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Mehr Gewalt gegen die Polizei «Achtmal pro Tag wird ein Polizist angegriffen»

Legende: Audio Wer ist Johanna Bundi Ryser? abspielen. Laufzeit 5:19 Minuten.
5:19 min, aus Rendez-vous vom 06.06.2018.

Da sitzt man mit der höchsten Schweizer Polizistin auf dem Waisenhausplatz. Links und rechts rollt der Verkehr. Und man sagt: «Gewalt gehört doch irgendwie zum Polizeijob.» Damit ist man aber bei Johanna Bundi Ryser, der neuen Präsidentin des schweizerischen Polizeibeamtenverbandes definitiv an der Falschen. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Verbandes und vertritt 26'000 Kolleginnen und Kollegen.

Der Steckbrief der Johanna Bundi Ryser:

Sie ist 55-jährig und arbeitet als Polizistin bei der Bundeskriminalpolizei. Sie ist mit einem Polizeioffizier verheiratet und ausgebildete Pflegefachfrau und Mediatorin. Sie hat einen 11jährigens Sohn, ist Rätoromanin und in einer 9-Köpfigen Bergbauernfamilie im Bündner Oberland aufgewachsen.

«Möchten Sie, dass – wenn Sie ein Interview machen – Ihnen jemand eine Ohrfeige gibt?» Und sie fügt an: «Wir jammern nicht. Aber es ist Fakt, dass die Angriffe zugenommen haben und brutaler werden. Wenn ein Polizist am Boden liegt, wird er noch mit den Füssen getrampelt.»

Mehr Beamte bedroht oder angegriffen

Die Statistik zeigt es auf: Im Jahr 2000 gab es 774 Fälle, in denen Polizisten bedroht oder angegriffen wurden. 2017 waren es schon 3102 Fälle. Das sei zu viel, sagt Bundi Ryser. Die Polizeibeamten werden beschimpft, angespuckt, gebissen, geschlagen. «Achtmal pro Tag wird ein Polizist angegriffen», sagt sie.

Die Täter sind Fussball-Chaoten, besoffene Partygänger, Krawallmacher. Es seien Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. «Es können Junge oder Alte sein. Häufig sind Alkohol und Drogen im Spiel und die Leute verlieren jegliche Hemmungen.»

Hartnäckig sei sie, sagt Bundi Ryser. «Vielleicht hat das auch mit der Erziehung zu tun, ich bin Bündnerin, und denen sagt man nach, dass sie stur seien. Allerdings sehe ich die Sturheit nicht als negativ, sondern für mich ist es auch eine gewisse Hartnäckigkeit, um ein Ziel zu verfolgen.»

Manchmal müsse man auch berechnend für die Sache der Polizei sein. «Aber man muss immer fair und ehrlich sein.»

Anzeigen gegen Polizisten haben auch zugenommen

Deshalb soll ehrlicherweise auch erwähnt werden, dass zwar die Gewalt gegen Beamte massiv zugenommen hat, gleichzeitig ist aber auch die Zahl der Anzeigen gegen Polizisten wegen Amtsmissbrauchs gestiegen. Letztere allerdings viel weniger stark. «Jeder hat das Recht, eine Beschwerde zu machen und sie wird auch seriös angeschaut. Wenn der Polizist etwas Unkorrektes gemacht hat, muss er dafür geradestehen», sagt sie.

Diese zierlich-zähe Frau weiss, was sie will. Sie hat sich in den Männerdomänen Militär- und Feuerwehrdienst durchgebissen und durchgesetzt. Die Polizistin will eine Null-Toleranz bei Gewalt und Drohung gegen Beamte. «Warum sollte ein Polizist es sich gefallen lassen, angegriffen zu werden? Vielleicht rettet er auch noch ein Menschenleben und wird daran gehindert.»

Bundi Ryser war früher SVP-Mitglied und ist heute parteilos. Sie fordert von der Politik und namentlich von Justizministerin Sommaruga: «Eine Straftat gegen Polizisten sollte mit Gefängnis von mindestens drei Tagen bestraft werden. Wir erwarten, dass der Bundesrat damit vorwärts macht.»

Fussball-Trainerin in der Freizeit

In ihrer Freizeit ist Bundi Ryser Fussball-Junioren-Trainerin. Auch von den Club- und Verbands-Verbandsverantwortlichen fordert sie mehr Engagement. Sie sollten viel mehr und stärker gegen Fan-Gewalt vorgehen und sich viel klarer davon distanzieren. Ihre Forderungen liegen auf dem Tisch.

So schnell wird Johanna Bundi Ryser nicht lockerlassen.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Vielen mangelt es auch an Zivilcourage. Niemand soll sich in Gefahr begeben, aber zusammen mit anderen könnte man schon den einen oder anderen Streit beenden, oder Täter Festsetzen. Lieber wird sich aber weggeduckt.:(
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Viele Schweizer wie auch Ausländer haben jeden Respekt vor anderen Menschen verloren. Das sieht man leider tagtäglich. Angriffe auf Ortungshüter sollen hart bestraft werden. Denn sonst will sicher bald keiner mehr Polizist werden. Es ist doch Schwachsinn dass man sofort aufschreit wenn die Polizei sich nicht angemessen verhält, aber wenn es deutlich häufiger umgekehrt ist tut niemand was.
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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Die Forderungen der Präsidentin des Polizei-verbandes sind berechtigt. Die Polizei steht vielfach vor sehr schwierigen Situationen und muss deshalb auch entsprechend von der Politik unterstützt werden. Es kann doch nicht sein, dass immer zuerst der Polizist oder dessen Einsatz in Frage gestellt wird !
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