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Die Luzerner Waldbesitzer verkaufen bald CO2-Zertifikate
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 21.11.2022. Bild: Keystone / Valentin Flauraud
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Neues Programm CO2-Zertifikate vom Wald: Naturschutz oder Scheinlösung?

Die Luzerner Waldbesitzerinnen und -besitzer verkaufen CO2-Zertifikate. Eine Lösung im Kampf gegen den Klimawandel sei dies nicht, so Pro Natura.

Mehr als ein Viertel des Kantons Luzern besteht aus Wald. Konkret sind es 40'000 Hektaren, was eine beachtliche Menge ist. Zudem sei der Luzerner Wald grundsätzlich «nachhaltig aufgebaut und vital», wie eine Untersuchung des Kantons zeigt. Ein grosser Teil der Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer macht sich dies nun zunutze und möchte Geld daran verdienen.

Wir wollen die Waldpflege sicherstellen.
Autor: Martin Hafner Präsident Verein «Wald Klimaschutz Luzern»

Sie verkaufen ab nächstem Sommer sogenannte CO2-Zertifikate. Mit diesen können Firmen und andere Organisationen ihren Kohlenstoffdioxid-Ausstoss kompensieren, um eine bessere Klimabilanz aufzuweisen. «Der Wald ist ein grosser Speicher von CO2 und diese Funktion wollen wir gerne in Wert setzen», sagt Martin Hafner, Präsident vom Verein «Wald Klimaschutz Luzern».

Waldbestand halten statt vergrössern

Es sei nämlich so, dass Waldbesitzerinnen am Holzverkauf immer weniger Geld verdienten, die Waldpflege wegen des Klimawandels jedoch aufwändiger werde. «Diese Pflege wollen wir sicherstellen», sagt Hafner. Bis zu einer Million Franken lassen sich mit den Zertifikaten pro Jahr verdienen und dieses Geld soll zurück in den Wald gesteckt werden.

Der Schweizer Wald in Zahlen

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  • 31 Prozent der Landesfläche ist Wald. Das sind in etwa 1.3 Millionen Hektaren.
  • 71 Prozent des Waldes ist in öffentlicher Hand, 29 Prozent in privater.
  • Knapp 94 Prozent aller Schweizer Bäume stehen in einem Wald.
  • Den höchsten Waldanteil hat das Tessin mit 47.8 Prozent der Kantonsfläche.
  • Den niedrigsten hat Genf mit 12.1 Prozent.

Quellen: Bundesamt für Umwelt, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft

Mit dem Programm verpflichten sich die beteiligten Waldbesitzer, den Bestand des Waldes auf einem hohen Niveau zu halten. Sie dürfen weniger Holz nutzen, als dies gesetzlich erlaubt wäre, wodurch der Wald mehr CO2 speichert. Um trotzdem Geld zu verdienen, verkaufen sie die CO2-Zertifikate.

Greenwashing oder nicht?

Bei den Naturschutzorganisationen blickt man kritisch auf das Projekt der Luzerner Waldbesitzerinnen. «Das System mit den Zertifikaten ist kein nachhaltiges», sagt Elena Strozzi von Pro Natura. «Wir müssen unseren CO2-Ausstoss massiv reduzieren und dazu leisten die Zertifikate keinen echten Beitrag.» Sie würden dafür sorgen, dass Firmen, so weitermachen können wie bisher und die Verschmutzung auf dem Papier trotzdem reduziert sei.

Erfahrungen aus dem Kanton Schwyz

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Schweizweit gibt es bereits ähnliche Projekte wie jenes der Luzerner Waldbesitzer. So verkauft etwa die Oberallmeindkorporation OAK aus dem Kanton Schwyz seit 2005 solche CO2-Zertifikate. Die Gründe sind dieselben wie in Luzern. «Um die Waldpflege sicherzustellen», sagt Thomas Hediger von der OAK. Die Zertifikate gehen auch in Schwyz an lokale Unternehmen und Organisationen. Etwa den Swiss City Marathon in Luzern, der seinen Läuferinnen und Läufern damit die Möglichkeit gibt, den CO2-Ausstoss ihrer Anreise zu kompensieren.

Kritiker sprechen bei solchen Projekten von einem modernen Ablasshandel. Die Unternehmen zahlen einen Batzen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Bei der OAK ist man sich dessen bewusst. Man höre diese Vorwürfe selbst oft. «Wenn man unsere Zertifikate kauft, dann kann man etwas für den Schweizer Wald tun. Wie ernst es den Unternehmen auf der anderen Seite damit ist, darauf haben wir keinen Einfluss.»

Diesen Vorwurf des sogenannten «Greenwashing» weist Martin Hafner von «Wald Klimaschutz Luzern» von sich. «Ich kann die Hand ins Feuer legen, dass die Gelder sinnvoll eingesetzt werden. Für eine grössere Vielfalt des Waldes.» So wolle man etwa heute seltene Baumarten wie Linden oder Edelkastanien fördern und dadurch die Biodiversität erhöhen.

