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Schweiz Keine alten Wunden aufreissen: Väter verzichten aufs Sorgerecht

Das neue Sorgerecht ist seit Mitte 2014 in Kraft. Neu ist seitdem unter anderem, dass getrennte oder geschiedene Väter, die das Sorgerecht für ihr Kind bisher nicht besassen, dieses beantragen können – auch gegen den Willen der Mutter. Doch jetzt zeigt sich: Die grosse Nachfrage bleibt aus.

Ein Mann hält ein Kind an der Hand, beide tragen Schlittschuhe, daneben eine Frau ohen Schlittschuhe.
Legende: Obwohl sie es könnten: Nicht viele Väter beantragen das Sorgerecht nachträglich. Keystone

Bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Stadt Bern führt der Präsident eine Strichliste. Ganze 17 Strichlein sind es bis jetzt, wie er sagt. Bei 17 Fällen will zumeist der Vater gegen den Willen der Mutter das gemeinsame Sorgerecht für das Kind beantragen. Keinen riesigen Ansturm melden auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden der Städte Zürich und Basel.

Er habe mit einem grösseren Run gerechnet, sagt der Leiter der Kesb von Basel-Stadt, Peter Moser: «Mittlerweile haben wir aber festgestellt, dass die Realität anders ist, und dass der Bedarf einfach nicht so gross ist.» Offenbar wollten viele Väter ganz einfach keine alte Wunden aufreissen. Und zum Teil scheinen die Väter ihr neues Recht auch gar nicht zu wollen: «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Väter sich davor scheuen, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen.» Solange sie ihre Kinder regelmässig an Wochenenden sehen dürften, seien manche getrennte oder geschiedene Väter froh, nicht zusätzliche Verantwortung tragen zu müssen.

Deadline bis Ende Juni 2015

Der Präsident der Organisation Verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter, Oliver Hunziker, hat für das neue Sorgerecht gekämpft. Er wehrt sich. Er habe sich immer wieder anhören müssen, dass Väter sich gar nicht für ihre Kinder interessieren würden. «Das ist zum einen richtig: Es gibt solche Männer, es gibt auch solche Frauen. Das waren aber nie die Männer, die wir vertreten haben.»

