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Adeline-Prozess Lebenslange Haft und ordentliche Verwahrung für Fabrice A.

Das Genfer Strafgericht hat beim Mörder der getöteten Sozialtherapeutin Adeline von der schärfsten Massnahme abgesehen.

Legende: Video «Das Gericht folgt den Anträgen der Verteidigung» abspielen. Laufzeit 1:35 Minuten.
Aus Tagesschau vom 24.05.2017.
  • Das Genfer Strafgericht hat den Angeklagten Fabrice A. wegen Mordes zu lebenslanger Haft sowie zu einer ordentlichen Verwahrung verurteilt. Entscheidend dafür waren die psychiatrischen Gutachten.
  • Der Staatsanwalt hatte für eine lebenslängliche Verwahrung plädiert. Die Verteidigung hingegen hatte sich für die ordentliche Verwahrung eingesetzt.
  • Die Eltern des Opfers werden das Urteil nicht anfechten.

Kaum hatte der Gerichtspräsident Fabrice Roch bei der Urteilseröffnung angekündigt, dass es keine lebenslänglichen Verwahrung geben werde, verliess eine Person ihren Platz auf der Tribüne des grossen Gerichtssaals und schlug krachend die Türe zu.

Dieser emotionale Abschluss passte zum fünftägigen Prozess zum Tötungsdelikt Adeline, bei dem der Gerichtsaal stets gefüllt gewesen war. Nach der Absetzung eines ersten Gerichtes wegen Befangenheit im Herbst standen auch die sieben neuen Richter unter einer besonderen Beobachtung.

Der angeklagte Fabrice A. nahm die nur rund zwanzig Minuten dauernde Urteilseröffnung regungslos hin. Er erschien wie vergangene Woche in einem blauen T-Shirt, grauen Trainerhosen und Turnschuhen.

Präsident Roch stützte sich bei der Frage der lebenslänglichen Verwahrung auf die beiden psychiatrischen Gutachten. Nach Ansicht der beiden französischen Experten sei der Angeklagte ein pervers gestörter Psychopath, sagte er.

Die beiden Schweizer Experten hätten von einer schweren dissozialen Störung gesprochen. Beide Gutachter-Duos hätten die Gefahr für eine Wiederholungstat als «sehr hoch» eingeschätzt, fuhr Gerichtspräsident Roch weiter. Die psychiatrischen Experten hätten den Angeklagten aber nicht als untherapierbar bis ans Lebensende bezeichnet, weshalb eine ordentliche Verwahrung angeordnet werde.

Schuldig in allen Anklagepunkten

Der Angeklagte habe besonders niederträchtig gehandelt und Adeline getötet, um seine Fantasien zu befriedigen, sagte der Gerichtspräsident weiter. «Das Opfer sass an den Baum gefesselt und war wehrlos.»

Fabrice A. habe klar vorsätzlich gehandelt und die Tat während Monaten geplant. In dem auf Resozialisierung spezialisierten Zentrum «La Pâquerette» nährte er seine Tötungsfantasien mittels Filmszenen. Er sei zudem unfähig, Reue zu zeigen, sagte Roch.

Der 42-Jährige wurde in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Das Gericht verurteilte ihn wegen Mordes, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung und Diebstahls. Das Gericht folgte bei der Frage der Höchststrafe dem Antrag der Verteidigung, die gegen die lebenslängliche Verwahrung plädiert hatte.

Der Genfer Generalstaatsanwalt Olivier Jornot hatte die lebenslängliche Verwahrung verlangt. Am Mittwoch kündigten weder die Verteidigung noch Olivier Jornot einen Rekurs an. Der Generalstaatsanwalt zeigte sich zufrieden mit dem Urteil.

Die Vorgeschichte

  • Der 42-jährige Angeklagte hatte die Therapeutin während eines Freigangs im September 2013 in einen Wald entführt und ihr die Kehle durchgeschnitten.
  • Nach einer dreitägigen Flucht wurde der französisch-schweizerische Doppelbürger an der deutsch-polnischen Grenze verhaftet.
  • Ein erster Prozess wird im Oktober 2016 wegen Zweifel an der Unbefangenheit der Richter abgebrochen. Grund dafür ist ein umstrittenes psychiatrisches Gutachten zweier französischer Experten, die keine Prognose auf lange Sicht zum Angeklagten gemacht haben.
  • Der Angeklagte war bereits wegen zwei 1999 und 2001 begangenen Vergewaltigungen zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt worden.

Kein Rekurs der Eltern

Die Eltern der getöteten Adeline werden das Urteil nicht anfechten. Sie hätten sich zwar eine lebenslängliche Verwahrung gewünscht, weil das eine doppelte Sicherheit gewesen wäre, sagte die Mutter. Sie bezeichneten den entsprechenden Artikel 64 Absatz 1 bis des Strafgesetzbuches als schlicht «unanwendbar».

Seit Annahme der Verwahrungsinitiative durch das Schweizer Stimmvolk 2004 hielt noch kein Urteil mit einer lebenslänglichen Verwahrung vor Bundesgericht stand. Anders als bei der lebenslänglichen Verwahrung muss bei der ordentlichen Verwahrung auf Gesuch in oder vom Amtes wegen periodisch eine bedingte Entlassung geprüft werden.

Die ordentliche Verwahrung wird erst nach der lebenslänglichen Freiheitsstrafe vollzogen. Die Chancen auf eine bedingte Entlassung sind für Fabrice A. deshalb äusserst gering.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Coltellino (coltellino)
    Wie fast immer hat das Gericht hier wie es scheint vernünftig geurteilt. Glücklicherweise lässt die nicht vollständig mit dem Rechtsstaat verträgliche Verwahrungsinitiative von damals es immerhin zu, dass auch ein angemessenes Urteil gefällt werden kann, wenn niemand sich für den Täter aussprechen würde. Ich hätte kein Mitleid mit diesem Täter, wenn er lebenslang verwahrt oder zum Tod verurteilt würde, aber mir graut vor einer Rechtssprechung, die das eine oder das andere für rechtens erklärt.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Vernünftig wäre, wenn bei der Beurteilung der lebenslangen Verwahrung die Schuldfähigkeit keine Rolle spilen würde. Diese ist M.E. eine Sicherungsmassnahme und setzt keine Schuldfähigkeit voraus.
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    2. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      @Coltellino: Laut Schweizer Gesetz kann bereits bei einem Urteil "Lebenslang" eben lebenslang bedeuten. Dazu braucht es keine Verwahrung. Die Verwahrung selbst ist ein äusserst fragwürdiges Instrument, welches auch Leute einsperren lässt, von welchen die Behörden das Gefühl haben, sie seien gefährlich, ohne dass sie etwas getan haben, bzw. auch wenn sie bereits eine Strafe abgesessen haben. Grundsätzlich ist jegliche Art der Verwahrung wider die Menschenrechts-Konvention.
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  • Kommentar von Florian Bruggisser (M.B.B.)
    Guter Entscheid des BGer. Die ordentliche Verwahrung hat im Ergebnis faktisch genau die gleiche Wirkung wie die lebenslängliche. Zudem ist diese Lösung menschenrechts-konform (das wäre die lebenslängliche Verwahrung höchstwahrscheinlich nicht).
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Buchbinder irrt da etwas. Den Täter für immer wegzusperren hätte einen Gang zum EGMR nach sich gezogen und damit weitere, teure Prozesse. Insofern hat man sich dafür entschieden, denn Täter solange einzusperren, bis sein Tod altershalber absehbar ist. Dann entlässt man ihn und spart somit zumindest die Begräbniskosten. Die Deutsche Justiz lässt grüssen.....
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