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Legende: Audio Hebammen machen mehr als nur Geburtshilfe abspielen. Laufzeit 22:57 Minuten.
22:57 min, aus Kultur kompakt vom 23.05.2019.
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Kampf um Akademisierung Die Hebamme – ein unterschätzter Beruf

Seit über zehn Jahren kann man den Hebammenberuf zwar studieren, bei der Forschung aber hinkt die Schweiz hinterher.

Es brauchte einen langen Atem, bis der Schweizerische Hebammenverband eines seiner wichtigsten Ziele erreichte: Erst 1972 wurde in der Schweiz die erste einheitliche Berufsausbildung für Hebammen ins Leben gerufen.

Kein Wunder, dass der Weg bis zur wissenschaftlichen Anerkennung noch weit war: Ein Studium für Hebammen schien hierzulande lange völlig abwegig. Das hat Eva Cignacco erfahren. Sie war die erste Schweizer Hebamme, die in den 90er Jahren studieren wollte.

Wissen reichte nicht aus, um mitzuhalten

Der Grund: «Ich hatte während meiner Tätigkeit als Hebamme sehr schnell das Gefühl, dass ich gegenüber der Ärzteschaft kein Argumentarium hatte, um mein Handeln zu verteidigen», sagt Cignacco.

«Es gab diese klassischen Diskussionen über die Notwendigkeit eines Dammschnitts oder die Notwendigkeit einer künstlichen Geburtseinleitung. Und da kam ich einfach nicht weiter mit dem Wissen, das mir vermittelt wurde.»

Die meisten Berufskolleginnen reagierten damals auf ihren Wunsch mit Unverständnis: Der Hebammenberuf sei primär ein praktischer Beruf. Da brauche es keine Theorien.

Doch Eva Cignacco liess sich nicht beirren. Sie studierte und doktorierte in Holland. Später forschte und habilitierte sie an der Univeristät Basel. Heute leitet Eva Cignacco die Forschung rund um Geburtshilfe an der Berner Fachhochschule.

Legende: Video SRF Archiv: Einzelne studierten bereits vor den 60er Jahren im Ausland. abspielen. Laufzeit 01:14 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.05.2019.

Seit 2008 gibt es ein Studium

Denn auf einmal ging es dann doch schnell: Die Schweiz setzte die Bologna-Hochschulreform zügig um. Seit 2008 studieren Hebammen in der Deutschschweiz an Fachhochschulen und schliessen mit einem Bachelor ab.

Innerhalb der Berufsgruppe war die Skepsis gegenüber der Akademisierung am Anfang gross – viele befürchteten, das Handwerk würde zu kurz kommen. Mittlerweile sei das kein grosses Thema mehr, sagt Barbara Stocker, die Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands.

«Manchmal gibt es Momente, in denen man merkt, dass es noch Skepsis gibt. Aber ich bin der Meinung, dass das in der Schweiz relativ gut und auch relativ schnell über die Bühne gegangen ist. Und ich glaube auch, dass die Hebammen, die schon lange im Beruf sind, auch gemerkt haben, dass sie nicht zweiter Klasse sind.»

Das Ziel einer wissenschaftlich anerkannten Ausbildung für Hebammen ist heute also erreicht. Anders sieht es bei der Forschung aus, die Hebammen leisten, sagt Eva Cignacco.

Nicht nur medizinischer Aspekt wichtig

Die Hebammenforschung selbst hat einen ausgesprochen schweren Stand, da diese Forschungsausrichtung in der Schweiz sich bis anhin noch nicht gut etabliert hat und sich auch von der medizinischen Forschung abzugrenzen hat.

Es gehe nicht ausschliesslich um medizinische Fragestellungen, sondern es stünden auch psychologische und soziale Fragen im Zentrum, sagt Cignacco. So gelte es, etliche Überlappungen mit anderen Fachbereichen wie zum Beispiel auch mit Psychologie und Soziologie zu überwinden. Diese Interdisziplinarität mache es oft schwierig, Forschungsgelder zu akquirieren.

