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Wiederverwendbare Gefässe sind durchaus im Trend, trotzdem verwenden sie viele nicht. Es ist aufwändig.
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 08.06.2021.
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Kampf gegen Abfall Dieses Mehrweggeschirr aus Bern erobert ganz Europa

Die Berner Firma Recircle expandiert in weitere Länder. Ihre Mehrweg-Schüsseln und -Becher stossen aber auch auf Skepsis.

Kaffeebecher, Salatschüssel, Dönerbox. Take-away-Verpackungen sind kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken, verursachen aber auch einen grossen Abfallberg. Alleine in der Stadt Bern sind dies tausend Tonnen pro Jahr.

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Legende: Salate in Plastikboxen, Menüs in Einweggeschirr und Dönerbox: Take-away-Essen führt zu viel Abfall. Keystone

Eine mögliche Lösung für dieses Problem ist Mehrweggeschirr – je nach Material ist die Ökobilanz deutlich besser als jene von Einweggeschirr. In Bern hat die Unternehmerin Jeannette Morath bereits vor einigen Jahren ein Projekt mit Mehrweggeschirr lanciert – «Grüne Tatze» hiess das, etabliert hat es sich jedoch nicht. Das Problem: Die Boxen hatten nicht die richtige Grösse für Restaurants und der Kundschaft fehlte das Geld.

Entwicklung brachte den Durchbruch

Das Geschirr ist mittlerweile auberginefarben, der Name wurde auf Recircle geändert, die Grössen angepasst und nun ist die Nachfrage da – auch im Ausland. Die Mehrweg-Becher und -schüsseln aus Bern gibt es bereits in Deutschland und Frankreich. Hinzu kommen die Niederlande, Dänemark, Estland und Italien – nicht zuletzt wegen des Mehrweggesetzes in der EU.

EU verbietet Einwegplastik – die Schweiz nicht

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Einwegplastik-Produkte werden ab Juli 2021 in der EU verboten. Besteck, Geschirr, Röhrli oder Rührstäbchen aus Einwegplastik dürfen in der EU nicht mehr produziert werden. Auch To-go-Becher oder Verpackungen aus Kunststoff oder Styropor werden verboten.

Aus diesem Grund schiessen derzeit Angebote wie Recircle wie Pilze aus dem Boden, sagt Jeannette Morath. Sie habe deshalb in der EU bereits einige Konkurrenz. In der Schweiz sei sie jedoch die einzige grössere Anbieterin.

Schweizweit gibt es kein solches Plastik-Verbot. Einige Kantone verbieten an Events und grösseren Festen aber ebenfalls den Gebrauch von Einweggeschirr. Im Kanton Bern beispielsweise müssen Veranstaltungen ab 500 Gästen Mehrweggeschirr einsetzen. In der Stadt Zürich hat das Parlament anfangs Juni einen Vorstoss überwiesen, der den Gebrauch von Einweg-Plastik in der Stadt verbieten will.

Für die Schweiz ist das Ziel von Jeannette Morath, dass bis in 10 Jahren alle Restaurants Mehrweggeschirr verwenden. Von den rund 27'000 Restaurants und Take-away-Betrieben setzen bisher rund 1500 auf das Mehrweggeschirr von Recircle, das man für ein Depot von fünf oder zehn Franken ausleihen und immer wieder zurückbringen, es aber auch behalten und wiederverwenden kann.

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Legende: Ökologisch und nachhaltig: Mehrweggeschirr liegt im Trend. Trotzdem braucht es einen Effort, um von den Einweg-Schachteln und To-go-Bechern loszukommen. zvg

Es brauche seine Zeit, weil eine Verhaltensänderung nötig sei, sagt Morath: «Wir haben festgestellt, dass der Kunde im Schnitt fünf Kontakte mit dem Geschirr braucht, bis er es verwendet.» Man müsse immer wieder fragen, es ihm immer wieder zeigen.

An Mehrweggeschirr denken

Es sei nämlich ein gewisser Aufwand nötig, sagt Sandra Kiss von der Bio-Bäckerei Ängelibeck, die an ihren Standorten das Mehrweggeschirr verkauft: «Man muss daran denken, diesen Cup mitzunehmen. Ich selbst nehme ihn nach Hause, wasche ihn ab, dann verschwindet er auch mal im Tuperware-Fach.» Es brauche einen gewissen Effort der Kundschaft, sie müssten vom Plastik weg wollen, so Kiss. Wenn die Einfachheit wichtiger sei, harze es.

Wieso kein Gefäss rot sein darf

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Die erste Box von Jeannette Morath mit dem Namen «Grüne Tatze», hatte einen grünen Deckel und eine graue Schüssel. Bis sie zur auberginefarbenen Box wurde, brauchte es einige Analysen. Die zeigten nämlich, dass die Farbe grau nicht geht: «Das kam bei den meisten Kunden nicht gut an, weil es ein Abfallsack-grau war», sagt Morath.

