Zum Inhalt springen

Header

Audio
Getestet, aber nicht geimpft – und unter Vorwand entlassen
Aus Espresso vom 17.11.2021.
abspielen. Laufzeit 6 Minuten 1 Sekunde.
Inhalt

Missbräuchliche Kündigungen? Getestet, aber nicht geimpft – und unter Vorwand entlassen

Eine Firma kündigt langjährigen Angestellten unter fragwürdigen Umständen.

«Ich habe 13 Jahre lang alles gemacht für diese Bude. Und jetzt dieser Abgang. Das macht mich traurig», sagt eine der drei betroffenen Angestellten des Lebensmittelverarbeiters Gertsch Comestibles in Thun. Ein KMU, das Fleisch und Fisch für Restaurants, Altersheime oder Metzgereien zubereitet.

Die Frau hat die Kündigung erhalten und muss per Ende Januar gehen. Sie sagt, sie wolle nicht um ihren Job kämpfen. Doch es bleibe ein ungutes Gefühl und die offene Frage, ob diese Kündigung rechtlich sauber sei.

Mündlich so – schriftlich anders

Die drei schriftlichen Kündigungen liegen dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» vor. Darin ist die Rede von «betriebsnotwendigen Umstrukturierungsmassnahmen» als Kündigungsgrund. Dies erstaunt die Betroffenen, denn im persönlichen Gespräch habe ihnen der Chef mitgeteilt, sie würden entlassen, weil sie nicht geimpft seien, berichten sie.

In der Firma gilt seit dem 18. Oktober die Zertifikatspflicht. Die Angestellten müssen also geimpft, genesen oder getestet sein.

«Espresso» unterhält sich am Telefon mit den drei Entlassenen. Sie sagen alle, dass sie mit Testen und Masken kein Problem hätten, aber sie wollten sich lieber (noch) nicht impfen lassen.

Arbeitgeber schweigt

Dass man ihnen im Gespräch sage, man entlasse sie, weil sie sich nicht impfen lassen wollten, dann aber ins Kündigungsschreiben mutmasslich einen Vorwand dafür bringe, können sie nicht nachvollziehen.

Die Firma will zum Thema gegenüber «Espresso» nichts sagen. Zu Interna nehme man nicht in der Öffentlichkeit Stellung.

«Espresso» ist an Ihrer Meinung interessiert

Box aufklappen Box zuklappen

Rechtsexperte: Zumindest fragwürdig

Für den Arbeitsrechts-Experten Roger Rudolph von der Universität Zürich sind diese Entlassungen in mehrfacher Hinsicht zumindest fragwürdig. Zum einen unter dem Aspekt des Missbrauchsschutzes.

Zwar seien die Kündigungen nicht per se missbräuchlich, sagt er auf Anfrage von «Espresso». Aber wenn eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer vor Gericht nachweisen könne, dass der eigentliche Grund für die Kündigung ein anderer sei als im Kündigungsschreiben aufgeführt, so wie im vorliegenden Fall: «Dann würde ein Gericht vom Anfangsverdacht ausgehen, dass hier eine missbräuchliche Kündigung vorliegt. Und dann würde sich auch die Rechtsposition eines Mitarbeitenden deutlich verbessern in einem solchen Prozess», sagt Rudolph.

Bis zu sechs Monatslöhne als Entschädigung möglich

Wenn das Gericht tatsächlich zum Schluss komme, dass eine Kündigung missbräuchlich sei, könne das Entschädigungszahlungen zur Folge haben. Dies im Umfang von bis zu sechs Monatslöhnen. Rückgängig machen lasse sich eine Kündigung indes kaum – ausser es komme trotz allem noch zu einer Einigung zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmer.

Nun kommen im vorliegenden Fall ja noch Corona und 3G-Regeln (geimpft – genesen – getestet) ins Spiel. Dazu gebe es noch keine Rechtsprechung, so Rudolph. Aber wenn das Zertifikat eingeführt werde, mit dem Testen als einer von drei Optionen, und sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter zwar testen, aber nicht impfen lasse und deswegen die Kündigung erhalte: «Dann ist das zumindest widersprüchlich, und es wäre denkbar, dass eine Kündigung deshalb missbräuchlich wäre.»

Wer sich wehren will: Fristen beachten!

Box aufklappen Box zuklappen

Wichtig sei, dass man vor dem Ablauf der Kündigungsfrist bei der Arbeitgeberin eine schriftliche Einsprache deponiere, rät Rechtsexperte Roger Rudolph. Und nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses müsse man innerhalb von 180 Tagen klagen. «Wenn man diese Fristen verpasst, kann man nichts mehr machen. Selbst wenn eine Kündigung eindeutig missbräuchlich ist.»

Die drei Angestellten des Thuner KMUs haben entschieden, die Kündigungen anzufechten.

Espresso, 17.11.2021, 08:13 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

149 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Community. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle und freuen uns, wenn Sie auch morgen wieder dabei sind. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Yvonne Abt  (YvonnedieDreizehnte)
    Das Unternehmen hat alles richtig gemacht und handelt konsequent.
    Nach OR 335 muss der Arbeitgeber keinen Grund angeben bei einer Kündigung. Dass besagtes Unternehmen doch einen Grund mit "betriebsnotwendigen Umstrukturierungsmassnahmen" angegeben hat, macht es sich unnötig angreifbar und gibt den Betroffenen eine unnötige Angriffsfläche die Kündigung anzufechten. Zumal intern nicht gut kommuniziert wurde und sie erfahren mussten, dass der Grund doch ihre Nicht- Impfung sein könnte.
  • Kommentar von Susanna Rohner  (Denken!)
    @Holzer - ja, wir haben und werden immer MA's mit Beeinträchtigungen in unserem Betrieb haben,müssen wir uns jedoch nicht damit brüsten,da selbstverständlich und nichts zu tun mit der Pandemie.Und ja, wir haben auch eine ungeimpfte MA in unserem Betrieb,dies jedoch nur,da sie keinen Kundenkontakt hat und auf Wunsch der übrigen MA's isoliert arbeiten kann.Wir organisieren das,da wir nicht wollen,dass sie eine schwere Erkrankung riskiert,den sie ist bereits Ü60.Soviel zur Rücksichtn.d.Geimpften
    1. Antwort von Peter Holzer  (Peter Holzer)
      Frau Rohner: Ich hatte lediglich auf ihre falschen Unterstellungen reagiert um klarzustellen um was es ging und ich mich nicht despektierlich gegenüber Beeinträchtigten oder Ihnen äusserte. Danke