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Gesellschaftliche Gräben nach Corona: Wie verhindern wir soziale Spaltung?
Aus Regionaljournal Ostschweiz vom 07.08.2022. Bild: Keystone
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Lehren aus der Pandemie Was hilft gegen tiefe Corona-Gräben in der Gesellschaft?

Umstrittener Lockdown, Demonstrationen gegen Massnahmen: Eine Bündner Untersuchung will Lehren aus der Pandemie ziehen. Doch das Unterfangen ist schwieriger als gedacht.

Teilweise quer durch Familien wurde gestritten über das Zertifikat oder die Impfung, Wörter wie «Diktatur» und «Covidioten» machten die Runde. Die Pandemie hat in der Schweiz Gräben aufgerissen. Hier Brücken bauen will der Kanton Graubünden und sucht aktuell nach Lösungen.

Eine Untersuchung soll klären, wie sich bei einer nächsten Krise soziale Spaltungen verhindern lassen. Sie ist Teil einer grösseren Evaluation des Bündner Krisenmanagements.

Die Leute sagten mir: ‹Man nimmt uns nicht ernst, man hört uns nicht›.
Autor: Martin Bühler Leiter Amt für Militär und Zivilschutz im Kanton Graubünden

Auslöser sei die Coronawelle im Herbst 2021 gewesen, sagt Martin Bühler, Bündner Krisenchef und Leiter des Amts für Militär und Zivilschutz. Kritikerinnen der Massnahmen hätten sich bei ihm gemeldet, der Tenor: «Man nimmt uns nicht ernst, man hört uns nicht.» Ihm habe das persönlich zu schaffen gemacht, sagt Bühler. Denn: «Wir hatten eine Krise zu bewältigen, in der wir als Behörde in das gesellschaftliche Leben eingreifen mussten.»

Bündner Krisenchef Martin Bühler
Legende: Eine wichtige Erkenntnis für den Bündner Krisenchef Martin Bühler: «Jeder Unfrieden verstärkt sich in einer Krise.» Keystone / Yanik Buerkli

Die Massnahmenkritiker schlugen Martin Bühler damals vor, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle zu kontaktieren. Sie könne neue Perspektiven einbringen und nehme eine Zwischenposition ein.

Ein runder Tisch scheitert

Die Ethikerin und der Krisenchef trafen sich erstmals im Januar 2022. Baumann-Hölzle leitet das Institut «Dialog Ethik» in Zürich, das vor allem Gesundheitsinstitutionen bei komplexen ethischen Fragen und Dilemmas berät.

Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle
Legende: Es sei eine «hohe Eskalationsstufe», wenn in der Schweiz ein Runder Tisch scheitere, sagt Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle: «Am Schluss ist es ein Vertrauensproblem und daran müssen wir arbeiten.» ZVG / Stiftung Dialog Ethik

Der Plan: Ein Runder Tisch unter der Leitung der Ethikerin sollte alle Seiten zusammenbringen, um miteinander das Thema «soziale Spaltung» zu diskutieren – Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft und des Bundesamts für Gesundheit, Massnahmenkritiker und -befürworterinnen.

Doch das Projekt scheiterte. Martin Bühler erinnert sich: «Gewisse Kreise sagten klar: ‹Wir sprechen mit euch, ihr habt gut mit uns zusammengearbeitet. Wir diskutieren aber nicht über die Wirkung von Impfungen oder Masken›». Wer nicht mit wem reden wollte, bleibt offen, weil der Bericht noch nicht fertig ist.

Wir hatten eine Krise zu bewältigen, in der wir als Behörde in das gesellschaftliche Leben eingreifen mussten.
Autor: Martin Bühler Leiter Amt für Militär und Zivilschutz im Kanton Graubünden

Anstelle eines Runden Tisches führte die Ethikerin Ruth Baumann zusammen mit Martin Bühler in den vergangenen Wochen Einzelgespräche mit den verschiedenen Gruppen durch.

Schild bei Demonstration mit STOP
Legende: Immer wieder gab es Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen in der ganzen Schweiz. Keystone / Walter Bieri

Auch wenn das Projekt noch läuft, erste Erkenntnisse gibt es für den Krisenchef Martin Bühler und die Ethikerin Ruth Baumann. «Am Schluss ist es ein Vertrauensproblem und daran müssen wir arbeiten», sagt Baumann. Das habe exemplarisch der gescheiterte Runde Tisch gezeigt. Es brauche in einer Krise das gegenseitige Vertrauen, dass es trotz unterschiedlicher Meinung «allen darum geht, gut durch eine solche Krise zu kommen».

Die Ethikerin fordert deshalb eine verstärkte öffentliche Debatte «auf Augenhöhe», zum Beispiel zwischen Fachleuten der gleichen Disziplin wie Medizinerinnen oder Juristen.

Diskussionen vor der Krise

Für Bühler ist die Erkenntnis wichtig, dass man immer vorbelastet in einer Krisensituation landet: «Jeder Unfrieden verstärkt sich in einer Krise.» Ein Beispiel sei das Impfen. Das Thema sei schon vor Corona kontrovers und mit verhärteten Fronten diskutiert worden. Solche schwierigen Diskussionen müsse man führen, wenn man die Zeit dazu habe. Vor einer Krise – quasi «in Friedenszeiten» – müsse auch demokratisch geklärt werden, wer Entscheidungen treffen kann, wenn es brennt.

Die Auswertung der geführten Gespräche im Kanton Graubünden läuft noch. Vorschläge, wie eine Gesellschaft künftig besser mit Krisen umgehen kann, soll es bis im Herbst geben.

SRF1 Regionaljournal Graubünden, 07.08.2022, 17:30 Uhr

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141 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Community, vielen Dank fürs Mitdiskutieren - für heute schliessen wir die Kommentarspalte und wünschen Ihnen eine gute Nacht. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von markus ellenberger  (ELAL)
    Das ganze wurde durch das notrecht welches letztmalig im 2 Weltkrieg angewendet wurde, verstärkt.(https://de.m.wikipedia.org/wiki/Notrecht) dadurch entstand der Eindruck, das wir im Krieg sind. Es müsst natürlich jetzt noch geklärt werden, ist die ganze Situation, eine Kriegs Situation? Wenn dies abschliesse geklärt ist könnte dann von Gräben geredet werden.
  • Kommentar von Thomas Ackermann  (Biologe)
    Die Gräben und Feindseligkeiten sind grösstenteils hausgemacht und unnötig. Meine Beobachtung der medialen Darstellung der Viruswelle hat mich von Anbeginn weg schockiert. Noch nie musste ich mir im Internet wissenschaftlich kontroverse Ansichten besorgen. Auch Srf News war nicht ausgewogen und oft nicht kritisch diskussionsoffen. Dass die Regierungen Massnahmen beschliessen ist klar. Dass die Medien eine echte und offene Disskussion hemmen ist entgegen ihrer Funktion.