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Hitzeresistente Bäume für die Schweiz
Aus 10 vor 10 vom 11.08.2021.
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Klimawandel Gesucht: Der Wald der Zukunft

Wie soll der Wald der Zukunft aussehen, wenn es bis zu drei bis vier Grad wärmer und im Sommer trockener ist als heute?

Ein steiler Hang, hoch über Bergün, an einem trüben Tag mit Niesel und Nebel Ende Juni. Und: eine erfreute Forscherin. Kathrin Streit von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL begutachtet die Bäumchen, die im vergangenen Herbst gepflanzt worden sind: «Am meisten Freude habe ich an der Traubeneiche, weil sie am weitesten ausserhalb von ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet gesetzt worden ist und weil sie hier gut angewachsen ist.»

Was macht eine Traubeneiche aus dem Pariser Becken, die sehr heisses und trockenes Wetter gewohnt ist, auf einer Höhe von über 1600 Metern über Meer? Kathrin Streit erklärt: «Wir möchten herausfinden, ob die Eiche da schon wächst, wo ihr das Klima eigentlich gegen Ende des Jahrhunderts zusagen könnte.» Das Ziel sei es, eines Tages auf dieser Höhe Samenbäume zu haben. «Damit die Bäume sich verjüngen können, wenn es hier dann wirklich so warm ist, wie in den Klimamodellen berechnet wird.»

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Die Traubeneiche: Aus Frankreich nach Bergün
Aus News-Clip vom 09.08.2021.
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Wie kann man die Schweizer Wälder fit machen für die Zeit gegen Ende des Jahrhunderts, wenn es bis zu drei bis vier Grad wärmer und im Sommer trockener ist als heute? Das ist Gegenstand eines gross angelegten Forschungsprojekts, auf der Suche nach Klimawandel-tauglichen Bäumen.

Nadel- und Mischwälder könnten zu Laubwäldern werden

Die Forschung rechnet damit, dass sich die Vegetations-Stufen nach oben verschieben werden – je nach Klimaentwicklung um 500 bis 700 Höhenmeter. Das bedeutet, dass heutige Nadel- oder Mischwälder zu Laubwäldern werden könnten.

Legende: Hoch über Bergün werden Baumarten gepflanzt, die bisher an wärmeren Orten heimisch waren. SRF / Claudio Spescha

Die Laubbäume «drücken» nach oben, beispielsweise wärmeliebende Baumarten wie Eichen oder auch Kirschbäume. So wurden Kirschbäume bereits auf einer Höhe von 1000 Metern gesichtet, während sie gewöhnlich nur bis 700 Meter über Meer auftauchen. Fachleute sehen in solchen Bäumen Vorboten des Klimawandels.

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«Versuchen Bäume an Orte zu bringen, wo ihnen das Klima gegen Ende des Jahrhunderts passen könnte»
Aus News-Clip vom 09.08.2021.
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In den nächsten 30 bis 50 Jahren macht man sich darum auf der Suche nach dem Wald der Zukunft. Auf fast 60 Testflächen in der ganzen Schweiz werden derzeit über 55'000 Bäumchen gepflanzt. Dabei arbeitet die eidgenössische Forschungsanstalt WSL mit dem Bafu und kantonalen Forstdiensten und Forstbetrieben in der ganzen Schweiz zusammen. Die entscheidende Frage ist dabei: Welche der Baumarten, die gegen Ende des 21. Jahrhunderts an einem Standort als geeignet gelten, können dort bereits heute gedeihen?

Welche Baumarten werden Opfer des Klimawandels?

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Legende: Dr. Kathrin Streit ist Forstingenieurin ETH und arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf. Sie ist Co-Leiterin des Projekts «Testpflanzungen zukunftsfähiger Baumarten». SRF

SRF News: Welche Baumarten könnten dem Klimawandel zum Opfer fallen?

