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Schweiz «Man muss Radikalisierung früh erkennen»

Geht es nach dem Willen des Bundesrats, darf die Polizei verdächtigen Personen die Ausreise aus der Schweiz verbieten. So soll verhindert werden, dass sie sich an Kriegshandlungen in Syrien oder im Irak beteiligen. Für die Dschihad-Expertin Miryam Eser Davolio ist das aber nur eine Schiene.

Ein Dschihadist in Uniform und Gesichtsmaske beim Beten, hinter ihm ein Maschinengewehr.
Legende: Schulen und Jugendarbeiter sind gefragt, wenn es um die Früherkennung von Radikalisierung geht. Keystone/Symbolbild

SRF News: Bringt ein präventives Ausreiseverbot für Dschihad-Verdächtige etwas?

Miryam Eser Davolio: Die Repression ist eine Schiene im Kampf gegen Radikalisierung. Man muss vorsichtig sein mit solchen Massnahmen, da sie auch die Persönlichkeitsrechte einschränken. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass es sehr wenig Handhabe gibt, hier einzuschreiten. Die Massnahme ermöglicht es aber, Zeit zu gewinnen und mit radikalisierten Personen zu arbeiten und zu versuchen, sie davon abzuhalten, auszureisen und den Terror in Syrien und anderswo zu unterstützen.

Repressive Massnahmen sind eine Möglichkeit, sagen Sie, aber das heisst, dass man bei der Prävention die Schule und die Sozialarbeit nicht vergessen darf…

Ja, die Prävention müsste dort ansetzen, auch wenn wir es bei den dschihadistisch motivierten Kriegsreisenden nicht nur mit Jugendlichen zu tun haben. Ein Grossteil sind Erwachsene. Dort stellen sich dann wiederum andere Fragen, wie man präventiv wirksam sein könnte. Das ist viel schwieriger. Aber bei Jugendlichen sind es ganz sicher die Jugendarbeit, die Schulen, aber auch die muslimischen Organisationen, die eine wichtige Rolle spielen. Sie können mit betroffenen jungen Menschen arbeiten und versuchen, dass sie sich kritisch mit radikalen Haltungen auseinandersetzen.

Leute sind alarmiert, wenn sich jemand äusserlich verändert. Es geht aber vielmehr um Haltungen, die sich ändern.

Haben Sie gespürt, dass in den letzten Jahren das Interesse und die Bereitschaft gewachsen sind, in diesem Sinne aktiv zu werden?

Ja, ich bekomme viele Anfragen von Schulen und Jugendarbeitern, aber auch von muslimischen Organisationen. Sie haben Weiterbildungsbedarf und wollen mehr über die Thematik wissen. Sie wollen erfahren, wie sie vorgehen könnten, um präventiv aktiv zu sein. Es wäre wichtig, dass man diese Bereiche miteinander vernetzt, so dass sie gemeinsam mit solchen jungen Menschen arbeiten können.

Gibt es konkret etwas Wichtiges zu beachten, wenn es um Prävention geht?

Es gibt verschiedene Themen, die sehr wichtig sind. Das eine ist das Grundverständnis, dass man Radikalisierung erkennen kann. Teilweise sind die Leute alarmiert, wenn sich jemand äusserlich verändert. Es geht aber vielmehr um Haltungen, die sich ändern. Darum, den Wandel richtig interpretieren zu können, ob es sich nur um eine Provokation eines Jugendlichen handelt, der die Erwachsenen auf die Probe stellen möchte. Oder ob da wirklich mehr dahinter steckt, und auch gefährliche Tendenzen erkennbar sind, dass jemand beeinflusst wird durch andere Personen. Dass jemand in etwas hineingerät, bei dem er nicht selber abschätzen kann, was es für Auswirkungen haben und was er damit anrichten kann. Da ist es wichtig, Professionelle zu schulen, damit sie dies besser erkennen und besser damit umgehen können.

Mit dem Thema Prävention und Bekämpfung von Extremismus wird sich heute auch der Städteverband befassen. Sie sind als Expertin dabei. Welche spezifische Rolle spielen dabei denn die Städte?

Einige Schweizer Städte sind daran, Instrumente zu erarbeiten, oder auch Fachstellen zu schaffen und Fachkräfte zu vernetzen. Es geht darum, das Wissen zusammenzubringen für Prävention und Intervention. Diesbezüglich haben die Städte eine Vorreiterrolle. Aber eigentlich ist es eine Thematik, die alle betrifft, das heisst, auch ländliche Regionen werden nicht verschont. Es stellt sich nun die Frage, ob die Städte einen Wissens- und Ressourcenpool aufbauen können, der am Ende allen zugutekommt – und wie ein solcher Pool umgesetzt werden soll, so dass ihn alle mittragen würden.

Das Gespräch führte Elmar Plozza.

Miryam Eser Davolio

Die Dozentin an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat mit anderen Autoren eine Studie über die Hintergründe dschihadistischer Radikalisierung in der Schweiz veröffentlicht.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
    Vorsorge ist immer besser als Nachsorge, egal ob Islamismus, Brustkrebs, Altersarmut oder Schweissfüsse. Neben intelligenter Wahrnehmung setzt sie aber auch Ressourcen in Form von Zeit und Geld voraus. Deswegen ist immer abzuwägen ob diese Resourcen auch sinnvoll verbraucht werden. Im Falle radikaler Islamisten erscheint mir die Repression als insgesamt ökonomisch effizientere Variante. Es sei denn es wollen Freiwillige die notwendige Datensammlung und aufwendige Sozialarbeit leisten.
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Es sind keine - Chinesen - Japaner - Koreaner - Thais und auch keine - Argentinier - Brasilianer - Peruaner, die in Europa Probleme schaffen und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt massivst behindern. Gerade deshalb sind die oben Genannten nicht nur bei der Sozialindustrie äusserst unbeliebt. Generell sind sie auch bei all denen, die an den kriminellen und aggressiven Muslimen viel verdienen, nicht sonderlich gern gesehen.
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