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Wenn die Betten knapp werden: Wie entscheiden die Ärzte?
Aus Tagesschau vom 21.03.2020.
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Neue Richtlinien wegen Corona Was tun, wenn die Spitäler überlastet sind?

Der mögliche Entscheid über Leben und Tod in Zeiten des Coronavirus ist eine grosse Herausforderung für Ärzte.

Hinter jeder Zahl steht ein Mensch: 7014 bestätigte Corona-Ansteckungen und 60 Todesfälle meldet das BAG für die Schweiz am 22. März 2020.

Besonders im Tessin ist die Lage prekär. Dort werden schwerpunktmässig Covid-19-Patienten behandelt. Auf der Intensivstation sind kaum mehr Betten frei. Alleine im Tessin sind seit Ausbruch des Virus schon 28 Personen verstorben.

Entscheidung in Krisensituation

Die Richtlinien zur sogenannten Triage von intensivmedizinischen Behandlungen, Link öffnet in einem neuen Fenster bei Ressourcenknappheit sind diese Woche von medizinischen Experten ergänzt worden. Damit Ärzte in Krisensituationen noch schneller und fairer entscheiden können. Nämlich, welchen Patienten der Vorrang gegeben wird, wenn es um Leben und Tod geht. Denn: Die Extremsituation, in der hierzulande die Intensivbetten knapp werden, ist kein Ding der Unmöglichkeit mehr.

Die Richtlinien gelten schweizweit für alle Spitäler. Sowohl bei Covid-19-Erkrankten wie auch bei anderen Patienten, die intensive Pflege benötigen, wird nach denselben Kriterien entschieden. Alter, Herkunft oder Religion spielen dabei keine Rolle, sondern nur wie günstig die Heilungsprognosen sind.

Wie sehen die konkreten Richtlinien aus?

Antje Heise von der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin erläutert die konkreten Richtlinien: «In Situationen der absoluten Ressourcenknappheit, wenn keinerlei Intensivplätze mehr verfügbar sind, dann muss Gerechtigkeit weit oben stehen. Das heisst, dass Patienten einer Intensivbehandlung zugeführt werden, die einerseits eine reelle Überlebenschance haben aber auch eine längerfristig gute Prognose haben.»

Behandelt werden in diesen Richtlinien auch Nicht-Aufnahmekriterien, wenn kaum mehr Betten zur Verfügung stehen. Zum Beispiel schwere Vorerkrankungen oder schwere Unfallverletzungen. «Der ältere Patient mit der Covid-19-Erkrankung kann in einem besseren Zustand sein und eine bessere Prognose haben als eine jüngere Patientin nach einem schweren Verkehrsunfall mit vielen Verletzungen, und deshalb kann durchaus auch dem älteren Covid-Patienten der Vorzug für eine Intensivbehandlung gegeben werden», so Heise.

Selbstverständlich begrüssen wir dieses Papier sehr. Es wird den Ärzten in den Spitälern helfen, wenn es noch schlimmer wird, mit knappen Ressourcen umzugehen.
Autor: Daniel KochLeiter Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamtes für Gesundheit (BAG)

Das Bundesamt für Gesundheit ist froh um die überarbeiteten Richtlinien. Daniel Koch, Leiter Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) meint dazu: «Selbstverständlich begrüssen wir dieses Papier sehr. Es wird den Ärzten in den Spitälern helfen, wenn es noch schlimmer wird, mit knappen Ressourcen umzugehen.»

Trotz den überarbeiteten Richtlinien: Der mögliche Entscheid über Leben und Tod bleibt eine grosse Herausforderung für Ärzte und Ärztinnen.

Ethikerin: «Jetzt gibt es klare Kriterien»

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Die neuen Richtlinien , Link öffnet in einem neuen Fensterim Umgang mit schwerkranken Patienten für den Fall, dass die Spitäler überlastet sind, werfen Fragen auf. Denn die Möglichkeit, dass Patienten auch abgewiesen werden müssen, basiert nicht nur auf medizinischen Entscheidungen, sondern auch auf ethischen.