Kathrin Streit: Am problematischsten ist der Klimawandel für die Fichte – auch weil diese seit den 50er-Jahren weit über ihr natürliches Habitat hinaus gepflanzt wurde, wo sie anfällig ist auf Krankheiten. Ein grosser Fichtenanteil führt auch zu mehr Schädlingen. Der Borkenkäfer vermehrt sich rasant, wenn die Fichten durch Trockenheit und Stürme gestresst und geschwächt sind.
Auch die Buche wird in unteren Lagen an Terrain verlieren. Bis jetzt war die Buche die dominanteste Baumart im Mittelland, nun verliert sie in Tieflagen diese Stellung. In den trockenen Sommern der letzten Jahre hat sie unter dem Wassermangel gelitten.

Wo in der Schweiz sind die grössten Probleme zu erwarten?

Die grössten Probleme erwarten wir am Nordrand der Schweiz, in den tiefsten Lagen. Zudem im Churer Rheintal, im Walliser Rhonetal sowie in den tiefsten Lagen der kontinentalen Hochalpen. Diese Lagen werden gegen Ende des Jahrhunderts mit einem Klima konfrontiert sein, das wir heute in der Schweiz noch nicht kennen. So können wir noch nicht gut abschätzen, was auf diesen Flächen dann wirklich wachsen wird.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Bäume für die Testpflanzungen ausgewählt?

Wir haben Baumarten gewählt, die heute schon wichtig sind. Sie werden auch gegen Ende des Jahrhunderts eine grosse Rolle spielen, einfach in höheren Lagen als heute. Für die tiefsten Lagen haben wir sie mit Arten ergänzt, die in der Schweiz noch nicht heimisch sind.


Klar ist: Der Wald wird in Zukunft anders aussehen. Auch in Bergün, auf der höchstgelegenen Testfläche. Der Sturm Vaia hat hier Ende Oktober 2018 grosse Schäden verursacht, besonders unter den stark vertretenen Fichten, die mit ihren flachen Wurzeln leichter herausgerissen werden können.

Fundierte Empfehlungen für Baumarten werden wir wohl erst in 10 bis 20 Jahren geben können
Autor: Kathrin Streit Co-Leiterin Projekt «Testpflanzungen zukunftsfähiger Baumarten»

Kathrin Streit ist die Co-Leiterin des Projekts «Testpflanzungen zukunftsfähiger Baumarten». Sie sagt: «Wir sind hier in einem Schutzwald. Der Grund, warum wir diese Fläche überhaupt bepflanzen durften, ist, dass es hier einen grossen Sturmschaden gegeben hat.» Es sei wirklich an der Zeit, dass man andere Baumarten einbringe, gerade wenn man bedenke, dass solche Stürme häufiger werden. «Weil die Fichte nun auch immer mehr Probleme mit dem Borkenkäfer hat, sollte man vor allem die Vielseitigkeit des Waldes verändern. Und wenn die Buche oder die Traubeneiche hier gedeihen könnte, wäre das natürlich super.»

Diese Baumarten werden getestet

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Insgesamt werden beim Projekt «Testpflanzungen zukunftsfähiger Baumarten» 18 Baumarten getestet, wobei jede Baumart mit 7 verschiedenen Provenienzen (Herkünften) vertreten ist. Die getesteten Baumarten bestehen einerseits aus einem Kernset von 9 Baumarten, die auf rund 35 Testpflanzungen beobachtet werden, andererseits aus einem Ergänzungsset von 9 weiteren Baumarten auf rund 15 Pflanzungen.

Sogenanntes Kernset: Weisstanne, Bergahorn, Buche, Lärche, Fichte, Föhre, Douglasie, Traubeneiche, Winterlinde.

Sogenanntes Ergänzungsset: Schneeballblättriger Ahorn, Spitzahorn, Atlaszeder, Baumhasel, Nussbaum, Kirschbaum, Zerreiche, Stieleiche, Elsbeere

Vielerorts in der Schweiz hat der Wald eine solche Schutzwald-Funktion und schützt vor Lawinen, Steinschlag, Murgängen oder Überschwemmungen. Im Bergkanton Graubünden trifft dies auf 60 Prozent der ganzen Waldfläche zu.