Sie wollten eine Farbe, die auffällt, die aber nicht dominiert und die weiblich und männlich ist. Mit einer Verpackungs-Expertin habe sie dies angeschaut und herausgefunden, dass die Farbe blau bereits für Milchprodukte vergeben ist, «rot darf man nicht brauchen, weil die Leute sonst zu viel essen.» Und so seien die Produkte nun auberginefarben.

Zudem sei diese Verpackung nicht für jedes Essen geeignet, für Salate beispielsweise nicht: «Der Kunde will sehen, was er kauft. Mit diesem Deckel ist das nicht möglich», sagt Sandra Kiss vom Ängelibeck. Sie würden ständig neue Anbieter prüfen, die ökologische Behälter anbieten.

Einweg-Verpackungen kosten Geld

Auch die Unternehmen würden davon profitieren, denn Einweg-Verpackungen seien teuer: «Jedes Gipfeli in einen Beutel, die Menüs in Einweg-Verpackungen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das finanziell bedeutet.»

Um es der Kundschaft einfacher zu machen, tüfteln die rund 14 Angestellten von der Berner Firma Recircle an weiteren Möglichkeiten, um beispielsweise auch hochtransparente Deckel anzubieten: «Wir haben einfach noch kein Material gefunden, das gesundheitlich unbedenklich ist und man hundertmal waschen kann», sagt Jeannette Morath. Mit der EPFL in Lausanne würden sie derzeit auch eine komplett durchsichtige Box testen und es soll einst Wasch-Automaten geben, die die Gefässe automatisch von selbst waschen.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 07.06.2021, 17:30 Uhr;

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Gion  (dgion)
    Manchmal ist es besser zuerst nochmals nachdenken bevor man dem Aktionismus verfällt. Die Schweiz hatte zB wie andere Länder auch in einem beispiellosen Anfall von Intelligenz die Glühbirnen (zu früh) verboten mit dem Resultat das der Queckilberausstoss der Verbrennungsanalgen massiv anstieg - ich habe lieber CO2 als Quecksilber in der Luft.
    Bei dem Einweg/Mehrweg Geschirre stellt sich die Frage welches wirklich ökologischer und wie in beiden Fällen die Schadstoffabgabe ins Nahrungsmittel ist.
  • Kommentar von Achim Frill  (Africola)
    Das einzig richtige wären voll kompostierbare Einweggeschirre aus Stärke oder so, alles andere ist bloss grüne Gewissenberuhigung. Wenn man Energie, Wasser und Reiniger dazurechnet, um diese Gschirrli wieder sauber zu bekommen, dann ist diese "ultimative Berner Erfindung" wahrscheinlich deutlich unökologischer als Einweggeschirr.
    1. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      Ich finde, Sie irren. Das einzig richtige ist kein neues Produkt, sondern eine Verhaltensänderung, in dem Fall das Benutzen (und mitschleppen und reinigen) vom Mehrweggeschirr.
      Eigentlich liegt bei vielen (ökologischen) Problemen unserer Zeit die einzig richtige Lösung in einer Verhaltensänderung.
    2. Antwort von Achim Frill  (Africola)
      Hahnau, ja Sie haben natürlich schon recht mit der Verhaltensänderung, da pflichte ich Ihnen vollkommen bei. Aber die Verhaltensänderung dürfte auch mal von der Industrie kommen - ich bin wirklich grosser Fan von kompostierbaren Kunststoffen, deren Entwicklung nämlich schon sehr weit fortgeschritten ist. Ein Kunststoff, der nach wenigen Wochen vollkommen verrottet zu Dünger geworden ist, sehe ich einfach als viel ökologischer an, als die unverrottenden Mehrweggeschirre.
    3. Antwort von Andreas Burkhart  (Burkharta)
      Einweggeschirr wächst nicht auf Bäumen. Für deren Herstellung brauchts ne Menge Energie und zwar deutlich mehr als zum Abwaschen einer Dose.
  • Kommentar von Pierre de Senarclens  (Pierre de Senarclens)
    Wieder mal so ein Beispiel, wo die Schweiz im Gegensatz zur EU ein eigenes Züglein fährt. Überall in Europa scheint man gemerkt zu haben, dass Einwegplastik zu viel Abfall führt, und darum wird's verboten. Bei uns? Ach nö, lieber no chli wieterschlafe...
    1. Antwort von Mark R. Koller  (Mareko)
      Die Innovation mit diesem wiederverwendbaren Plastikgeschirr kommt, wie im Bericht zu lesen ist, aus der Schweiz und nicht aus der EU. Mir ist darüberhinaus Einsicht und Förderung angenehmer als Verbote.