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Kosten im Gesundheitswesen Ein Globalbudget als Zaubermittel gegen den Prämienschock?

Der Bund will prüfen, ob ein Kostendach die Gesundheitskosten bremsen kann. Für das Unispital Lausanne funktioniert das.

Legende: Audio Zaubermittel gegen Prämienschock? abspielen.
18 min, aus Einfach Politik vom 29.04.2018.

Der Unterschied zwischen Spitälern mit oder ohne einem Globalbudget ist allein die Denkweise. Diese Meinung vertritt Oliver Peters, stellvertretender Direktor des Universitätsspitals Lausanne (CHUV). Für ihn ist klar: «In vielen Spitälern steht der Profit zu sehr im Zentrum. Ein Globalbudget bewirkt, dass weniger unnötige Behandlungen durchgeführt werden.»

Mit einem solchen Kostendach müssten sich Spitäler stärker auf den Kernauftrag besinnen. «Man kann die Kosten nicht beliebig wachsen lassen. Globalbudgets sind ein gutes Mittel, um eine gewisse Vernunft im System beizubehalten», sagt Peters.

Die Schweizer Gesundheitskosten

  • 2016 stiegen die Gesundheitsausgaben in der Schweiz auf 80,7 Milliarden Franken. Das entspricht 12 Prozent des Brutto-Inlandprodukts.
  • Damit haben sich die Gesundheitskosten in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.
  • Die monatlichen Gesundheitskosten belaufen sich durchschnittlich auf 803 Franken.
  • Auch die Krankenkassenprämien sind in den letzten 20 Jahren explodiert. Innert 16 Jahren haben sich die Krankenkassenprämien verdoppelt.
  • 2018 stiegen die Krankenkassenprämien durchschnittlich um 4,0 Prozent.
  • Spitzenreiter sind Genf, Basel-Stadt und die Waadt: Dort liegt die durchschnittliche Prämie bei circa 550 Franken pro Monat.
  • Im schweizweiten Durchschnitt bezahlen Herr und Frau Schweizer 465 Franken pro Monat an Krankenkassenprämien.

So funktioniert das Globalbudget

Jeweils im Frühling analysiert das Spital seine Vorjahreszahlen. Aufgrund des Bevölkerungswachstums und weiterer Indikatoren legt der Kanton dann das Budget für das nächste Jahr fest. Wird dieses vorgegebene Budget überschritten, bekommt das Spital pro Behandlung weniger Geld.

Normalerweise werden Spitalaufenthalte zu 45 Prozent von der Krankenkasse und zu 55 Prozent vom jeweiligen Kanton abgegolten. Wenn beim CHUV das Budget gesprengt wird, bezahlt der Kanton seinen Anteil jedoch nicht mehr.

«Wenn wir nur noch 45 Prozent der Kosten bezahlt bekommen, dann ist es für uns nicht mehr interessant, rentable Leistungen in einem Umfang anzubieten, der über das Notwendige hinausgeht», sagt der stellvertretende Spitaldirektor Peters. Man verzichte deshalb auf jene Eingriffe, die medizinisch nicht wirklich notwendig seien.

Das Globalbudget, so wie wir es kennen, hat keine einzige Patientenbehandlung verunmöglicht.
Autor: Oliver PetersStellvertretender Direktor Universitätsspital Lausanne (CHUV)

Rationalisierung der Medizin?

Kritiker des Globalbudgets warnen, dass es sich dabei um ein «leichtfertiges Experiment zu Lasten der Patienten» handle. Es drohten Wartezeiten oder gar eine Zwei-Klassen-Medizin. Oliver Peters widerspricht. «Das Globalbudget, so wie wir es kennen, hat keine einzige Patientenbehandlung verunmöglicht.» Schliesslich habe das Unispital einen Leistungsauftrag und könne Patienten nicht abweisen.

Hat ein Globalbudget also überhaupt eine Auswirkung auf die Gesundheitskosten? Nein, sagen die Gegner. Zum Beispiel der Gesundheitsökonom Stefan Felder: «Jene Kantone, die ein Globalbudget haben, also Genf, Tessin, Waadt, haben schweizweit die höchsten Gesundheitsausgaben», betont Felder.

Tatsächlich hat die Waadt schweizweit die dritthöchsten Gesundheitsausgaben. Und der Prämienschub war in diesem Jahr so heftig wie an kaum einem anderen Ort in der Schweiz mit einem Plus von sechs Prozent, sagt Felder.

Zudem «hübsche» der Kanton Waadt das Bild beim Unispital Lausanne mit Subventionen auf. Es geht um sogenannte gemeinwirtschaftliche Leistungen. «Schweizweit hat die Waadt den zweithöchsten Wert», erklärt Felder. «Das sind Hunderte Millionen, die auf diesem Weg in den stationären Bereich fliessen.»

Das Globalbudget – eine Mogelpackung?

Die Zahlungen seien so hoch, weil in Lausanne die Löhne der Professoren direkt vom Spital bezahlt würden. Zudem seien die Subventionen politisch gewollt, erwidert der Spitalmanager Oliver Peters in Lausanne. «Es macht einen Unterschied, ob die Prämien oder die Steuern hoch sind. Die Steuern sind einkommensabhängig und betreffen vermögende Menschen stärker. Der Kanton Waadt will deshalb lieber zusätzliche Subventionen statt hohe Krankenkassenkosten.»

