Abgas-Skandal Motorschaden nach Software-Update bei VW

175‘000 Autohalter müssen nach dem VW-Skandal für ein Software-Update in die Auto-Werkstatt. Bei mehreren VW-Modellen ging nach der Anpassung die Abgasrückführung kaputt. Nach den Recherchen von «Kassensturz» lenkt Volkswagen ein und übernimmt die Reparaturkosten von bis zu 1500 Franken.

Video «VW-Abgas-Skandal: Motorschaden nach Software-Update» abspielen

VW-Abgas-Skandal: Motorschaden nach Software-Update

13 min, aus Kassensturz vom 20.6.2017

Das Wichtigste in Kürze:

  • In der Schweiz muss bei rund 175‘000 Modellen von VW, Audi, Skoda und Seat ein Software-Update durchgeführt werden.
  • Recherchen von «Kassensturz» zeigen: Nach dem Update kann ein Schaden am Abgasrückführungs-Ventil auftreten.
  • Kunden berichteten, dass VW-Importeurin Amag die Kosten dafür aber nur teilweise oder gar nicht übernimmt.
  • VW bestreitet zwar einen Zusammenhang von Update und Schaden an der Abgasrückführung. Trotzdem lenkt der Volkswagen-Konzern ein und übernimmt nun Reparaturkosten für Schäden an bestimmten Motorteilen.
  • Diese Zusage gilt für den Zeitraum bis zwei Jahre nach dem Update oder bis 250‘000 km Laufleistung. Kunden, die solche Reparaturen bereits selber bezahlt haben, müssen das Geld bei Amag zurückfordern.

Einer der betroffenen VW-Kunden ist Dominik Gunsch. Er hat das Software-Update Ende Februar bei seinem VW Polo durchführen lassen. Einen Monat später trat bei seinem Auto ein Schaden auf. Das sogenannte AGR-Ventil war defekt. Dieses ist Bestandteil der Abgasrückführung (AGR) im Motor.

Für ihn war klar, dass beides einen Zusammenhang haben muss: «Misstrauisch ist man schon, wenn man ein Software-Update für die Abgasrückführung macht und ein paar Monate später eine Fehlermeldungen für genau diese aufleuchtet.»

Kosten bleiben an Fahrzeughaltern hängen

Dass zwischen Update und Schaden kein Zusammenhang bestehen soll, wie sein Garagist betonte, will Gunsch nicht glauben. Er steht stellvertretend für mehrere Volkswagen-Kunden, die sich bei «Kassensturz» gemeldet haben. Bei allen trat an ihrem Auto nach dem Software-Update ein Schaden an der Abgasrückführung auf. Die Reparaturkosten sollten sie mindestens teilweise selber zahlen.

Auch von Amag, der Schweizer Generalimporteurin von Automobilen des Volkswagenkonzerns, hiess es bei einer ersten Anfrage von «Kassensturz» noch: «Das Software-Update bei Dieselfahrzeugen mit Motoren des Typs EA189, die im Rahmen des Rückrufs umgesetzt werden, hat keinen negativen Einfluss auf die Funktion und Wirkungsweise des AGR-Systems.»

Die Russ-Stickstoff-Schere

Ganz anderer Meinung ist hingegen der deutsche Anwalt Marco Rogert: «Wenn sie den Stickstoff-Wert senken wollen, dann steigt ganz automatisch der Russpartikel-Anteil. Der erhöhte Russanteil im Dieselmotor führt zu einer Verkokung, man kann dem auch Verstopfung sagen». Der Professor für Wirtschaftsrecht vertritt alleine in Deutschland 80 Autobesitzer, die nach dem Update einen Schaden bei der Abgasrückführung erlitten haben.

«Kassensturz» liegt eine wissenschaftliche Arbeit vor, welche die Aussage der Rechtsanwälte belegt. Die Doktorarbeit zur sogenannten Russ-Stickstoff-Schere besagt zusammengefasst: Eine Senkung des Stickstoffanteils (NOX) bedeutet automatisch eine Steigerung des Russanteils. Brisant: Der Verfasser hat die Dissertation mit Unterstützung von Volkswagen im Jahr 2006 geschrieben. Der deutsche Autobauer weiss also seit Jahren vom Problem.

Amerikanische VW-Kunden werden bevorzugt

In den USA scheinen mindestens die Behörden von der Russ-Sticksoff-Schere zu wissen. Nicht umsonst haben sie in die Vereinbarung mit Volkswagen eine Garantie auf das Abgasrückführungs-Ventil und viele weitere Motorenteile ausbedungen. Das 164-seitige Dokument regelt, dass die Teile nach dem Update während zehn Jahren oder bis 120‘000 Meilen repariert oder ausgetauscht werden müssen. Ohne Kostenfolgen für den Konsument.

