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Medikamente: Jetzt soll die Versorgungssicherheit erhöht werden
Aus Rendez-vous vom 12.06.2020.
abspielen. Laufzeit 04:58 Minuten.
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Lehren aus der Corona-Krise Lebenswichtige Medikamente sollten immer verfügbar sein

Immer billiger, irgendwo produziert, keine Lager: Nicht erst Corona zeigt die Risiken von Arbeitsteilung und Preiskampf.

In den vergangenen Monaten waren lebenswichtige Medikamente wie Antibiotika, Betäubungsmittel oder Schmerzmittel immer wieder mal sehr knapp. Ärztinnen und Apotheker behalfen sich teils mit Medikamenten in anderen Grössen oder Konzentrationen.

«Es gab Zeiten jetzt auch im Peak mit Covid-19, wo wir froh waren, den Wirkstoff überhaupt zur Verfügung stellen zu können – ohne Rücksicht auf Dosierungen oder Ampullengrössen», berichtet Monika Schäublin von der Abteilung Heilmittel beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL):

Es gab Zeiten jetzt auch im Peak mit Covid-19, wo wir froh waren, den Wirkstoff überhaupt zur Verfügung stellen zu können.
Autor: Monika SchäublinBundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung, Abteilung Heilmittel

Ein Medikament in einer anderen Konzentration zu verwenden, sei aufwändig, sagt Enea Martinelli, Chef-Apotheker im Spitalverbund FMI im Berner Oberland: «Alle Pumpen müssen neu eingestellt, das Team frisch instruiert und die Verordnungen geändert werden. Das braucht Zeit und ist mit Risiken für den Patienten verbunden.»

Wichtige Medikamente fehlten schon vor Pandemie

Martinelli engagiert sich seit Jahren dafür, dass die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten grundsätzlich verbessert wird. Sowohl für die akuten Behandlungen als auch für chronische Erkrankungen wie etwa Epilepsie oder Bluthochdruck.

Wichtige Medikamente fehlten zum Teil bereits vor der Pandemie – seither hat sich die Lage laut Martinelli noch verschärft: «Beatmungsgeräte und entsprechende Medikamente lösen ein grösseres Echo aus als ein Epileptiker, der mangels Medikament nach einem Anfall vier Monate nicht mehr Auto fahren kann.»

InterPharma: Lagerkapazitäten erhöhen

Mit ein Grund für solche Engpässe sei, dass die Vertriebskette sehr stark auf den «Just-in-time»-Gedanken versessen sei, erklärt René Buholzer, CEO von InterPharma, dem Schweizer Verband der pharmazeutischen Industrie: «Es gab quasi nirgendwo Lager. Das ist kritisch, wenn man davon abhängt, täglich beliefert zu werden.»

Um in Zukunft besser für Krisen gerüstet zu sein, müssten die Lagerkapazitäten wieder erhöht werden, so Buholzer: «Lager kosten Geld, und alle Akteure wollen Kosten zu minimieren. Das Thema muss man anschauen.»

Es gab quasi nirgendwo Lager. Das ist kritisch, wenn man davon abhängt, täglich beliefert zu werden.
Autor: René BuholzerCEO InterPharma

Das fordern auch mehrere Vorstösse aus dem Parlament, die durchaus mehrheitsfähig sind. Höhere Lagerkapazitäten allein genügten aber nicht, sagt Ruth Humbel, Präsidentin der Gesundheitskommission des Nationalrates: So müsse auch geprüft werden, dass Medikamentenpreise nicht ständig nur gesenkt würden: «Wo sich ein Mangel abzeichnet, müssen Preise auch angehoben werden können – damit die Weiterproduktion ökonomisch interessant ist und rechtzeitig geschehen kann.»

Mehr Spielraum bei Preisgestaltung gefordert

Preiserhöhungen seien vor allem für Medikamente mit abgelaufenen Patenten zu prüfen, die wirtschaftlich nicht mehr attraktiv sind und daher nur noch von wenigen oder gar einem einzigen Hersteller produziert würden, so Humbel. Diese werde die Gesamtkosten im Gesundheitswesen kaum antreiben, ist sie überzeugt.

Wo sich ein Mangel abzeichnet, müssen Preise angehoben werden können – damit die Weiterproduktion ökonomisch interessant ist und rechtzeitig geschehen kann.
Autor: Ruth HumbelNationalrätin CVP/AG, Präsidentin der Gesundheitskommission SGK

Auch Martinelli fordert ein grundsätzliches Überdenken der Kosten: «Mein Interesse ist eine gute Patientenversorgung – selbstverständlich zu einem wirtschaftlichen Preis. Es muss aber diskutiert werden, bei welchen Medikamenten der Wettbewerb laufen soll bis zum Gehtnichtmehr und wo nicht.»

Handlungsbedarf ist also da. Eine neue Auswertung des BWL hat gezeigt: Allein von 2018 auf 2019 – also noch vor der Pandemie – stieg die Anzahl vermeldeter Engpässe bei wichtigen Medikamenten um 90 Prozent.

Rendez-vous, 12.06.2020, 12:30 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Kurt Looser  (Dremel)
    Wir werden kaum Verantwortung durch die Pharma sehen, wenn die Politik vorauseilenden eingreift.
    Es fehlt mir der Glaube, das Medikamente mit den aktuellen Preisen nicht wirtschaftlich hergestellt werden können. Die Gewinnspanne ist denen einfach zu tief!
    Wie wäre es wenn die Schweiz die lokale Produktion für Medikamente ohne Patentschutz international ausschreiben würde? Der freie Markt spielt so oder so nicht. Notfalls muss ein Staatsbetrieb her, der mit vernünftigen Gewinnen auskommt.
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  • Kommentar von Philipp Schläfli  (Q)
    Pragmatisch sind Lagerbestände an Wirkstoffen. Diese können auch aus anderen Kontinenten importiert werden, sollten allerdings in der Schweiz auf Lager oder leicht verfügbar sein. Bei Bedarf sind in der Schweiz (Industrie, Armeeapotheke,...) Kapazitäten vorhanden, um die Wirkstoffe zu tablettieren, daraus Infusionslösungen herzustellen, etc.
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  • Kommentar von Hans-Peter Grüter  (HP Grueter)
    Das Risiko war bekannt, die heimischen Kosten scheute man, der Mehr-Gewinn lockte.
    Bei unwichtigen Erzeugnissen nachvollziehbar, bei Medikamenten, Wasser, Energie, Nahrungsmitteln sträflich.
    Da wäre "Bern" gefordert!
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