Zum Inhalt springen
Inhalt

Lehrmittel von Privaten Der gesponserte Schweizer Unterricht

Vertreter von Swisscom, Max Havelaar und Victorinox als Lehrer? Private drängen in die öffentliche Bildung.

Legende: Video Lehrmittel von Privaten abspielen. Laufzeit 04:56 Minuten.
Aus 10vor10 vom 19.11.2018.

Bei der 8. Klasse in Bolligen im Kanton Bern ist heute quasi die Swisscom Lehrer. An der Tafel vorne steht Michael In Albon. Man sieht ihm zwar nicht an, dass er von einem Unternehmen beauftragt ist, doch dies ist eine gesponserte Unterrichtsstunde. Arbeitsblätter, Materialien – alles von der Swisscom.

Die Firma hofft, dass ihre Marke so positiv in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler haften bleibt. «Wir missbrauchen die Schüler nicht zu Werbezwecken», sagt In Albon, «es ist absolut zentral, dass die Inhalte unserer Kurse und Lehrmittel neutral sind». So lange dies gegeben sei, sähe er kein Problem.

Legende: Video In Albon: «Wir missbrauchen die Schüler nicht zu Werbezwecken» abspielen. Laufzeit 00:25 Minuten.
Aus News-Clip vom 19.11.2018.

Lehrerverband mahnt zur Vorsicht

Die Swisscom ist bei weitem nicht die einzige Schweizer Firma, die mit ihrer Marke in die Schulen drängt. Auf Online-Portalen wimmelt es von Unterrichts-Material von Privaten: so lädt die Axpo ein, die Welt des Stroms zu entdecken, Zweifel belehrt über die Geschichte des Kartoffelchips und Victorinox doziert über das Werkzeug im Wandel der Zeit.

Beat W. Zemp, der oberste Lehrer der Schweiz, mahnt bei solchen gesponserten Lehrmitteln zur Vorsicht. Sie würden für Private zunehmend zum Geschäft. «Problematisch wird es, wenn Produktwerbung drin ist, die Firma ihr Logo auf die Arbeitsblätter druckt oder wenn sie Falschaussagen verbreitet.»

Legende: Video Zemp: «Bei Werbung wirds problematisch» abspielen. Laufzeit 00:11 Minuten.
Aus News-Clip vom 19.11.2018.

Regeln für private Lehrmittel

Im Gegensatz zu obligatorischen Lehrmitteln wird ergänzendes Unterrichtsmaterial, wie jenes der Privaten, von keiner Kommission geprüft. Der Lehrerdachverband hat für solche Lehrmittel vor zwei Jahren deshalb Regeln definiert. Wer diese Charta unterzeichnet, verpflichtet sich, die Regeln zu beachten. Die Swisscom hat das getan, zusammen mit über 40 anderen Unternehmen, Verbänden und Organisationen.

Das reicht den bürgerlichen Parteien mehrerer Kantone nicht. Die Charta konzentriere sich nur auf Unternehmen, sagt Marc Bourgeois von der Zürcher FDP, «Greenpeace, Amnesty International und alle anderen Nichtregierungs-Organisationen haben das nicht unterschrieben».

Die Zürcher FDP will die politische Ausgewogenheit im Bildungsgesetz verankern. Der Vorstoss kommt nächstes Jahr in den Kantonsrat. Auch in anderen Kantonen sind ähnliche Vorstösse hängig.

Legende: Video Bourgeois: «NGOs haben nicht unterzeichnet» abspielen. Laufzeit 00:15 Minuten.
Aus News-Clip vom 19.11.2018.

Unterrichtsmaterial der FDP

Laut Beat Zemp gilt die Charta auch für Nichtregierungs-Organisationen, obwohl erst wenige diese unterzeichnet haben. Doch es gibt noch andere, die Lehrmittel anbieten und sich nicht zur Charta verpflichtet haben.

Darunter ausgerechnet die FDP. Die Partei bietet Unterrichtsmaterial zu den Grundlagen der Politik an. «Es ist klar, dass auch Parteien ihre Meinungen den Schülerinnen und Schülern näherbringen wollen», sagt Bourgeois, «das kann man nicht verhindern». Man könne jedoch verhindern, dass Lehrpersonen diese Meinung einseitig wiedergeben.

Zurück bei der 8. Klasse in Bolligen. Klassenlehrer Thomas Meyer glaubt nicht, dass er sich einspannen lässt, wenn er einen Mitarbeiter der Swisscom an die Tafel lässt. «Wir können nicht losgelöst von der Gesellschaft Schule geben», so Meyer, und zur Gesellschaft gehörten auch private Organisationen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

33 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Die Frage lautet weniger welche Bildung wollen wir nicht, als welche Bildung wollen wir? Die Aneignung des Bildungswesen durch Konzerne ist eine der wichtigsten Bastionen marktuntertanen, kapitalen und antidemokratischen Wirtschaftslogik, die heute alles durchdringen will. Es braucht das Einschalten des philosophischen Verstandes. Bildung weniger verstanden als Zielvorgabe des Was, denn als eine Haltung, die immer wieder neu selber bestimmen will, wohin es denn für eine gehen soll?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Private haben in der Bildung nichts verloren, denn sie missbrauchen die Bildung als Werbefläche. Bildung ist Aufgabe des Staates. Aber es sind Private und Wirtschaftsnahe die lieber bei der Bildung sparen statt bei sich selbst.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von L. Leuenberger (L.L.)
    Was geht da ab in der Schweiz...? Wer trifft solche Entscheide...? Diktate aus der Wirtschaft...?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen