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Kauf auf Pump Paycard: Kreditvergabe über dem Ladentisch

An der Ladenkasse einer Interdiscount-Filiale macht ein Verkäufer einer Schülerin die Vorzüge des bargeldlosen Zahlens schmackhaft. Die junge Frau unterschreibt einen Vertrag für eine Paycard. Ihr war nicht bewusst, dass sie damit einen Kredit aufgenommen hat.

Legende: Audio Paycard: Kreditvergabe über dem Ladentisch abspielen. Laufzeit 06:47 Minuten.
06:47 min, aus Espresso vom 25.07.2018.
  • In einer Interdiscount-Filiale bekommt eine 18-jährige Schülerin eine sogenannte Paycard. Damit kann sie Waren auf Rechnung beziehen.
  • Wird jedoch nach einem Kauf die Rechnung nicht pünktlich bezahlt, verrechnet die Paycard-Herausgeberin wie bei Kreditkarten Verzugszinsen von 12 Prozent.
  • Für Konsumentenschützer und Schuldenberater verlockt diese Paycard vor allem Junge zum Schuldenmachen.

Sie habe gedacht, sich verhört zu haben, erzählt Frau Müller (Name geändert) dem Konsumentenmagazin «Espresso» von Radio SRF 1. Ihre Tochter war mit einer Freundin unterwegs. Diese wollte sich ein neues Handy kaufen. Aber im Laden bemerkte sie, dass sie ihr Geld zu Hause hatte liegen lassen. Die Freundin ist nicht volljährig und hat keine Kreditkarte. Auch die Tochter von Frau Müller hat keine Kreditkarte. Aber mit 18 Jahren sie ist volljährig.

Formular ausfüllen und schon gibt’s ein Handy auf Rechnung

Damit der Handy-Kauf nicht verschoben werden musste, überredete der Verkäufer einer luzerner Interdiscount-Filiale die Tochter von Frau Müller, einen Vertrag über eine Paycard abzuschliessen. Das sei eine Art Kundenkarte, mit der sie künftig in verschiedenen Läden bequem auf Rechnung einkaufen könne. So könne sie das Handy für die Freundin kaufen und das Geld dann von ihr zurück verlangen.

Wer mit der Paycard zahlt, nimmt bei jedem Kauf einen Kredit auf. Das ist perfid.
Autor: Alex von HettlingenStiftung für Konsumentenschutz

Dazu musste die 18-jährige Schülerin lediglich ein Formular ausfüllen. Wenige Minuten später verliessen die beiden Frauen den Laden, in der Tasche das neue, achthundertfränkige Handy.

Frau Müller, die Mutter der 18-jährigen, ist empört. «Meine Tochter geht noch zur Schule, sie hat kein eigenes Einkommen. Wie kann es sein, dass sie eine solche Karte bekommt?» Bei der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) sind weitere Reklamationen zur Paycard eingegangen.

«Bei der Paycard handelt es sich um ein perfides Angebot», kritisiert Alex von Hettlingen von der SKS. Wer das Kleingedruckte genau lese, stelle fest, dass die Paycard keine Kundenkarte im herkömmliche Sinn sei. «Wer mit der Paycard bezahlt, nimmt bei jedem Kauf einen Kredit auf».

Bei Kreditkarten werden Zinsen von bis zu 12 Prozent fällig

Der Unterschied zwischen einer Kunden- und Kreditkarte: Wer mit einer Kundenkarte kauft und die Rechnung nicht pünktlich bezahlt, muss neben allfälligen Mahnspesen einen Verzugszins von 5 Prozent bezahlen. Bei der Paycard sind es – wie bei Kleinkrediten - satte 12 Prozent. Dieser Zinssatz ist für von Hettlingen «nahe an der Wuchergrenze».

In der Schweiz bekommt nur Kredit, wer solvent ist. Das Konsumkreditgesetz verlangt eine Kreditfähigkeitsprüfung. Diese Prüfung sei bei der 18-jährigen Schülerin durchgeführt worden, erklärt die Paycard-Herausgeberin, die Firma Retail Marketing Switzerland gegenüber «Espresso». Die Prüfung sei positiv ausgefallen.

Karte
Legende: Mit der Paycard. können Waren auf Rechnung bezogeen werden. paycard.ch

«Kein Wunder», erklärt der Schuldenexperte und Co-Leiter der Berner Schuldenberatung, Mario Roncoroni. «Auf dem Formular wird nach dem Haushaltseinkommen gefragt. Dort hat die Schülerin angegeben, was ihre Eltern verdienen.»

Massgebend bei einer Kreditfähigkeitsprüfung sei aber nicht das Haushaltseinkommen, sondern das Einkommen der jeweiligen Person. «Dass man der jungen Frau eine Paycard ausgestellt hat, verstösst gegen das Gesetz», sagt Roncoroni. Ihm sind weitere solcher Fälle bekannt.

Coop will bei der Paycard über die Bücher gehen

Die Paycard wird in Coop-Geschäften angeboten. Neben Interdiscount beispielsweise bei Fust, Nettoshop, bei Body Shop oder in der Import Parfumerie. Roncoroni wirft Coop vor, mit dieser Karte nur auf dem Umsatz zu schielen.

Diese Vorwürfe weist Coop Mediensprecherin Andrea Bergmann zurück. Der Verkäufer habe die Onlineprüfung korrekt durchgeführt. Dennoch werde man das Verkaufspersonal in diesen Geschäften noch einmal auf das Thema sensibilisieren und vor allen auch das Formular für die Kreditfähigkeitsprüfung anpassen.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Arthur Häberli (Arthur Häberli)
    Eine wichtige Lektion für die zwei Damen. Die 800 Franken werden in der, hoffentlich, ganz langen Lebensgeschichte der zwei eine kleine Dimension einnehmen. So viele 'kundenfreundliche' Angebote gab es vermutlich noch nie. Irgendeinmal werden sie vielleicht ein selbstfahrendes Auto, mit oder ohne Werbung (teurer) 'abonieren', dass direkt bei der Fahrt Einkaufsvorschläge macht und PickUp organisiert, ja den Weg dahin mit in den Heimweg einbaut. Abhängig vom Vertrag, wo die Fahrt durchgeht.
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Wo ist das Problem? Diese Gesellschaftsform wollen wir und steuern es seit den 90er Jahren an: der echte Kapitalismus. Unbegrenzter Konsum, ungestopptes Wirtschaftswachstum, Freiheit durch neue Güter. Die Jungen erlernen dieses Gesellschaftsmodell ab der Wiege und wir älteren leben es schamlos vor: riesige Wohnungen, gigantische Autos, Ferien auf dem ganzen Globus, Essen wann und was man will zu jeder Jahreszeit usw. Es ist das Gesellschaftsmodell das in seinem Kern das Böse trägt.
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  • Kommentar von Adrian Gerber (Gerber)
    So wirklich neu sind solche Karten ja auch nicht. Steg und Mediamarkt bieten das selbe an. Mediamarkt ab dem 2. Jahr sogar mit Jahresgebühr. Wenn man etwas kaufen will, sollte man es auch bezahlen können. Somit steht auch der Konsument in der Verantwortung. Und sollte der Herausgeber der Karte die Bonität schludrig kontrollieren, wird dieser dem Geld selber hinterher rennen können. Die Eltern der Schülerin wird niemand haftbar machen können. Das selbe gilt sogar unter Verheirateten.
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