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Streit um Spitzenmedizin Kampf der Spitäler – auf Kosten der Patienten?

Künftig sollen weniger Kliniken hochkomplexe medizinische Leistungen anbieten dürfen. Betroffene Spitäler wehren sich.

Legende: Video FOKUS: Kantönligeist bei der Spitzenmedizin abspielen. Laufzeit 6:12 Minuten.
Aus 10vor10 vom 14.08.2017.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Unter den Krankenhäusern herrscht seit Jahren ein Streit darüber, welche Spitäler welche Leistungen anbieten dürfen.
  • Nun sollen nur noch ausgewählte Kliniken hochkomplexe medizinische Leistungen anbieten dürfen.
  • Speziell im Bereich der hochspezialisierten Medizin stockt diese Entwicklung, denn viele Spitäler wehren sich gegen eine Konzentration der Leistungen auf wenige Spitäler.

Pierre-Alain Clavien ist Direktor der Klinik für Bauchchirurgie USZ. Er kämpft an vorderster Front für eine Konzentration der hochspezialisierten Bauchchirurgie. Clavien ist der Meinung, dass eine Konzentrierung sehr wichtig sei, sowohl für die Patienten als auch für die Qualität, Sicherheit und Entwicklung der Medizin.

Oftmals würden Patienten Wochen nach den Komplikationen ins Unispital Zürich verlegt – leider oft in einem ganz schlechten Allgemeinzustand. Dann müsste das Unispital wieder die Unerfahrenheit kleinerer Kliniken ausbaden. «Das ist oft eine Katastrophe», führt Clavien aus.

Fehler während der Behandlung

Sandra Rott erkrankte vor drei Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie war in verschiedenen Spitälern und hat sich unzähligen Eingriffen unterzogen. «Ich war nicht mehr ganz bei Bewusstsein und mein Freund hat dann den Notdienst angerufen», erzählt Rott. Als sie in die Klinik zurück wollte in der sie betreut wurde, konnte sie aufgrund von Platzmangel nicht aufgenommen werden.

Bei der Behandlung von Sandra Rott passierten Fehler. Beim Eingriff am Bauch verletzten frühere Ärzte ihren Darm und entliessen sie mit lebensgefährlichen Verletzungen aus dem Krankenhaus. Heute ist sie Patientin am Unispital Zürich.

Erika Ziltener, Präsidentin Schweizerische Patientenstellen, weiss, dass dieser Fall leider keine Ausnahme ist. Gerade in der hochspezialisierten Medizin würden kleinere Spitäler die Patienten in Notfallsituationen oft allein lassen.

Ziltener sagt dazu: «Wir fordern, dass Leute mit schweren Erkrankungen in einem Zentrumsspital operiert werden, wo die Infrastrukturen stimmen, die Kontinuität gewährleistet ist, wo das medizinische Fachwissen abrufbar ist – und selbstverständlich, dass auch die Fallzahlen stimmen.»

Fachspezialisten sind vorhanden

Etliche Spitäler, welche weniger als zehn Eingriffe pro Jahr durchführen, bieten verschiedene hochkomplexe Leistungen der Bauchchirurgie an. Dazu gehört auch das Kantonsspital Glarus. Der Geschäftsleiter vom Kantonsspital Glarus, Markus Hauser, hat mittels Beschwerde erwirkt, dass das Spital die Leistungen – trotz geringer Fallzahlen – noch anbieten darf.

«Einerseits werden Patienten dann auch für einfachere Eingriffe in Zentrums- oder Universitätsspitäler abwandern und andererseits wird die Arbeitsplatzattraktivität abnehmen. So würde man keinen Bauchchirurgen mehr bei uns hier finden», erklärt Hauser. Der Patient stehe natürlich schon an oberster Stelle, aber sie würden sich diese Leistungen auch zutrauen, weil sie ausgerüstet seien und die entsprechenden Fachspezialisten vorhanden seien.

Wenn es nach dem Spezialisten Pierre-Alain Clavien gehen würde, sollten künftig nur noch fünf bis acht Zentren komplexe Baucheingriffe anbieten dürfen. Ob dem in der Schweiz entsprochen werden kann, wird sich zeigen.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Kurt Meier (Kurt3)
    Der Ehrgeiz der kleinen und mittleren Spitäler auch komplizierte Operationen selber auszuführen , ist auch ökonomischer Unsinn. Das Bloomberg Rankig über die Effizienz der Gesundheitssysteme zeigt die Schweiz an den ersten Rängen mit fast 10'O00 $ Kosten pro Einwohner . Bei der Effizienz landet die Schweiz aber nur auf Rang 14 ( zwischen Frankreich und Griechenland.
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Bingo! In der Schweiz geht es zuerst um die Befriedigung der Versicherungen und die Beschaeftigung ihres juristischen und versicherungs"medizinischen" Wasserkopfs. Dann um genug komplizierte Operationen und Transplantationen sowie honorartraechtige Gefaelligkeitsgutachten fuer Versicherungen fuer moeglichst viele in- und auslaendische Versicherungszudiener. Der WGO-Abkommensanspruch auf optimale Gesundheit und Wohlbefinden des Patienten kommt nur noch in kuemmerlichen Resten unter "ferner liefen
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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Aber genau das wollen doch jene, die mehr Markt fordern im Gesundheitswesen? Da wird uns immer wieder der Markt als Allerheilmittel für alle Uebel präsentiert und der Markt werde es schon richten. Und dann merkt man, dass es weder Fakten zur Qualität noch Lösungen für genau diese Probleme gibt. Es gibt genug Beispiele wo ein Maurer weiter gut verdient, auch wenn er nur krumme Mauern baut. Bei den Aerzten sinds halt nicht krumme Mauern sondern Komplikationen. Aber der Markt wirds schon richten.
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    1. Antwort von John Johnson (Kelten)
      @Müller. Haben Sie den SRF-Bericht gelesen? Seit wann sind die div. staatlich gesteuerten Kantonsspitäler mit ihren staatlichen Auflagen dem Markt ausgesetzt? Die meisten Privatkliniken hingegen sind dem Markt ausgesetzt; und spezialisieren sich schon seit Jahren klar auf ihre schmale und tiefe Kernkompetenz. Der Wildwuchs und Willkür haben wir primär bei den stark subventionierten Kantonsspitäler. Ich fordere schon lange eine offene Transparenz aller staatlichen Subventionen an die Spitäler.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @Johnson: Das mit Staatlich gesponsert ist längst nicht mehr so wie Sie meinen. Luzern muss mit X Millionen das Kantonsbudget retten und Schwyz bezahlt allen dasselbe und nur das gesetzliche Minimum. Nur um 2 Beispiele aus Ihrer Umgebung zu nennen. Umgekehrt haben Sie ein zu ideales Bild der Privaten. Gemacht wird was rentiert und nicht was man kann. Manch einer stellt sich da als Spezialist dar, obwohl er knapp den Facharzt hat.
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  • Kommentar von Noah Neumann (Neumann)
    Für die Argumentation des Geschäftsleiters vom Kantonsspital Glarus (Markus Hauser) habe ich überhaupt kein Verständnis. Dieses Argument fusst auf purem Eigeninteresse des Spitals, widerstrebt jedoch grundlegend dem Gesamtinteresse des Gesundheitswesens (also letzlich dem Patienten und Prämienzahler)! Spezialbehandlungen gehören vernünftigerweise an wenigen Standorten konzentriert (Bündelung von Fachwissen und Erfahrung, Konzentration von teuren Geräten) - dies ist ökonomisches Grundlagenwissen!
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