränkeautomat. Das ist alles – «aber es ist viel für uns Junge», sagt Vaxhid, der sich hier mit einigen Freunden trifft.

Vaxhid ist 23 und von Beruf Informatiker. Gleichaltrige kennenzulernen, mit ihnen zu diskutieren und Probleme zu besprechen – das alles sei wichtig in einer Gemeinschaft, betont auch sein jüngerer Bruder Muveid – drüben in der prächtigen, mit Teppichen belegten Moschee. Aber zentral sei natürlich der Gottesdienst: «Das Ziel der Moschee ist, dass man beten und sich spirituell entfalten kann», sagt Muveid.

Für Freizeitspass fehlt's an Geld

Auch der 13-jährige Jesin kommt fast ausschliesslich zum Gebet in die Moschee und einmal die Woche zum Koran-Unterricht. Etwas mehr organisierter Freizeitspass wie etwa ein Freizeitlager für muslimische Kinder wäre super, findet der Siebtklässler. Das wünscht sich auch der Moschee-Vorsteher, Imam Mustafa Mehmeti: «Das Spirituelle alleine ist nicht genug. Aber unsere Möglichkeiten hier sind sehr begrenzt», sagt der Imam. Vor allem fehle es an Geld. Die Moschee finanziere sich ausschliesslich aus den bescheidenen Mitgliederbeiträgen der Gläubigen: 250 Franken pro Person und Jahr. Da liege eine organisierte Jugendarbeit schlicht nicht drin.

Ganz ähnlich tönt es in Basel, in der Moschee der sehr traditionellen König-Feysal-Stiftung, die einst mit Geld aus Saudi-Arabien unterstützt worden ist. Damals habe man sich gelegentlich zu Suppen-Abenden getroffen, oder die Jungen zu Tee und Süssigkeiten eingeladen, sagt Moschee-Vorstand Nabil Arab. Im Moment könne man sich nicht einmal mehr das leisten. Alles, was er neben Gebeten und Predigten anbieten könne, sei ein Platz für gemeinsame Gespräche.

Die gefährliche Alternative Internet

Stimmen aus einer konservativen, arabisch geprägten Moschee und aus einer liberaleren, wo sich hauptsächlich Gläubige mit albanischer Muttersprache versammeln. Zwei von rund 250 islamischen Zentren in der Schweiz. In Sachen Jugendarbeit – beziehungsweise eben: fehlender Jugendarbeit – seien sie typisch, sagt Samuel Althof von der Fachstelle für Extremismus- und Gewaltprävention in Basel.

Laut Althof gibt es keine wirkliche Plattform für Jugendarbeit oder Jugendbegegnung. Dabei wäre gerade für sehr religiöse junge Leute eine organisierte Freizeitbetreuung wichtig: «Weil es keine Jugendarbeit gibt, müssen sich diese Leute im Internet verbinden. Dort entstehen dann Plattformen unter stark religiösen Jugendlichen.» Plattformen, auf denen auch extremistische Ansichten verbreitet und gefördert werden können – ohne Korrektiv von Jugendarbeitern oder Seelsorgern.

Mit Jugendarbeit gegen Extremismus?

Braucht es islamische Jugendarbeit also vor allem zur Vorbeugung von Extremismus? Andreas Tunger-Zanetti ist skeptisch. Der Wissenschaftler am Zentrum Religionsforschung der Universität Luzern fände ein attraktives Freizeitangebot für junge Muslime zwar wünschenswert, aber nicht unter dem Titel «Extremismus-Prävention». Das wäre ein negativer Ansatz, geboren aus Misstrauen. Besser wäre eine absichtslose Jugendarbeit, die einfach auf die Bedürfnisse von jungen Menschen eingeht: «Die Jugendlichen sollten das Gefühl haben, dass sie in dieser Gesellschaft einen sinnvollen Platz für ihre Persönlichkeit, inklusive islamischer Identität, bekommen.» Dies wäre die beste Prävention, meint Tunger-Zanetti.

Neues Projekt in Winterthur

In Winterthur, wo es Probleme mit radikalisierten Jugendlichen gab, versucht der SP-Lokalpolitiker Blerim Bunjaku mit seinem Integrations-Verein «Fair-Winti» Freizeit-Angebote für religiöse Jugendliche aufzubauen: «Die Jugendlichen müssen gerne kommen und gewisse Angebote haben, mit denen sie sich wirklich beschäftigen wollen.»

Es brauche aber die Hilfe anderer Kirchen und auch der öffentlichen Hand: «Die Radikalisierung ist kein islamisches Problem, sondern ein gesellschaftliches Problem.» Die islamischen Vereine seien ein Teil der Lösung, sagt Bunjaku. Deshalb müsse der Staat Geld locker machen, damit das Zusammenleben noch besser funktioniere.

In Bern – in der Cafeteria der Moschee – nicken die versammelten jungen Leute. Ideen hätten sie viele: von Weiterbildungskursen über interreligiöse Fussballturniere, bis hin zu professioneller Jugendberatung.

Der Siebtklässler Jesin, der so gern in ein Ferienlager ginge, weiss allerdings gar nicht so recht, was er dort dann machen würde: «Spiele spielen, fünfmal am Tag beten und den Koran lesen.» Jesin tönt wie der Traum eines jeden Jugendlager-Leiters.