Im März machte SRF das Ausmass von mutmasslichen Missbrauchsfällen in Kitas im Raum Bern und Winterthur publik. Nun folgen Verdachtsfälle in einer Betriebskita eines grossen Unternehmens in der Stadt Bern. In beiden Fällen stellt sich die Frage nach den Schutzkonzepten der Kindertagesstätten und weshalb diese nicht vorher gegriffen haben.
SRF News: Kitas in der Schweiz müssen Schutzkonzepte haben. Was beobachten Sie generell bei Meldungen bezüglich sexueller Übergriffe?
Yvonne Kneubühler: Wenn eine Meldung gemacht wird, dann steht ein Verdacht auf sexuelle Ausbeutung bereits im Raum. In aller Regel tritt aber bereits im Vorfeld irritierendes Verhalten auf, bevor überhaupt ein Übergriff passiert. Es gibt Hinweise, beispielsweise, dass die Person entgegen des Konzepts beim Wickeln die Türe schliesst oder ein Kind unangemessen tröstet.
Wie ist der Ablauf, wenn eine Person eine Meldung machen möchte?
Zuerst muss die Person wissen, wo sie sich melden muss. Das ist meist die erste Hürde. In kleinen Institutionen ist das häufig die Leitung, in grösseren gibt es interne oder externe Meldestellen. Dann ist es wichtig, dass die Person weiss, dass ihre Meldung ernst genommen und bearbeitet wird und dass sie erfährt, was danach geschieht. Am besten wird im Vorfeld informiert, wie der Prozess genau abläuft.
Können Sie ein konkretes Beispiel machen, wie ein solches Meldemanagement funktioniert?
Bei strafrechtlich relevanten Taten oder beim Verdacht darauf sollte die Meldung an ein internes Krisengremium weitergeleitet werden. Dieses prüft dann sorgfältig die nächsten Schritte, nimmt Verbindung zu Opferberatungsstellen und Polizei auf und informiert die Behörden. Wir empfehlen allen Kitas, ein solches Krisenkonzept im Vorfeld zu erarbeiten und die Mitarbeitenden darüber zu informieren.
Nur so bleibt ein Schutzkonzept im Alltag lebendig.
Heutzutage ist die Sensibilisierung grösser, es gibt Schutz- und Krisenkonzepte – weshalb kommt es trotzdem immer wieder zu Übergriffen?
Die meisten Kitas haben ein Schutzkonzept. Aber das Problem liegt darin, dass es im Alltag zu wenig gelebt wird. Es ist eine echte Herausforderung, dass man dieses Schutzkonzept auch im Alltag integriert, dass es beispielsweise ein fixes Traktandum an Teamsitzungen ist und bestimmte Situationen fachlich diskutiert werden. Nur so bleibt ein Schutzkonzept im Alltag lebendig.
Wenn ein Verdacht auf unangemessenes Verhalten besteht, wie kann es sein, dass diesem Verdacht nicht nachgegangen wird?
Das hat vielleicht damit zu tun, dass man denkt: Das ist ein Ausreisser, das war eine einmalige Sache, oder der ist halt so. Dies kann dann dazu führen, dass man die Situation zu wenig ernst nimmt. In den meisten Fällen gibt es gute Gründe, weshalb sich die Person nicht an Abmachungen hält. Aber es gibt Personen, die sehr strategisch vorgehen. Deshalb muss sich in jeder Kita eine kritische Feedbackkultur etablieren. Das braucht auch Mut vonseiten der Mitarbeitenden, einander kritisches Feedback zu geben.
Vor allem kleine Kitas leiden darunter, dass sie keine unabhängigen Meldestellen haben.
Wo sehen Sie die grösste Schwachstelle?
Ein wichtiger Punkt sind unabhängige Meldestellen. Vor allem kleine Kitas leiden darunter, dass sie keine unabhängigen Meldestellen haben. Meiner Meinung nach ist das eine grosse Schwachstelle des Systems, die man dringend beheben müsste. Ausserdem müssen die Kitas genügend Ressourcen haben, um die Schutzkonzepte auch umzusetzen.
Das Gespräch führte Nik Rigert.