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Klimaziele bis 2030 Wie die Schweiz ihre Klimaziele aufs Spiel setzt

Die Massnahmen im Inland reichen nicht aus, um die Schweizer Klimaziele zu erreichen. Die Rettung wird in Auslandszertifikaten gesucht. Doch deren rechtzeitige Beschaffung wird immer unwahrscheinlicher.

Doch diesmal läuft es nicht wie geplant. Die benötigte Menge ist drei- bis viermal so gross wie die Male zuvor, und die Zeiten billiger, fast unbegrenzt verfügbarer Zertifikate sind vorbei: Heute sind sie drei bis 80 Mal so teuer wie noch unter Kyoto.

Auslandszertifikate unter Kyoto und Paris

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Unter dem Kyoto-Protokoll hatten Staaten die Möglichkeit, untereinander mit CO₂-Reduktionen – sogenannten «Certified Emission Reductions» (CERs) oder «Emission Reduction Units» (ERUs) – zu handeln. Laut einer Metastudie entsprachen nur 16 % der damals zertifizierten Reduktionen tatsächlichen Reduktionen. Nachdem sich immer mehr Länder gegen den Kauf dieser oft kritisierten Zertifikate entschieden, brach der Zertifikatmarkt schliesslich zusammen und der Preis für eine Tonne CO₂ sank zwischenzeitlich auf unter einen Euro.

Auch unter dem Pariser Klimaabkommen können Reduktionen durch sogenannte «Internationally Transferred Mitigation Outcomes» (ITMOs) oder «Article 6.4 Emission Reductions» (A6.4ERs) von einem Land in ein anderes übertragen werden. Doch der administrative und rechtliche Aufwand für die Akquise von Zertifikaten ist deutlich grösser als noch unter Kyoto. Denn: Die Qualitätsstandards sind gestiegen und der globale Markt steckt erst in den Kinderschuhen. Die Schweiz setzt bisher vollständig auf bilaterale Abkommen und langfristige Verträge mit Reduktionsprojekten unter Artikel 6.2 (ITMOs).

Bis 2024 hätte Klik dem Bund über zwei Millionen Auslandszertifikate übergeben dürfen. Klik selbst hatte im selben Zeitraum aus ihren Projekten knapp eine Million Zertifikate erwartet. Eingetroffen sind bis jetzt nur 63’366.

Das Bafu nennt auf Anfrage den hohen Aufwand für die Prüfung der Projekte und die Abklärungen mit Partnerländern, die auch von der Qualität der eingereichten Projekte beeinflusst werden, als Hauptgrund für die Verzögerungen. Es geht jedoch davon aus, dass sich die Prozesse in Zukunft beschleunigen werden.

Klik rechnet auf Anfrage damit, dem Bund bis 2030 insgesamt 15 Millionen Auslandszertifikate zu übergeben, deutlich weniger als rechtlich möglich. Dem Bund würden damit noch geschätzte 33.2 Millionen Zertifikate fehlen. Bei 29 Franken pro Tonne wären es fast eine Milliarde Franken zusätzlich, finanziert von den Steuerzahlern. Der Bundesrat selbst rechnete Anfang 2025 noch mit lediglich 11 Millionen zusätzlich benötigten Zertifikaten. Erst 2027 soll erneut über die Zielerreichung beraten werden. Eine Erhöhung des Kompensationssatzes könnte am ausgeschöpften 5-Rappen-Deckel scheitern und die eigene Finanzierung der Auslandszertifikate stehe laut Albert Rösti in Konkurrenz mit dem restlichen Bundeshaushalt. In einem SRF-Interview Ende 2025 sagte er, die Zielerreichung werde von den verfügbaren Finanzen abhängen. Doch selbst bei einer gesicherten Finanzierung wäre die rechtzeitige Umsetzung der für die Zertifikate nötigen Projekte laut Klik kaum realistisch.

Was zwei Jahrzehnte funktionierte, droht nun zu scheitern. Trotzdem wird die Strategie der Auslandskompensationen auch für die Zeit nach 2030 sowohl vom Bundesrat als auch von Klik nicht hinterfragt. Der «Schweizer Weg» ist offenbar noch nicht zu Ende.

Quellen & Methoden

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In den Abbildungen werden die Änderungen der Schweizer Treibhausgasemissionen jeweils relativ zum Jahr 1990 dargestellt. 

Die Daten in der Übersicht der Jahre 1990 bis 2024 sowie in der Detailansicht der Jahre 2014 bis 2024 stammen aus dem aktuellen Treibhausgasinventar (Stand 13.4.2026) und repräsentieren Netto-Emissionen. Das heisst mit Berücksichtigung der Landsenke. Dies ist in Übereinstimmung mit den Klimazielen bis 2030, die sich ebenfalls auf die Netto-Emissionen beziehen.

Die Vorhersage der Emissionen von 2025 bis 2030 basiert auf einem quadratischen Trend-Fit der Netto-Emissionen aus dem Jahr 2000 (Inkrafttreten des ersten CO₂-Gesetzes) bis 2024 (aktuellste Emissionsdaten). Die Anzahl der für die Zielerreichung bis 2030 benötigten Auslandszertifikate ergibt sich aus der Abweichung der bisherigen und vorhergesagten Emissionen der Jahre 2021 bis 2030 vom Durchschnittsziel über denselben Zeitraum (-35 % gegenüber 1990).

Die Anzahl der bisher (Stand 21.5.2026) übertragenen Auslandszertifikate stammt aus dem Schweizer Emissionshandelsregister. Die Anzahl der Auslandszertifikate, die im Rahmen der Treibstoffkompensationspflicht bis 2024 rechtlich möglich gewesen wären, ergibt sich aus den kompensationspflichtigen Emissionen und dem geltenden Kompensationssatz.

Die Daten in den Detailansichten zu der ersten und zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls stammen aus den Datensätzen, die damals für die Feststellung der Zielerreichung galten. Für die erste und zweite Verpflichtungsperiode sind dies das Treibhausgasinventar (totale Emissionen) sowie die CO₂-Statistik (Treibstoff- und Brennstoffemissionen) aus den Jahren 2014 beziehungsweise 2022. Dargestellt sind Brutto-Emissionen, das heisst, ohne Berücksichtigung der Landsenke. Die Anrechnung der Landsenke unterlag speziellen vom Pariser Abkommen abweichenden Regelungen. Die damals für die Zielerreichung angerechnete Senke wird jeweils am Ende mit einer grauen Fläche dargestellt. 

Am Ende der ersten Verpflichtungsperiode hat die Schweiz einen Teil ihrer Emissionsrechte in die zweite Verpflichtungsperiode übertragen und gleichte diese mit zusätzlichen Auslandszertifikaten aus. Dies führte zu einem höheren Einsatz von Auslandszertifikaten in der ersten Verpflichtungsperiode und zu einem tieferen Einsatz in der zweiten Verpflichtungsperiode als ohne diese Verschiebung nötig gewesen wäre.

Für die Zahlen und Darstellungen in diesem Artikel wurden die benötigten Zertifikate ohne diese Bilanzverschiebung berücksichtigt.

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Echo der Zeit, 20.5.2026, 18 Uhr

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