Zahl der Dammschnitte ist gesunken

In Grossbritannien und in Skandinavien wird seit über 50 Jahren Hebammenforschung betrieben. Die Schweiz hinkt in diesem Bereich hinterher. Eva Cignacco hofft, dass sich dies ändert, wenn der Nutzen der Forschung erkannt wird. Ein aktuelles Beispiel sei die Zahl der Dammschnitte, die seit 2012 deutlich gesunken ist:

Diese Reduktion hat sicherlich mit den vielen Diskussionen zu tun, die akademisch gebildete Hebammen ausgelöst haben.
Autor: Eva CignaccoHebamme

«Diese Reduktion hat sicherlich mit den vielen Diskussionen zu tun, die akademisch gebildete Hebammen ausgelöst haben. Mit all den Studien, die durchgeführt wurden, die den Nutzen dieser Intervention kritisch hinterfragen», so Cignacco.

Frauen Demo.
Legende: Ein steter Kampf um die Anerkennung ihres Berufs: Im 2011 gingen Hebammen am Internationalen Tag der Hebamme auf die Strasse. Keystone

Um die neuen Forschungsarbeiten ist auch Barbara Stocker, die Präsidentin des Hebammenverbands, froh. Denn es brauche Studien, um den Effekt der Hebammenarbeit für die Gesundheit von Mutter und Kind und damit den volkswirtschaftlichen Nutzen zu belegen.

Der Hebammenberuf ist immer noch mit einem Jöö-Effekt behaftet. Wie viel hinter dem Beruf steckt, wie viel Verantwortung Hebammen tragen, ist vielen nicht bekannt. Ihr Wunsch für die Zukunft: Mehr Anerkennung für die Arbeit und für die Forschung von Hebammen in der Schweiz.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    @hpmüller_1: Geburtshilfe gehört in Frauenhände und wenn es ausserordentliche Männer wie Frédéeric Leboyer gibt auch in Männerhände. Frauen wünsche ich, soweit es möglich ist zuhause oder im Geburtshaus zu gebären. Die Spitalgeburt darf und soll eine wichtige Option sein.
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Liebe Hebammen was wäre die Geburtshilfe ohne Euch? Kaum auszuhalten. Euer Berufsstand ist sozusagen der Sensor, wie es mit den Frauen in einer Gesellschaft bestellt ist. Ich zitiere hier einen Mann, einen fortschrittlichen in den 1960 Jahren: "The position women have is, in any society, the exact measurement of its level of development." Ich würde diesen Satz erweitern mit der Position, die Hebammen in einer Gesellschaft haben ...
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Kein "Frauen-Arzt", kann jemals eine ausgebildete "Hebamme" ersetzen! Mann, bleibt Mann - körperlich und psychisch! Weiterhin erstaunlich, dass sich Männer als "Frauen-Arzt" ausbilden lassen!?
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    1. Antwort von Hanspeter Müller  (HPMüller)
      Diese Diskussion gab es schon im 17. Jhd. Die Begründung leuchtet mir nicht wirklich ein, weil bei keinem anderen Zustand/Krankheit würde man fordern, dass die Aerztin nur behandlen kann/darf, wenn sie diesen Zustand/Krankheit schon einmal selber erlebt hat. Empathie, Wissen und Können beschränkt sich auf kein Geschlecht. Und um diese 3 Dinge dreht sich die Geburtshilfe. P.s. es gibt auch Urologinnen, also Männer-Aerztinnen. finden Sie das auch "erstaunlich"?
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    2. Antwort von Denise Casagrande  (begulide)
      Hanspeter Müller: Es geht darum, dass kein Mann je: Menstruation- und allfällige Schmerzen haben/fühlen kann, dasselbe gilt für Schwangerschaft und Geburt, etc....weshalb sich "Frauenärztin und Hebamme", dafür prinzipiell besser eignen. Keine Frau/Ärztin kann sich gefühlsmässig ebensowenig in einen Mann versetzen.
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