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Neues Tarifsystem «Es ist ein Selbstbedienungsladen»

Seit die Tarife für gewisse Eingriffe gesenkt wurden, optimieren die Spitäler ihre Einnahmen, wie eine SRF-Recherche zeigt. Die Reaktionen darauf.

Legende: Audio Kompensieren Spitäler tiefere Tarife mit mehr Behandlungen? abspielen. Laufzeit 32:00 Minuten.
32 min, aus Rendez-vous vom 18.01.2018.

Seit Jahren ringen die Tarifpartner darum, wie ärztliche Leistungen abgerechnet werden sollen. Doch es ist schwierig, eine Lösung zu finden, mit der alle leben können. Deshalb griff Bundesrat Alain Berset ein und passte die Tarife auf den 1. Januar 2018 an.

Laut Sandra Kobelt vom Krankenkassenverband Santésuisse versuchen die Spitäler nun, diesen Tarifeingriff möglichst abzuschwächen. Ansonsten würden sie zu grosse Defizite schreiben. Das zeige, dass der Eingriff nicht funktioniere, sagt Kobelt: «Es ist wie wir erwartet haben: Tarmed ist ein Einzelleistungstarif, ein Selbstbedienungsladen. Man kann davon ausgehen, dass die Kompensation mittels einer Mengenausweitung erfolgt.»

Eine schwierige Situation

Der Krankenkassenverband Curafutura seinerseits warnt davor, dass die Spitäler nicht zu weit gehen dürften. «Wir haben Verständnis dafür, dass sich die Spitäler damit erstmals auseinandersetzen müssen. Der Begriff des Kompensierens ist dehnbar. Wir sind dagegen, dass er überdehnt wird», sagt ein Sprecher.

Tarmed ist ein Einzelleistungstarif, ein Selbstbedienungsladen.
Autor: Sandra KobeltSantésuisse

Und Michael Jordi von der Gesundheitsdirektorenkonferenz weiss, dass sich die Spitäler und die Ärzte in einer schwierigen Situation befinden, aber auch er erhebt den Mahnfinger: «Der Kostendruck hat sich in den letzten Jahren eindeutig verstärkt. Was jetzt aber als Reaktion darauf kommen soll, ist eine Konzentration der Leistungen. Man kann nicht mehr alles überall machen.»

Spitäler müssten also schliessen. Aber das stösst in der betroffenen Region dann meist auf Widerstand und viele Angestellte würden ihre Stelle verlieren.

Der Kostendruck hat sich in den letzten Jahren eindeutig verstärkt. Was jetzt aber als Reaktion darauf kommen soll, ist eine Konzentration der Leistungen.
Autor: Michael JordiGesundheitsdirektorenkonferenz

Sparen wollen alle

Sowohl die Krankenkassen als auch die Kantone fordern, dass auch im ambulanten Bereich mit Pauschalen abgerechnet werden solle. Analog zu den Fallpauschalen, die es im stationären Bereich schon gibt. Die Gesundheitsdirektorenkonferenz hat bei Swiss DRG eine Anfrage gemacht, der Gesellschaft, die die Fallpauschalen ausarbeitet. Sie soll prüfen, wie Pauschalen auch im ambulanten Bereich möglich wären.

Die Ärzte ihrerseits erarbeiten ebenfalls ein neues Abrechnungsmodell, und wollen dieses in laufenden Jahr vorstellen. In einem offenen Brief an Bundesrat Berset schrieb die Vereinigung freiberuflicher Ärzte zudem, dass nicht nur bei den Ärzten gespart werden solle, sondern ebenso bei der Pharmaindustrie und den Krankenkassen.

Dass die Gesundheitskosten nicht weiter steigen, das wollen eigentlich alle. Beim Wie scheiden sich jedoch die Geister.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Frank Humbel (Frank Humbel)
    Der Vorschlag, gewisse ambulante Eingriffe und Behandlungen nach einer Pauschale abzurechnen, ist prüfenswert. Diese Pauschale müsste aber auch Voruntersuchungen, Nachkontrollen und eventuelle Nachbehandlungen abdecken, damit das "System Gesundheitswesen" nicht neue Schliche findet, um wieder eine Mengenausweitung durch die Hintertüre zu betreiben. Ich wäre auch dafür, dass die Qualität bei der Vergütung eine Rolle spielen sollte, z. B. ein schärferes Vorgehen gegen unnötige Behandlungsschritte.
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  • Kommentar von Achim Frill (Afri)
    Fassen wir die ganze Misere doch mal zusammen: Das System wird von allen Akteuren über die Grenzen ausgebeutet. Politiker blockieren wirksame Reformen, weil sie persönlich daran mitverdienen. Die kochende Volkseele macht wie immer die Faust im Sack, bis sie sich dann nach Jahren getraut, eine Volksinitiative zu starten. Für die Profiteure steht aber viel Geld auf dem Spiel, sie starten sofort eine Angstkampagne, welche das Volk natürlich glaubt, und mit eingezogenem Schwanz von dannen schleicht.
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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Ich weiss eigentlich nicht, warum es jetzt einen Aufschrei gibt, wenn öffentliche Spitäler anfangen dasselbe zu tun, was Privatspitäler seit Jahre praktizieren. Es ist schon lange so, dass man allgemein versicherte Patienten nur kurz hospitalisiert und möglichst viele dazugehörende Untersuchungen und Behandlungen vorher und nachher ambulant geschehen. Von wo sonst kommen wohl die Millionen Schweizer Prämiengelder, die in Südafrikanische Taschen fliessen?
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