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Jugendkriminalität könnte in ein, zwei Jahren steigen
Aus SRF 4 News aktuell vom 27.11.2020.
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Jugendgewalt in Coronazeiten Kriminologe: «Langfristig wird uns ein Problem ins Haus stehen»

Keine Partys, weniger Präsenzunterricht in der Schule, mehr Zeit zu Hause: Die Corona-Massnahmen stellen den Alltag vieler Jugendlicher in der Schweiz auf den Kopf. Kriminologe Dirk Baier befürchtet, dass sich das kurzfristig positiv, langfristig aber negativ auf die Jugendkriminalität auswirken wird.

Dirk Baier

Dirk Baier

Professor ZHAW

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Dirk Baier ist Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Jugendkriminalität, Gewaltkriminalität und Extremismus.

SRF News: Wie wirkt sich die Coronalage auf die Jugendkriminalität aus?

Dirk Baier: Die Jugendgewalt hat in den letzten fünf Jahren zugenommen. Mein Eindruck ist, dass die Pandemie-Situation nun eine Art Dämpfer gewesen ist. Das hat damit zu tun, dass Jugendliche zu Hause bleiben mussten, die Schule nicht besuchen konnten und damit auch Gelegenheiten reduziert worden sind, wo sich Jugendliche aggressiv gegenüberstehen können. Es sieht also zunächst einmal so aus, als wäre die Situation gut für die Jugendkriminalität. Langfristig wird uns aber ein Problem ins Haus stehen.

Welche langfristigen Probleme meinen Sie damit?

Die Ausbildungssituation verschärft sich, Berufsausbildungen und der Übergang für Jugendliche ins Berufsleben wird schwieriger. Wir wissen, dass derzeit häusliche Gewalt zunimmt. Das hinterlässt auch Spuren bei Jugendlichen. Die Bildschirmzeiten steigen deutlich, wenn die Jugendlichen mehr zu Hause sind. Das alles reduziert die Schulleistungen, und damit auch die Zukunftsoptionen. Das kann Einfluss auf das Gewaltverhalten haben.

Junge Menschen, die keine Zukunftsaussichten haben, werden früher oder später auf die schiefe Bahn geraten.

Gerade junge Menschen, die keine Zukunftsaussichten haben, werden früher oder später auf die schiefe Bahn geraten, weil sie versuchen, sich Dinge, die ihnen angeblich zustehen, anders zu besorgen. Das heisst, die Ursachen für Jugendkriminalität werden gerade ins Negative verändert. Das könnte sich in ein, zwei Jahren in einer steigenden Jugendkriminalität niederschlagen.

Ändert sich auch die Art der Delikte?

Grundsätzlich wird mehr Kriminalität in den digitalen Raum verlagert. Wir sehen Cyberkriminalität, Phishing und Betrugsdelikte und so weiter im Internet ansteigen. Aber da ist nicht der Jugendliche der typische Täter, denn es braucht gewisse Kompetenzen, die man sich aneignen muss, um solche Delikte zu begehen. Sie werden im Übrigen auch häufig vom Ausland aus ausgeführt. Es ist nicht der Bereich, der für die Jugendkriminalität der wesentliche in den nächsten Jahren ist, sondern da sind es weiterhin die traditionellen Delikte, Ladendiebstahl, Sachbeschädigung, Gewalt, die uns interessieren sollen, und wo wir wohl wieder Anstiege feststellen werden.

Hilfe bei Mühe in der Coronazeit

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Diverse Anlaufstellen, Link öffnet in einem neuen Fenster

BAG-Infoline, Link öffnet in einem neuen Fenster Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Hotline bei Angststörungen und Panik, Link öffnet in einem neuen Fenster, 0848 801 109

Pro Juventute, Link öffnet in einem neuen Fenster, Tel. 147

Dargebotene Hand, Link öffnet in einem neuen Fenster, Tel. 143

In der Schweiz setzt man bei jugendlichen Tätern mehr auf Kurse oder gemeinnützige Arbeit als auf harte Strafen. Funktioniert das?

Die Schweiz hat eine ganze Bandbreite an Massnahmen, um der Jugendkriminalität zu begegnen. In der Regel werden nicht scharfe Sanktionen herausgeholt, sondern es wird eher geschaut: Was braucht der junge Mensch, was fehlt ihm vielleicht in der Familie, was fehlt ihm im Umfeld? Das funktioniert sehr gut. Die Schweiz hat ein sehr tiefes Jugendkriminalitätsniveau, halb so hoch wie beispielsweise Deutschland.

Was könnte besser laufen?

Besser laufen könnte immer die Prävention, um zu verhindern, dass es überhaupt dazu kommt, dass junge Menschen mit Justiz und Polizei in Kontakt kommen. Und man sollte noch stärker beispielsweise das Thema innerfamiliäre Gewalt angehen. Da steht die Schweiz noch nicht so gut da, weil sie die Züchtigung in der Familie immer noch nicht verboten hat. Das heisst: An Schulen und in Familien kann noch mehr Prävention stattfinden.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

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SRF 4 News, 27.11.2020; 06.15 Uhr;

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Altorfer  (geni)
    Vermutlich werde ich nach meinen Zeilen als "Rassist" hingestellt. Doch ich wage es auszusprechen: die kulturelle Durchmischung trägt in meinen Augen auch zur vermehrten Gewalt unter Jugendlichen bei. Ich beobachte dies auch bei meinen Kindern in der Schule. Die Schwelle zu Gewalt ist in bestimmten Kulturkreisen tiefer als bei uns. dies lässt sich ganz einfach nicht leugnen. Mit Prävention kann man da vielleicht etwas Gegensteuern.
    1. Antwort von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
      Der Hinweis auf kulturelle Unterschiede ist kein Rassismus. Diese existieren ja bereits innerhalb der Schweiz. Ich denke aber es braucht Prävention und auch Strafen. Je älter die Kinder werden, desto weniger kann man das reparieren, was kaputt ist. Ist zwar schade, aber bei Intensivtätern sehe ich lieber einen Minderjährigen im Knast, als dass mein Schüler sich nicht mehr zur Bushaltestelle traut.
    2. Antwort von John Livers  (John Livers)
      Richtig, schauen sie sich mal auf Fussballplätzen und den Bahnhöfen um!
    3. Antwort von Daniel Bucher  (DE)
      Sie haben das super geschrieben - Kulturelle Durchmischung. Ja, wir haben ein Problem mit gewalttätigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund. Da man aber nicht über die Ursachen diskutiert und es im heutigen Artikel nicht angesprochen wird, kann man die anzuwendenden Massnahmen auch nicht 'kundengerecht' definieren.
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Die Vorbilder der Jungen - Eltern, Erwachsene und deren Ansichten, Lebenseinstellung, Verhalten, Umgang mit andern Menschen, Weltanschauungs-Ansichten, Politik, Weltwirtschafts-Politik.....
    1. Antwort von John Livers  (John Livers)
      Was sollen die Kinder von den Eltern lernen wenn sie am Morgen in der Kita abgegeben und am Abend wieder abgeholt werden?
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Noch ist adäquate Erziehung - dazu gehört auch der respektvolle Umgang mit andern Menschen - der Kinder und Jugendlichen, Aufgabe deren Eltern! Indem Kinder und Jugendliche vieles/alles an modernstem "Spielzeug" erhalten, haben, ist es auch die Aufgabe von Eltern, die korrekte Handhabung, den entsprechen umsichtigen Umgang damit zu erklären und auch zu kontrollieren, zu überprüfen! Gemütsveränderungen, Agressivität realisieren, entsprechend ernst genommen und diskutiert werden...."Kinder machen