«Guten Tag, da ist die Opferhilfe Zürich, wie kann ich Ihnen helfen?» – so beginnen viele Gespräche bei der 142. Eine der Stimmen am anderen Ende ist Ursula Frisch, Telefonberaterin der Opferhilfe Zürich. Sie erlebt täglich, wie gross die Hemmschwelle ist, Hilfe zu suchen: «Viele Betroffene sagen uns, sie hätten lange darüber nachgedacht, ob sie anrufen sollen oder nicht. Ob das, was sie erlebt haben, ‘genug schlimm’ ist.» Gerade diese Unsicherheit sei typisch, sagt Frisch.
Gewalt zu erleben, hinterlasse oft eine gewisse Unordnung im Innern. Umso wichtiger sei es, in den Gesprächen Halt zu geben: «Gewalt führt immer zu einer gewissen Unsicherheit, weil die Schutzfunktion entfällt. Unsere Aufgabe ist es, diesen Menschen ein Stück Sicherheit zurückzugeben.»
Gespräche als erster Schritt aus der Gewaltspirale
Für viele ist der Anruf ein erster entscheidender Schritt. Oft gehe es nicht nur um konkrete Informationen, sondern auch darum, die Situation zu ordnen, sagt Frisch: Das Gespräch könne helfen, diese Unordnung zu strukturieren und nächste Schritte sichtbar zu machen.
«Wenn ein Gespräch gut verläuft, steigt die Chance, dass Betroffene den Mut finden, weiterzugehen und Hilfe anzunehmen.» Damit hat die Hotline auch eine präventive Wirkung: Wer früh Unterstützung sucht, kann helfen, Gewaltspiralen zu durchbrechen.
Erste Einschätzung – und bei Bedarf sofortige Hilfe
Die Beraterinnen und Berater klären in einem ersten Schritt, wie dringend die Situation ist. Geht es um eine akute Krise, werden sofort weitere Stellen eingeschaltet – etwa Polizei, Notfallpsychiatrie oder medizinische Hilfe.
Liegt keine akute Gefährdung vor, folgt eine Einordnung: Handelt es sich um eine Straftat im Sinne des Opferhilfegesetzes? Entsprechend wird die betroffene Person an spezialisierte Beratungsstellen weitergeleitet. Wichtig dabei: Alles ist freiwillig. Die Anrufenden entscheiden selbst, ob sie anonym bleiben oder weitervermittelt werden möchten.
Christoph Amstad, Vizepräsident der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren, zieht eine positive Zwischenbilanz: «Die Nachfrage ist hoch. Was wir sehen: Die Menschen rufen vor allem während der Öffnungszeiten an, nachts sind es bislang nur vereinzelte Anrufe.»
Gewalt betrifft alle
Ein wiederkehrendes Thema in den Gesprächen: Scham und Selbstzweifel. «Viele Frauen sagen: Ich bin doch eine selbstbewusste Frau, ich habe studiert – und jetzt ist mir das passiert», erzählt die Telefonberaterin Ursula Frisch. Ihre Antwort darauf ist klar: «Das hat nichts mit Status oder Ausbildung zu tun. Gewalt kann jedem passieren.»
Die Hotline richtet sich an alle Betroffenen – Männer wie Frauen, sowie Minderjährige, unabhängig davon, ob es sich um psychische, physische oder sexuelle Gewalt handelt. Auch Angehörige können sich beraten lassen.
Um die neue Nummer noch bekannter zu machen, planen Bund und Kantone eine nationale Kampagne. Ziel ist es, die Hemmschwelle weiter zu senken und noch mehr Betroffene zu erreichen. Denn die wichtigste Botschaft der Beraterinnen und Berater bleibt: Wer unsicher ist, ob die 142 die richtige Stelle ist – soll trotzdem anrufen.