Zur Frage, inwiefern ein Globalbudget die Gesundheitskosten überhaupt dämpfen kann, sagt Peters, dass es durchaus eine Wirkung habe, zumindest wenn man isoliert den stationären Bereich betrachte.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt ihm Recht. In jenen Kantonen, die ein Globalbudget haben, seien die Kosten des stationären Bereichs weniger stark gestiegen als in den anderen Kantonen.

Zudem verweist Peters darauf, dass das CHUV Behandlungen, deren Nutzen umstritten ist, weniger oft durchführe, etwa Kniearthroskopien: «Das CHUV hat im Vergleich zu allen Universitätsspitälern 24 Prozent weniger dieser Eingriffe durchgeführt.»

Patientin wird auf einen minimalinvasiven Eingriff vorbereitet.
Legende: Oliver Peters: «Ein Globalbudget bewirkt, dass weniger unnötige Behandlungen durchgefürht werden.» Keystone

Weder Zaubermittel noch Schreckgespenst

Globalbudget – Ja oder Nein? Die Antwort hängt auch vom ideologischen oder staatspolitischen Verständnis ab. Will man starke staatliche Eingriffe oder freien Wettbewerb? Der Bundesrat prüft bis Ende Jahr den Vorschlag einer Expertengruppe, ein Kostendach breitflächiger einzusetzen. Bis dann soll auch eine Studie vorliegen, die genauer aufzeigt, welchen Einfluss ein Globalbudget effektiv auf die Gesundheitskosten hat.

Fraglich ist jedoch, ob eine solch radikale Massnahme schweizweit überhaupt mehrheitsfähig ist. Wenigstens kann schon nur die Diskussion darüber zusätzlichen politischen Druck auf die Akteure des Gesundheitswesens ausüben. Angesichts der stetig wachsenden Kosten ist dies sicher begrüssenswert.

Im Hinblick auf die Wahlen im Jahr 2019 haben auch die Parteien das Thema Gesundheitskosten für sich entdeckt. Beispielweise hat die CVP eine Initiative lanciert, die in Richtung Kostenbremse zielt. Möglich also, dass schon bald das Schweizer Stimmvolk über ein Kostendach im Gesundheitswesen abstimmen kann.

Podcast «Einfach Politik»

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Die Frage, ob Globalbudgets das Zaubermittel sind gegen stetig steigende Gesundheitskosten – darum geht es in der neusten Folge von «Einfach Politik». Das ist der Podcast von Radio SRF zur Schweizer Politik, von dem es alle zwei Wochen jeweils am Sonntag um 10 Uhr eine neue Folge gibt. Wenn Sie keine der Folgen verpassen wollen, dann abonnieren Sie den Podcast und zwar so: Suchbegriff «Einfach Politik» eingeben

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46 Kommentare

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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Wie kommt es eigentlich, dass Kantone, wie wir sehen 'singulären Interessen' wie juristischen Personen und Finanzstarken Privatpersonen Steuergeschenke- und Subventionen durchs Band zugestehen und den Spitälern, die dem Gemeinwesen zu dienen hätten aber ständig auf Schmalkost setzen wollen. Da müssten dann halt die kantonalen Beteiligungen höher ausfallen. Spielraum scheinen die Kantone ja zu haben?
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  • Kommentar von Peter Jucker (Jucker)
    Prämienerhöhungen? as ist das?Eher langsam Raubrittertum! Herr Berset erwähnte, dass er alles daran setze, damit die Prämien nicht mehr steigen würden als nötig. Ich machte einen kleinen Vorschlag, wie man "natürlich nur ca. 5 Mio." sparen könnte, ohne gross etwas zu ändern. Hat jedoch niemand Zeit und wurde an die Politik verwiesen. Zudem lese ich wie viele Millionen Gewinn ein Spital machte, einige 10 Millionen und letztes Jahr leider nur noch wenig. Somit sind die Entschädigungen zu hoch!
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Das Kinderspital in Luzern sollte dringend erneuert werden, weil die Belüftungen zB in die Intensivstation und in den OP Bereich nicht mehr den Sicherheitsstandarts entsprechen. Wie meinen Sie, dass diese Investitionen bezahlt werden ausser durch erwirtschafteten Gewinn? Schlimm ist nur, dass der Kanton vom Gewinn abschöpft um die Kantonsrechnung nicht noch weiter abstürzen zu lassen.
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  • Kommentar von Willi Geissbühler (tagesschau)
    Als das Obligatorium zur Abstimmung kam, weibelte SP alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss wie wahnsinnig. Wir haben ja gestimmt. Nun ist es ganz einfach: Die Idee von der Prämienhöhe begrenzen auf 10% des Einkommens kommt zwar aus der SP Ecke, aber hat was logisches an sich. Der Bund muss dann halt die Suppe, welcher er uns eingebrockt hat auslöffeln, indem er die übersteigende Prämie aus der Bundeskasse bezahlt, wie ist sein Problem. Wir wurden angelogen, also Bundesrat übernimm Verantwortung.
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