Zum Inhalt springen
Inhalt

Kein Grab über dem Thunersee Sein letzter Wunsch blieb unerfüllt

Der Amerikaner George Gallup hat die repräsentative Umfrage erfunden. In Sigriswil am Thunersee suchte er Ruhe. Seine letzte Ruhe wurde ihm dort jedoch verweigert.

Legende: Video Letzte Ruhe wurde George Gallup verweigert abspielen. Laufzeit 02:12 Minuten.
Aus Tagesschau vom 10.11.2018.

Verstreut liegen kleine Chalets am Berghang. Im Tal glitzert der Thunersee in der Herbstsonne. Das Geläut von Kuhglocken durchdringt die Stille auf der Terrasse des Hauses, in dem der Amerikaner George Gallup rund die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens, mindestens die Sommerferien, verbracht hat. Im beschaulichen Sigriswil am Thunersee habe der grosse Sozialforscher Ruhe und Entspannung gesucht, erklärt Christoph Bangerter. Seine Eltern waren eng mit dem Ehepaar Gallup befreundet. An das Holzhaus hat Christoph Bangerter sehr gute Erinnerungen. «Die Gallups waren stets sehr gastfreundlich, zuvorkommend und auch bescheiden.» Bangerter bewundere George Gallup dafür, mit welch aufrichtigem Interesse und Geduld er auch ihm begegnet sei. Einem damals, wie er selbst sagt, «sich in der Spätpubertät befindenden Medizinstudenten».

Ein «leuchtendes Vorbild», auch für Schweizer Wahlforscher

Auch Claude Longchamp, der bekannte Wahlforscher mit der Fliege, bewundert George Gallup. Er sei für ihn ein «leuchtendes Vorbild». Er habe die Stichprobe erfunden und so bei der US-Präsidentschaftswahl von 1936 das richtige Ergebnis vorhergesagt.

Zu seinen Lebzeiten gehörte George Gallup zu den 50 wichtigsten Sozialwissenschaftlern.
Autor: Claude LongchampWahlforscher

Auch wenn die von ihm erfundene Methode, Stichproben zu bilden, inzwischen veraltet sei, konnte er dennoch demonstrieren, dass man mit der Befragung einer kleinen Gruppe ein Ergebnis korrekt vorhersagen könne. «Zu seinen Lebzeiten gehört George Gallup zu den 50 wichtigsten Sozialwissenschaftlern», so Longchamp weiter.

Die letzte Ruhe verweigert

Nicht nur das ehemalige Haus von George Gallup ist malerisch gelegen, sondern auch der Friedhof der Gemeinde Sigriswil. An den Grabsteinen vorbei geht der Blick auf den Thunersee und die dahinter liegenden Berge. Doch auf den Steinen sucht man einen Namen vergebens: George Gallup. Dies, obwohl er sich gewünscht hatte, in Sigriswil bestattet zu werden, bevor er im Juli 1984 in der Schweiz verstarb. Für die Eltern von Christoph Bangerter war dies nicht weniger als ein Skandal: «Besonders meinen Vater hat dies sehr getroffen.»

Bestattung nur mit steuerrechtlichem Wohnsitz

«Der Platz auf dem Friedhof war damals knapp», erklärt der ehemalige Gemeindepräsident von Sigriswil, Peter Tschanz (SVP). Die Anfrage in Bezug auf Herrn Gallup sei nicht die Einzige gewesen. Man habe im Grundsatz entschieden, dass nur beerdigt werden darf, wer auch steuerrechtlichen Wohnsitz in Sigriswil gehabt habe. «Deshalb konnten wir im Fall von George Gallup keine Ausnahme machen.» Es allein mit seiner Prominenz zu erklären, wäre schwierig geworden.

Letzte Ruhe im Land der direkten Demokratie

Wie Christoph Bangerter bedauert auch Claude Longchamp, dass ein Begräbnis in Sigriswil nicht möglich war. George Gallup sei in die Schweiz gekommen, um die direkte Demokratie zu erforschen. Da hätte es auch zu ihm gepasst, im Land der direkten Demokratie seine Ruhe finden zu können – an einem Ort mit grosser Tradition für Volksversammlungen. Das Platzproblem auf dem Friedhof Sigriswil hat sich indes von allein gelöst. Durch ein Gemeinschaftsgrab und immer weniger Erdbestattungen stehen die Grabsteine mit Aussicht weniger eng als noch vor einigen Jahrzehnten.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von B. Moser (moser.b)
    In der Gemeinde, wo ich lebe ist dies auch so. Entweder man stirbt in der Gemeinde oder man wohnt dort (Steuersitz). Ausnahme: Auslandsschweizer welche dort den letzten Wohnsitz hatten, oder der Verstorbene hatte dort einst gewohnt und die nächsten Angehörigen leben noch in der Gemeinde (Es Unsinn z.B. für den verstorbenen ledigen Sohn in Zürich eine Grabstätte zu haben, wenn die Eltern in Sigriswil wohnen). Ein ganz normales Friedhofreglement in der Schweiz, welches auch für George Gallup galt!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Verdichtungsstress sogar auf dem Friedhof. Massengraeber fuer arme Einheimische, Traditionelle Einzelgraeber mit in Stein gemesseltem Namen fuer reiche Auslaender gar dann, wenn sie in der Gemeinde nicht mal Wohn- und Steuersitz gehabt haben....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Ich weiss einfach nur dass es eine verdammt schöne Gegend ist rund um den Tunersee. Ob Oberhofen oder der Beatenberg und das Niederhorn oder die andere Seeseite von Spiez nach Interlaken, neuerdings mit Metallhängebrücken auf beiden Seiten und Bäumen so schön wie auf der Insel Mainau. Das schönste Altersheim ist wohl auf dem Beatenberg, mit Blick auf die Berner Viertausnder, kann also verstehen dass man sich da wohlfühlt und gar nicht mehr wegwill, obwohl Bewusstsein lässt sich nicht vergraben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      So ists auch am Arc Lemanique. Aber leider nur ein Paradies fuer Reiche. Aber eine Steuerhoelle fuer den zu fleissigen Mittelstand mit Steuer- statt nur Feriensitz gar auch nach der Pensionierung mit dem nur noch rund halben Einkommen....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen