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SOB-Geschäftsführer: «Die Gotthard-Region hat enormes touristisches Potenzial»
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 15.12.2020.
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Neue Zugsverbindung Treno Gottardo soll vergessenen Regionen neues Leben einhauchen

Die Gotthard-Bergstrecke wird wieder direkt angefahren und soll Touristen anlocken. Doch der Zug alleine reicht nicht.

«Das Zugsteam der SOB begrüsst sie im Treno Gottardo …» Pause. «… nach Bellinzona.» Die Durchsage klingt noch etwas unsicher, die müssen sie noch üben bei der Südostbahn. Verständlich: Es ist ja auch der erste Passagierzug seit vier Jahren, der ab Zürich Hauptbahnhof durch den alten Gotthardtunnel direkt ins Tessin fährt. Losgerollt ist er am Sonntag, 13. Dezember, um sechs Uhr morgens.

Der Zug ist gefüllt mit einer Mischung aus Schneesportlern und Bähnlern. Erstere fahren für Skitouren bis nach Göschenen, um die Urner Berge hochzufellen und Kurven in den frischen Schnee zu ziehen. Zweitere sind wegen des Zugs da. «Ich habe einen Spleen und wollte unbedingt auf den ersten Zug», sagt etwa ein Mann aus Frick im Kanton Aargau.

Auf Quersubventionen angewiesen

Es ist der erste Zug von vielen, die von nun an wieder direkt ab Zürich und Basel die Gotthard-Region via alter Bergstrecke passieren. Angeboten werden sie neu von der Südostbahn SOB, die damit erste Fernverkehrs-Erfahrungen sammelt. «Es ist ein Prestige-Projekt», gibt Thomas Küchler, Geschäftsführer der SOB, zu.

Kirche im Schnee
Legende: Regardez-la, l’église! Auch das Chileli von Wassen sieht wieder, wer die neue Verbindung ab Zürich oder Basel nimmt. SRF / Fabio Flepp

Ihm sei bewusst, dass diese Zugsverbindung wahrscheinlich nie schwarze Zahlen schreiben und immer auf Quersubventionierung angewiesen sein werde. Dafür habe die SOB einen Vertrag mit der SBB. «Die Bundesbahnen decken allfällige Defizite», meint Küchler. So funktioniere das System: Weniger frequentierte Züge würden mithilfe der wichtigen Pendlerstrecken finanziert.

«Die Wirtschaftlichkeit ist aber auch nicht das Ziel des Treno Gottardo», so Küchler. Es gehe in erster Linie darum, dass die Tourismusregionen an der Gotthard-Bergstrecke wieder Aufwind bekämen. «Momentan befinden sie sich in einer Art Dornröschen-Schlaf.» Gemeint sind damit das Urner Oberland und die Leventina im Tessin. Seit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels waren diese Regionen von den grossen Zentren aus mit dem Zug nur noch indirekt erreichbar.

Braucht auch andere Angebote

Kann eine neue Zugsverbindung diesen Regionen tatsächlich neues Leben einhauchen? Jein, meint Tourismusexperte Rico Maggi von der Università della Svizzera italiana. «Der Zug allein reicht dafür nicht. Verbesserungen im Verkehrssystem bringen nur was, wenn in den Tälern auch etwas geschieht.» Es brauche deshalb neue touristische Angebote.

Thomas Küchler
Legende: «Früher war die Gotthardregion ein Durchgangsort – doch sie hat auch touristisches Potenzial». SOB-Geschäftsführer Thomas Küchler vor dem neuen Treno Gottardo in Airolo. SRF / Fabio Flepp

Potenzial gebe es: «Die alten Kirchen in Giornico etwa oder auch Faido als ehemaliger Kurort könnten Leute anziehen. Und auch das Göscheneralptal hat einiges zu bieten.» Wichtig sei aber, dass die Bewohner der Täler dies auch erkennen, so Maggi. «Es braucht Läden mit lokalen Souvenirs, Lebensmitteln und gute Restaurants.»