SRF hat bei Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik in der Schweiz, nachgefragt. Sie beschäftigt sich mit ethischen Entscheidungsfindungsverfahren in der Medizin.

SRF: Warum war es nötig, diese Richtlinien anzupassen?

Ruth Baumann-Hölzle: Die Anpassung hat sich ergeben, weil wir angesichts von knappen Ressourcen noch genauere Kriterien gebraucht haben, als sie bisher festgelegt wurden. Ich finde, die Ärzte aber auch die Angehörigen wurden stark alleine gelassen. Jetzt gibt es klare Kriterien.

Wie schwierig ist diese Anpassung für die Ärzte? Sie müssen die Entscheidungen schliesslich fällen.

Diese Entscheide sind immer schwierig, weil es eben sehr oft um Leben und Tod geht. Vor allem auf der Intensivpflegestation. Diese Fragen gehören zur modernen Medizin. Weil die Medizin so viel kann. Wenn ich nicht künstlich beatmen könnte, müsste ich nicht darüber entscheiden, ob ich ein solches Gerät brauche oder nicht.

Diese Krise hat sich sehr schnell zugespitzt und die Massnahmen müssen schnell angepasst werden. Das ist doch eine absurde Situation?

Wir hatten vorher Richtlinien, die quasi die Triage ausgeblendet hatten. Man hatte einfach sehr allgemein verfügt, wenn es etwas nützt, dann soll man diese Menschen bevorzugen, bei denen die Intensivmassnahmen wirksam sind. Jetzt hat man die konkreten medizinischen Kriterien einfach noch zugespitzt und verschärft.

Was muss sich jetzt jeder einzelne konkret für Überlegungen machen?

Jeder einzelne muss sich jetzt fragen: «Möchte ich überhaupt noch in ein Akut-Spital überwiesen werden?» Das ist eine wichtige Frage. Was möchte ich? Möchte ich noch auf eine Intensivstation überwiesen werden? Möchte ich an ein Beatmungsgerät? Das sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Denn wir können nicht nicht entscheiden.

Tagesschau, 21.03.20, 19.30 Uhr; srf/spea

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56 Kommentare

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  • Kommentar von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
    Fortsetzung: Ich meine, Versammlungen vom besagten Pflegepersonal mit nicht medizinischem Personal.
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  • Kommentar von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
    Meine Frage: Sollten nicht Ärzte und Pflegepersonal auf die Teilnah von Versammlungen auch in privatem Rahmen verzichten, auch dann, wenn nur 5 Personen anwesend sind, Ich meinte, gerade sie sollten das Risiko einer Ansteckung erst recht vermeiden, da ohnehin zu wenig Pflegepersonal vorhanden ist.
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  • Kommentar von Walter Schmid  (W. Schmid)
    Kann mir bitte jemand erklären, warum wir noch zusätzlich neun schwere Fälle aus Frankreich übernehmen? Diese Menschen tun mir leid, nicht falsch verstehen, es ist schrecklich. Aber wir haben zu wenige Notfallbetten für die eigene Bevölkerung, die Spitäler überlastet und das Personal läuft am Limit. Wir reden bereits über Selektion wie Italien und importieren noch schwere Fälle. Was verstehe ich hier nicht.
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    1. Antwort von Hans Simmer  (han(s) immerrächt)
      Das Tessin ist dem Rest der Schweiz 1-2 Wochen voraus was die Ausbreitung des Virus betrifft und auch dort sind die Kapazitäten noch nicht völlig ausgereizt. Man darf also getrost annehmen, dass die Patienten aus Frankreich genesen sein werden bis in der Westschweiz der Höhepunkt der Ansteckungen erreicht ist und die Ressourcen knapp werden.
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    2. Antwort von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
      Ich verstehe das einerseits auch nicht. Anderseits heisst es, es stünden genug Pflegebetten und -mittel bereit. Eine Kollegin unterstützt die Bereitschaft der Schweiz, Elsässer Kranke aufzunehmen sehr. Logisch, ihr Sohn ist mit einer Elsässerin verheiratet.
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