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Mottenbefall in der Schafwollisolierung
Aus Espresso vom 20.01.2021.
abspielen. Laufzeit 08:28 Minuten.
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Lausiges Material? Motten-Horror in der Bio-Isolation

Eine Familie isoliert ihr Haus mit Schafwolle, die angeblich gegen Schädlinge behandelt ist. Das wird zum Albtraum.

«Es ist unangenehm, peinlich und eklig», erzählt die Mutter der sechsköpfigen Familie im SRF-Konsumentenmagazin «Espresso». Aus dem Traum vom Leben im eigenen, denkmalgeschützten Altbau-Haus ist ein Albtraum geworden.

«Wie im Schlaraffenland»

Nach dem Einzug vor sieben Jahren lässt die Familie die Wärmedämmung auswechseln. Die künstliche Glaswolle wird durch umweltfreundliche Schafwolle ersetzt. Der Verkäufer habe ihnen damals mündlich zugesichert, dass das Material gegen Motten behandelt worden sei. Wird das nicht oder nur ungenügend gemacht, nisten sich Textilmotten ein. «Motten sind spezialisiert auf Keratin, ein Bestandteil des tierischen Haares. Sie leben in der Schafwolle quasi wie im Schlaraffenland», sagt die Biologin und Schädlingsspezialistin Isabelle Landau.

Ich erschrak, in der Wolle lebte es. Es flog und kroch.
Autor: Hausbesitzerin

Genau das ist nun dieser Familie passiert. Über eine längere Zeit seien nur einzelne Motten im Haus herumgeschwirrt, erzählt die Mutter. Die Familie vermutete zuerst, dass sie sich irgendwo in Kleidern versteckt haben. Es dauert zwei bis drei Jahre, bis sie beobachtete, dass die Schädlinge durch einen kleinen Schlitz in der Wand ein- und ausfliegen. Sie öffneten die Stelle und leuchteten in die Schafwoll-Dämmung hinein: «Ich erschrak, in der Wolle lebte es. Es flog und kroch.», so die Hausbesitzerin.

«Niemand kann uns richtig helfen»

Und jetzt fing der Albtraum erst richtig an: Motten überall. «Pro Zimmer und Tag flogen 10 bis 100 Motten herum, und wir mussten jeden Abend das ganze Haus an den Wänden und an der Decke staubsaugen.» Nach den Ferien seien jeweils Dutzende toter Motten in der Toilette geschwommen.

Baumängel – was tun?

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Wenn nach einem Umbau ein Problem auftauche, dann platziere man beim Verkäufer des Materials oder beim Handwerksbetrieb am besten innert weniger Tage und schriftlich eine sogenannte Mängelrüge, empfiehlt Hubert Stöckli, Professor für Zivil- und Handelsrecht an der Universität Fribourg: «Wenn man das nicht rechtzeitig macht, verliert man alle Rechte in Bezug auf diesen Mangel.»

Um Problemen wie Mottenbefall vorzubeugen, könne man auch schon beim Kauf ein Zertifikat verlangen, ein schriftliches Versprechen, dass mit dem Material alles in Ordnung sei. «So habe ich eine Garantie, dank der ich auch nach Jahren noch Schadenersatz verlangen kann», erklärt der Rechtsexperte.

Ansonsten laufen die gesetzlichen Verjährungsfristen. Im vorliegenden Fall mit der mottenverseuchten Schafwolle sieht der Rechtsexperte aber durchaus gewisse rechtliche Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte man absichtliche Täuschung geltend machen, wenn einem bewusst ein fehlerhaftes Produkt verkauft worden sei. Hier betrage die Verjährungsfrist zehn Jahre, sagt Stöckli. Oder man wechsle in den Bereich der ausservertraglichen Haftung: Dies sei möglich bei körperlichen oder psychischen Schäden wegen eines Baumangels. Dies immer unter Schweizer Recht, betont Stöckli. Das im vorliegenden Fall eine österreichische Firma involviert sei, kompliziere das Ganze. Trotzdem empfiehlt er: «Hartnäckig bleiben!»

Zugeknöpfter Händler

Eine unmögliche Situation. «Richtig helfen konnte uns bis heute niemand.» Die Familie hat das Material bei einem Schweizer KMU gekauft. Dieses hat es von einem Händler in Österreich bezogen. Der Schweizer Verkäufer schiebt gegenüber den Kunden als auch gegenüber «Espresso» alle Schuld der österreichischen Firma zu. Dieser habe ungenügend behandeltes Material in Umlauf gebracht. In Österreich gibt man sich zugeknöpft und droht mit Anwälten.

Fakt ist: Die Haftpflichtversicherung des österreichischen Händlers ist aktiv geworden und hat der Familie ein Angebot unterbreitet. Die Familie ist damit aber nicht einverstanden, das reiche nirgends hin. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.

Kein Einzelfall

Tatsächlich: Wenn sich Motten erst einmal in der Wärmedämmung ausgebreitet haben, dann gebe es in der Regel keine andere Lösung als einen kompletten Rückbau, erklärt Pascal Frei, Inhaber einer Schädlingsbekämpfungsfirma. Im Fall der Basler Familie würde das Kosten von weit über 100'000 Franken verursachen.

Und es sei kein Einzelfall, sagt Frei. In den vergangenen Jahren habe er über 30 Anfragen zum Thema erhalten. Die Verkäufer würden meist versprechen, mit dem Material sei alles in Ordnung, aber nicht selten sei dem nicht so. Wenn das Material stark verseucht sei, dann könne gar keine korrekte Behandlung vorgenommen worden sein.

Espresso, 20.01.2021, 8.13 Uhr

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Eduard Biner  (Eduard Biner)
    Schafwolle muss behandelt sein (mit Gift!). Dieses Gift müsste über Jahrzehnte wirken. Tut es das? Gelangt dieses Gift auch in die Wohnung? Ist es unbedenklich? Die gute Dämmung mit Glaswolle herausreissen? Diese muss dann noch entsorgt werden. Ist das ökologisch? Wohl kaum!
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Ich hoffe die Schafe hatten ein glückliches Leben und hoffentlich nie kalt ;-)
  • Kommentar von Urs Lauper  (Urs Lauper)
    Glas-/Steinwolle wirft die Frage der Lungengängigkeit der Fasern auf, welche bei der Installation anfallen. Auf der Haut jucken sie, eine mögliche Lungengängigkeit könnte Folgen ähnlich eingeatmeter Asbestfasern zeitigen. Daher Dampfbremse/-sperre darüber ziehen. Styropor gilt als "schwer entflammbar", dämmt Schall kaum, ist billig. Wenn es aber brennt, entstehen giftigste Brandgase und dickster Rauch, flüssiger Kunststoff tropft herunter und kann Ausgänge blockieren. Bio ist nicht per se gut.
    1. Antwort von Robert Frei  (RFrei)
      Eingeatmete Steinwollfasern können auf keinen Fall mit Asbest verglichen werden. Steinwolle wir heutzutage als Ersatz für Asbest angewendet und es ist keine gesundheitliche Schädigung bei normalem Umgang anerkannt, abgesehen vom lästigen Jucken auf der Haut.