Nicht so in der Schweiz. Erfahrungen von Amag- oder VW-Kunden zeigen: Wer sich nicht hartnäckig wehrt, der bezahlt den Schaden selber. «Kassensturz» weiss von Fällen, bei denen nach zähen Diskussionen mit dem Garagisten 90 Prozent übernommen wurden. In einem weiteren Fall hat der Amag-Garagist dem Kunden angeboten, die Materialkosten zu bezahlen. Den Arbeitsaufwand von rund 1000 Franken müsse der Kunde aber selber bezahlen.

«Wer nicht klagt, bekommt nichts»

Noch frustrierter ist ein Amag-Kunde, bei dem gleich bei zwei seiner VW die Abgasrückführung nach dem Update ersetzt werden musste. Bei ihm zahlte Amag überhaupt nichts. Begründung: Er habe die Reparatur bei keiner offiziellen Amag-Vertretung durchführen lassen.

Rechtsanwalt und Professor für Wirtschaftsrecht Marco Rogert erstaunt die Ungleichbehandlung von VW-Kunden nicht. Er vertritt insgesamt rund 2000 Kunden des VW-Konzerns. Seine Erfahrung, die er dabei mit dem Autobauer gemacht hat, fasst er mit den Worten zusammen: «Wer nicht klagt, bekommt nichts!»

Jetzt übernimmt VW die Kosten doch

«Kassensturz» konfrontiert Amag mit weiteren Fällen, mit der Dissertation zur Russ-Stickstoff-Schere aus dem Hause Volkswagen und den US-Garantieleistungen. Und plötzlich kommt Bewegung in die Sache. VW bestreitet zwar nach wie vor einen Zusammenhang der Schäden an der Abgasrückführung und dem Software-Update. Doch Volkswagen lenkt trotzdem ein. Der Autoriese übernimmt die Reparaturkosten von Motoren- und Abgasreinigungsteilen ab sofort. Amag hält im Namen von Volkswagen fest:

  • «Die Marken der Volkswagen AG sagen ihren Kunden zu, dass sie eventuelle Beschwerden, die im Zusammenhang mit dem Update an Fahrzeugen mit Dieselmotoren des Typs EA189 stehen und bestimmte Teile des Motor- und Abgasreinigungssystems betreffen, aufgreifen werden.»
  • «Diese Zusage gilt grundsätzlich für Fahrzeuge, die regelmässig gewartet wurden und für einen Zeitraum von 24 Monaten nach Durchführung des Updates und bis zu einer Gesamtlaufleistung des Fahrzeuges von max. 250‘000 km bei Inanspruchnahme der vertrauensbildenden Massnahme.»
  • «Die Volkswagen-Marken werden Kunden sämtliche von ihnen bereits geleisteten Zahlungen für die Reparatur von bestimmten Teilen des Motor- und Abgasreinigungssystems, die in der Vergangenheit an umgerüsteten Fahrzeugen durchgeführt wurden, erstatten.»

Kunden, welche nach dem Software-Update für Reparaturleistungen am Motor bereits Zahlungen geleistet haben, könnten das Geld zurückfordern. Dazu müssten sie mit der Rechnung bei ihrem Garagisten vorstellig werden, so Amag gegenüber «Kassensturz».

Strafverfahren gegen Amag hängig

Es ist ein weiteres Kapitel im VW-Diesel-Skandal. Viele betroffene Kunden warten immer noch auf Schadenersatz oder die Möglichkeit, das Auto zurückzugeben.

Der Genfer Anwalt Jacques Roulet kämpft für diese Anliegen und vertritt rund 600 Käufer von Volkswagen-Modellen wie auch Audi, Skoda und Seat. Er hat es geschafft, dass die Schweizerische Bundesanwaltschaft ein strafrechtliches Verfahren gegen Amag führen muss. Es geht darum, ob der Autohändler vom Betrug wusste und sich mitschuldig gemacht hat. Hier gilt wie immer die Unschuldsvermutung.

Im Kanton Genf sind ausserdem zwei zivilrechtliche Gerichtsverfahren hängig. Mit den Klagen fordert Anwalt Roulet einerseits Schadenersatz für betroffene Käufer, andererseits die Rücknahme der Autos gegen Rückerstattung des Kaufpreises. «Man kann das doch nicht akzeptieren: Das Auto ist nicht das, was der Kunde eigentlich kaufen wollte.»

Video «Stellungnahme von Dino Graf, Mitglied der AMAG-Geschäftsleitung» abspielen

Stellungnahme von Dino Graf, Mitglied der AMAG-Geschäftsleitung

4:44 min, aus Kassensturz vom 20.6.2017

Sendung zu diesem Artikel