In Anbetracht des Klimawandels sei es am wichtigsten, eine breite Palette von Baumarten in einem Wald zu haben, damit dieser auch in Zukunft die Aufgaben erfüllen könne, die man von ihm erwarte – als Schutzwald, als Holzproduzent oder als Erholungsgebiet. Allerdings geht das naturgemäss nicht von heute auf morgen. Das Projekt, an dem Kathrin Streit schon seit ein paar Jahren arbeitet, braucht einen langen Schnauf: «Fundierte Baumarten-Empfehlungen werden wir wohl erst in 10 bis 20 Jahren geben können.»

10 vor 10; 11.08.21; 21:50

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Guter Artikel, der zur Ergänzung bereits ausgestrahlter Dokus zählt. Je nach Region sind abgestorbene, kahle Bäume gut sichtbar. Ich denke für Kathrin Streit ist das ein Arbeitsleben Projekt. Vermutlich ist der notwendige Schutzwald der Grund, warum in der Schweiz auf der Suche nach geeigneten Baumarten breitflächig angepflanzt wird. In eher flachen europäischen Gebieten werden teilweise Sturmschädenwälder wieder mit den gleichen, oder ähnlichen Wirtschaftsbäumen aufgeforstet. Wald muss lohnen.
    1. Antwort von Lars Bill  (Al Bee)
      Bei dem Ressourcen-Hunger den die Menschen hier haben könnte man auch noch anfügen:
      Wald muss liefern...
    2. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Bill, Ihre Ergänzung ist absolut korrekt. Schnell wachsender Wald muss Bäume liefern und die werden zur Zeit vorwiegend in die USA und nach China geliefert, weil sich das mehr zu lohnen scheint. Diese Info habe ich teilweise bei einem anderen Artikel hier erhalten und aus dem täglichen Leben. In Deutschland ist der Holzmangel anscheinend so gross, dass viele Aufträge nicht zeitnah durchgeführt werden können.
  • Kommentar von Mathilde Huber  (Mathilde Huber)
    Interessanter Artikel, vielen Dank. Ich wünsche dem Projekt, dass es eine Lösung für den Erhalt der Schutzwälder findet. Interessant finde ich auch die Kommentare dazu. Einmal mehr wird hauptsächlich über die böse Menschheit hergezogen und die Mutter Natur als Heilsbringerin vergöttert. Langweilig. Sind sich diese Schreibenden bewusst, dass wir heute ohne die technischen Fortschritte wohl kein Jahr in der freien Natur überleben könnten? Also Lösungen bitte, nicht bloss "die anderen" verurteilen.
    1. Antwort von Lars Bill  (Al Bee)
      Finde hier wird ausgewogen kommentiert... Von "böser" Menschheit nix zu lesen... Aber ja..
      Dank unserer Intelligenz und den technischen Möglichkeiten könnten wir hier beinahe leben wie im Paradies... Wenn es denn nicht derart am Respekt vor der Natur mangeln würde... Ohne Natur würden wir nämlich auch kein Jahr in der freien... äh... was auch immer überleben...
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Was will man erreichen? Einen künstlich angelegten Wald?
    Die Natur wird selber ohne Hilfe einen an das Klima angepassten Wald schaffen,
    Problem dabei ist ob dieser durch den Menschen akzeptiert wird.
    Diese Akzeptanz ist abhängig inwiefern der neue Naturwald uns wirtschaftlich nützlich erscheint: Tourismus, Holzgewinnung.
    Auch besteht die Frage was der neue Wald in der Tierwelt verursacht, unabhängig Neuer Naturwald oder künstl. angepflanzt Neuwald.
    1. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Janssens, Bis die geeigneten Bäume eingewandert sind, dauert es viel zu lange. Die Schutzwälder in den Alpen erfüllen einen wichtigen Zweck. Das kann nicht mit Verbauungen gelöst werden. Diese Bäume dürfen auch wachsen und sind nicht zur Holzgewinnung gedacht. Ich denke den Alpenbewohner*innen ist es schlussendlich egal welche Baumart sie schützt. In meiner Region begegne ich keinem reinen Nutzwald, der nur aus ein/zwei Baumarten besteht. Der Mensch greift ein, aber eher moderat.