Lokaler Ansatz

Zudem wollen die Luzerner Waldbesitzer ihre Zertifikate vorwiegend an lokale Firmen verkaufen. «Wir haben uns vorgenommen, nicht mit absolut allen zusammenzuarbeiten», sagt Hafner. «Es sollen Unternehmen sein, die hier wirtschaftlich verankert sind und Steuern zahlen.» Erste Zentralschweizer Firmen hätten bereits Interesse bekundet.

Für diesen regionalen Ansatz gibt es Sympathiepunkte bei Pro Natura. Trotzdem wiederholt Elena Strozzi ihr Argument, dass diese Zertifikate keine effektive Lösung im Kampf gegen den Klimawandel seien. «Es kann nicht sein, dass wir die Wälder benützen, um unseren Lebensstil beibehalten zu können.» Das CO2 müsse weniger und nicht kompensiert werden.

SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 21.11.2022, 12:03 Uhr;

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37 Kommentare

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  • Kommentar von SRF (SRF)
    Guten Abend liebe Community, vielen Dank, dass Sie Ihre spannenden Argumente und Gedankengänge mit uns geteilt haben. Wir schliessen die Kommentarspalte nun und freuen uns auf weitere Diskussionen mit Ihnen. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Roland Hanselmann  (Hamann)
    Die Menschheit meint, mit Geldleistungen ihren Raubbau an der Natur wieder gutmachen zu können. Aber wenn Politiker mit der Schaufel in der Hand posieren um fotogen ein Baum zu pflanzen, reicht das nicht.
  • Kommentar von Thomas Rüegger  (Thomas Rüegger)
    Gratulation zu einem neuen Begriff: Wer anderer Meinung ist, ist jetzt ein "Ewiggestriger".
    Und wenn man diesen Begriff verwendet, kann man schreiben, was man will. Es herrscht sozusagen Narrenfreiheit.
    1. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Thomas Rüegger: in dieser Debatten-Reihe wird der Begriff einzig gebraucht für Leute, die noch immer den Klimawandel leugnen. Da scheint er mir auch angebracht.
      Selber stelle ich fest, dass ich das Thema in zwei Radiosendungen gehört und recht differenziert wahrgenommen habe; das kritisierte Greenwashing blieb mir nicht. Dagegen habe ich hier eher oberflächlich gelesen. Vielleicht liegen mir lokale Bemühungen auch sehr. Im Kleinen lässt sich mMn oft Grosses auch gut diskutieren und angehen.
    2. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Ich denke der Begriff ist als Synonym für konservativ legitim. Wikipedia: „Als Ewiggestriger oder, als Adjektiv, ewiggestrig wird ein Mensch bezeichnet, der an seinen alten politischen Meinungen festhält und keinen Fortschritt erkennt bzw. anerkennt. Der Duden beschreibt einen ewiggestrigen Menschen als „jemand, der in seinen Ansichten rückständig ist und bleibt.“
      Hier konkret für Menschen, die nachhaltige Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe ablehnen. Deckt sich mit meiner Meinung.
    3. Antwort von Thomas Rüegger  (Thomas Rüegger)
      @Meili
      Wenn der Begriff so verwendet würde, hätte ich kaum etwas einzwenden. Es scheint mir aber nicht der Fall zu sein.
    4. Antwort von Thomas Rüegger  (Thomas Rüegger)
      @Berliner
      Die Definition zeigt sehr schön, warum der Begriff eben nicht ein Synonym für "konservativ" ist.
      "Konservativ" ist nicht das gleiche wie "rückständig" und es heisst auch nicht, dass jemand keinen Fortschritt erkennt oder anerkennt.
    5. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Herr Rüegger, Klimaleugner (ich nehm jetzt mal diese Wirtschöpfung) können meines Erachtens nicht konservativ genannt werden. Denn 'konservare' (lateinisch) heisst ja, etwas bewahren.

      Inzwischen weiss man aber, dass ein «Weiterfahren wie bisher» die Existenzgrundlage der Menschheit zerstört – da wird also gar nichts «konserviert». Die Erde wird's überleben (nicht dank den Konservativen!), die Menschheit nicht!
  • Kommentar von Roger Stahn  (jazz)
    Ein klarer Fall von modernem Ablasshandel. Schon im Mittelalter wurden die Gutgläubigen durch den Gnadenakt abgezockt, indem die Kirche Ihnen Angst vor der Hölle machten. Es scheint, dass sich diesbezüglich bis heute nichts im Prinzip geändert hat. Nur der Name der Kirche änderte. Der Klimawandel ein Billionengeschäft. Bloomberg veröffentlichte bereits am 22. Januar 2019 den Artikel mit dem Titel «US-Konzerne bereiten sich darauf vor, den Klimawandel zu monetarisieren» von Christopher Flavelle..
    1. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Der älteste Text mit "von oben herab alles wissen und alle für dumm und blöd halten" stammt meines Wissens aus dem Jahr 586 vor unserer Zeitrechnung.
    2. Antwort von Roger Stahn  (jazz)
      Dorothee Meili, Sokrates (die Nervensäge von Athen) lebte von 469 v. Chr. bis 399 v. Chr. und sein Bewusstsein über das Nichtwissen ist bis heute legendär.