Entscheidend seien jene Fälle, in denen die Väter mehr Verantwortung wollten – auch wenn dies bisher nur wenige sind, meint Hunziker. Noch bis Ende Juni 2015 können getrennte oder geschiedene Väter rückwirkend die gemeinsame Sorge beantragen. Bis dann wird sich zeigen, ob die Strichliste des Berner Kesb-Präsidenten noch anschwillt – oder ob sie so mager bleibt wie bisher.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Männer,lasst Euch rechtzeitig sterilisieren.Noch bevor das"Unglück"eingetreten ist.Sex OK,aber nur zum Vergnügen.Keine Kinder,keine Probleme keine Kosten.Geniesst das Leben,es ist zu kurz um sich mit unnötigem Nachwuchs zu belasten.Die Welt-Bevölkerung explodiert auch so.Ohne diesen kostspieligen,nervenaufreibenden,risikoreichen,individuellen"Beitrag".Funktioniert nicht,mit einem Kind eine Bindung zu erzwingen,oder sie zu halten.Berechnung rächt sich und ist unfair.Die"Flucht"zum Kind auch.
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  • Kommentar von Werner Christmann, Stein am Rhein
    Gemeinsames Sorgerecht ist sowieso reine Theorie. Wenn die Kinder an 6 von 7 Tagen bei der Mutter leben, hat diese immer die Fäden in der Hand. Wenn sie nicht ganz blöd ist, kann sie alles ganz subtil in die von ihr gewünschten Bahnen lenken. Will sich der Vater hier aktiv "einmischen", stürzt er höchstens seine Kinder in einen Loyalitätskonflikt. Es hat also nichts damit zu tun, dass Väter keine Verantwortung übernehmen möchten.
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    1. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      Eben darum wäre es wichtig,dass auch Männer/Väter sich um Teilzeitarbeit bemühten+durchsetzten.Da haperts aber noch immer sowohl bei Arbeitgebern als auch offenbar in der Männerwelt.Das gemeinsame Sorgerecht beginnt schon vor der Geburt.Mein Mann u.ich haben bereits vor der Heirat vertraglich nicht nur Finanzielles+Erbrechtliches geregelt,sondern auch unsre 50/50% Berufstätigkeit+Haushalt/Kinderbetreuung.Das war vor 40J!Das sollte auch für Scheidungskinder gelten.Faul,von Verzicht zu sprechen.
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    2. Antwort von Alex Bauert, Bern
      Interessanter Ehevertrag, Frau Hermann. Wurde der öffentlich beurkundet? Haben Sie den Vertrag mal erneuert während der Ehe, denn sonst ist er wahrscheinlich «übermässig» bindend geworden (v.a. zeitlich). Insgesamt ein cooler Ansatz. Habe ich noch nie gehört oder gelesen. Die Forschung zeigt, dass Versprechen der Männer bei der Arbeit zu reduzieren für Kinder schlicht kaum je umgesetzt werden (siehe Adele et al).
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    3. Antwort von Werner Christmann, Stein am Rhein
      Absolut vorbildlich Frau Hermann. Ich habe mit meiner zweiten Frau eine 3 jährige Tochter und ich betreue diese zu weit mehr als 50 %. Ich habe leider auch andere Erfahrungen mit meinen beiden Töchtern aus erster Ehe gemacht. Es ist als oft nicht einfach Faulheit, sondern das Abwägen ob es dem Kind nützt oder schadet wenn ich in diese Richtung etwas durchsetzen will.
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    4. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      A.Bauert,Eheverträge werden notariell beglaubigt.Würden Partner sich vor ihrer Bindung u.vor dem Kinderkriegen ein bisschen mehr Gedanken machen,es gäbe bei weitem weniger Probleme.Habe leider nach 34J Glück meinen Mann verloren.Sein Engagement für die Kinder hat allen gut getan.Bin überzeugt,sein männl.Einfluss hat der Tochter das Interesse fürs Physikstudium geweckt.Harmonie im Bett reicht einfach nicht,denn irgendwann flaut die Sache ab,gehen Kinder ihre eigenen Wege,was dann?
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    5. Antwort von Charles Dupond, Vivis
      @Hermann: Das (alte) Eherecht war ebenso Makulatur fuer Thumbe wie heute vom neuen Eheunrecht und der KESBerlitheaterpraxis abweichende Ehevertraege. Die werden naehmlich von der Juxtiz - die sich um das alte Eherecht seit der Abkupferung der nazistischen (Ex-)Sippenhaftung futierte - mit dem Vorwand der "Unsittlichkeit" nachtraeglich ungueltig erklaert.....
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    6. Antwort von Resi Weber, Lausanne
      Werner Christmann, für ein Mal bin ich absolut gleicher Meinung. Finde einfach Schade wie die betroffenen Behörden u. die Journalisten die Sachlage beurteilen: «Mittlerweile haben wir aber festgestellt, dass die Realität anders ist, und dass der Bedarf einfach nicht so gross ist.». Was aber der Grund des Handens der Vater betrifft, davon ist nicht die Rede. In Wirklichkeit nehmen m.E. die Vater Ihre Verantwortung gegenüber dem Kind wahr u. ziehen sich deshalb zurückl Schande der Müttter!
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  • Kommentar von Daniel Gull, Zürich
    Väter haben nun ein Recht auch gegen den Willen eines anderen - sprich gegen den Willen der Mutter zu klagen. Vielleicht sind Väter auch hier die vernünftigeren und wollen nicht neue Streitigkeiten provozieren, vielleicht wollen sie dadurch auch simpel und einfach ihren stillen Systemboykott demonstrieren, denn Klagen kostet Geld und wer will dieses Väter- und Kinderfeindliche System weiter mit eigenen finanziellen Mitteln stützen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind Privatsache.
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