Stündliche Verbindungen

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Der neue Treno Gottardo fährt stündlich nach Süden - abwechslungsweise von Basel und Zürich aus. Die Züge, die in Zürich starten, verkehren über Zug - jene aus Basel über Olten und Luzern. Die nächsten fünf Monate bleibt Bellinzona wegen Bauarbeiten die Endstation, ab dem 5. April fährt der Zug dann bis Locarno.

Für die Fahrten über die Gotthard-Bergstrecke setzt die SOB auf den kupferfarbenen Traverso-Zug, der seit 2019 auch auf der Linie des Voralpen-Express zwischen St. Gallen und Luzern unterwegs ist.

Beweislast liegt bei den Betreibern

Dass die neue Zugsverbindung allein höchstens in der Anfangsphase Touristen anziehen kann, das ist sich auch Thomas Küchler bewusst. Die SOB hat deshalb einen neuen Online-Shop lanciert, auf dem neben den Zugtickets auch touristische Highlights aus der Region angepriesen werden. «Unsere Aufgabe ist es nun, zu beweisen, dass man diese Bergstrecke aus rein touristischen Gründen erhalten kann.»

Die SOB wendet einiges an Ressourcen auf, um dies beweisen zu können. Das Unternehmen will dank neuen Strecken seine Belegschaft bis Ende 2021 auf 800 Mitarbeitende ausbauen – das sind 200 mehr als zuvor.

SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 14.12.2020, 06:30 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Mike Steiner  (M. Steiner)
    Prognose: in zehn Jahren will keiner mehr den Unterhalt der Bergstrecke zahlen. Defizitär. Abriss. Busersatz. Lastwagenzunahme. Engpass auf der NEAT. Desaster. Etwas anderes als Mist produzieren können wir als Land gar nicht mehr.
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    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Seh ich nicht so, im Gegenteil: Weltkulturerbe und ein gesellschaftlicher Wille für dessen Unterhalt. Die grosse Bedrohung ist der Klimawandel und ein exponentiell wachsender Aufwand für die Schutzmassnahmen. Nicht ein Mist produzierendes Land...
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  • Kommentar von Peter Zuber  (Hä nuuh)
    Jöööh wie häärzig. Und ob das rentiert spielt, dank den zahlenden Autofahrern, eh keine Rolle wie beim übrigen ÖV.
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    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Der Strassenverkehr wird ebenfalls massiv durch die Steuern subventioniert und ist keinesfalls selbst tragend. Nur mal ein Anstoss, sich vielleicht ausgiebiger damit zu befassen.
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  • Kommentar von Lothar Drack  (spprSso)
    Complimenti! Es wäre Nostalgie pur – wenn‘s so weit ist – ab Bfh. Zürich Enge zu fahren (oder da Station zu machen): Hier dampften einst die Züge nach Locarno los, kein Zufall ist das Gebäude aus Tessinergneiss gebaut und steht am Tessinerplatz!
    Alpensüdseitig sind Perlen zu entdecken, vom Bedrettotal über die Schaukäserei in Airolo, über den schön renovierten Dazio grande (Urner Zollhaus von 1561) bei Rodi, in Giornico das Josephson-Museum unweit des schönsten romanischen Kirchleins
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    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Ich freu mich auf die erste Fahrt mit dieser «kupferfarbenen Zigarre», die letzten Jahre mit der S-Bahn fühlte sich ein bisschen an wie Tramfahren übern Gotthard.
      Bei dem von R. Maggi erwähnten ehemaligen Kurort darf man noch hinzufügen, dass sich Faido – notabene als erster Ort in der Schweiz! – erfolgreich gegen die vorgesehene Führung einer Nationalstrasse gewehrt hatte. Mit der Verlegung in den gegenüberliegenden Hang bleibt man noch heute von (zu)viel Lärmimmission verschont!
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