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Wahl nicht geschafft! Was nun?
Aus Einfach Politik vom 25.10.2019.
abspielen. Laufzeit 18:55 Minuten.
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Nicht gewählt Versprayte Plakate und Beleidigungen – trotzdem machen sie weiter

Gina Kern und Arber Bullakaj gehören zur Mehrheit. Sie wurden am letzten Sonntag nicht in den Nationalrat gewählt. Der SRF-Podcast «Einfach Politik» hat Kern und Bullakaj während dem Wahlkampf begleitet. Fazit: Beide erlebten Tiefpunkte, beide machen weiter.

Gina Kern, FDP (AG), nicht gewählt

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Eine Frau steht vor einer weissen Mauer.
Legende:ZVG

Gina Kern führt ein eigenes Immobilienunternehmen. Vorher war die FDP-Frau als Journalistin tätig. Seit 2018 ist sie Gemeinderätin in Ehrendingen.

Arber Bullakaj, SP (SG), nicht gewählt

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Ein Mann blickt lächelnd in die Kamera.

Bullakaj ist Unternehmer im IT-Bereich. Der 33-jährige ist Vizepräsident der SP im Kanton St. Gallen. Bullakaj kam im Alter von acht Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz. Er wohnt in Wil.

Ihre Geschichten enden am Nachmittag des 21. Oktobers 2019 auf den ersten Blick verblüffend ähnlich: Arber Bullakaj, Wil (SG), 33, SP, Vizepräsident der Kantonalpartei, 14983 Stimmen – nicht gewählt. Gina Kern, Ehrendingen (AG), 45, FDP, Mitglied des Gemeindevorstandes, 17728 Stimmen – nicht gewählt. Und doch unterscheiden sich die Erfahrungen und Ambitionen der beiden in wesentlichen Punkten.

Sprungbrett für kantonale Karriere

Eigentlich wollten die zwei ungefähr gleich viel Geld für ihren Wahlkampf einsetzen – je 30'000 Franken. Aber ihre Kandidaturen entwickelten eine unterschiedliche Dynamik. Für Gina Kern war von Anfang an klar, mit Listenplatz 11 von 16 liegt für sie höchstens dann ein Sitz in Bern drin, wenn ihre FDP als Ganzes dazugewinnen und sie erst noch viele Parteikolleginnen und -kollegen überholen würde.

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Die Nicht-Nationalrätin
Aus SRF News vom 25.10.2019.
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Sie entschied sich darum, den Wahlkampf vor allem in ihrem Wohnbezirk Baden führen. Und das mit einem Hintergedanken: Sie will im kommenden Jahr bessere Chancen für einen Sitz im Kantonsparlament, im Aargauer Grossen Rat, haben. Als sie merkte, dass die Spenden für ihren Wahlkampf spärlicher flossen als erhofft, strich sie definitiv alle Werbepläne für den ganzen Kanton aus ihrem Budget.

Anders lief es bei Arber Bullakaj. Der gebürtige Kosovare erreichte sein Spendenziel und bekam darüber hinaus von der Bewegung «Operation Libero» Unterstützung. Sie offerierte ihm zusätzliche Werbemöglichkeiten und öffentliche Auftritte. Seine Ambitionen waren von Anfang an grösser. Als Dritter auf der St. Galler SP-Liste konnte er sich Chancen ausrechnen, gewählt zu werden, sofern die SP als Partei zulegen würde. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte.

Parteifreunde sind Konkurrenten

Im Wahlkampf erlebten beide Hochs- und Tiefs. Kern genoss einerseits die Tour mit den FDP-Frauen in ihrem zum Wahlkampf-Bus umgebauten Pferdetransporter. «Das hat wirklich grossen Spass gemacht», lacht sie, «und uns zusammengeschweisst.»

Andererseits war sie vom Umgang der Listenkollegen untereinander auch immer wieder ernüchtert. «Freund, Feind, Parteifreund» – diese sarkastische Steigerung wird Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler der BRD, zugeschrieben. Sie ist Gina Kern im Wahlkampf immer wieder in den Sinn gekommen. Sie hatte ihn schon im Sommer von einem Parteikollegen gehört und findet rückblickend: Ja, das Bonmot habe schon etwas Wahres.

Wahlkampf-Plakate im Kanton Aargau.
Legende: Am Wahltag ist Schluss – Bullakaj und Kern werden trotz ihres Einsatzes wie erwartet nicht gewählt. Keystone

«Gemeinsam weiterkommen», der Slogan, mit dem die FDP Wahlkampf gemacht hat, habe innerhalb der Liste nicht unbedingt Gültigkeit gehabt: «Zum Beispiel, wenn ich an einer Strassenböschung ein Plakat von mir aufstellte und kurze Zeit später zwei Listenkollegen ihre Werbung davor platziert hatten.»

Rassistische Kommentare

Wirklichen Hass spürte sie aber von anonymer Seite. Immer wieder wurden Plakatständer ausgerissen oder Plakate verunstaltet. Und ein Plakat, mit Diffamierungen versprayt, landete sogar im Garten von Gina Kerns Einfamilienhaus.

Ein Mann mit Mikrofon sitzt vor einer farbigen Plakatwand.
Legende: Arber Bullakaj (SP) bei einem Auftritt mit der Bewegung «Operation Libero», die ihn im Wahlkampf unterstützte. Keystone

Arber Bullakaj musste vor allem im Netz einstecken. Dort fanden sich rassistische Leserkommentare unter Online-Artikeln, die Bezug auf seine Herkunft nahmen. Bullakaj sagt, er habe versucht, diese Reaktionen als Ansporn zu nehmen: «Das tönt jetzt vielleicht etwas speziell. Aber für mich war das eine Motivation, meinen Weg weiter zu gehen, weil wir bei der Akzeptanz von Menschen mit Migrationshintergrund offensichtlich noch nicht weit genug sind.»

Hoffen auf Nachrücken?

Bullakaj gab sich bis zum Wahltag optimistisch, auch wenn er wusste, dass es für seine Partei schwierig würde, einen dritten Sitz zu holen. Am Wahlabend landete er dann auf dem ersten Ersatzplatz. Er versucht aber, das grosse Ganze zu sehen: «Insgesamt hat das links-grüne Lager gewonnen. Und dazu habe ich beigetragen. Das freut mich.»

Meine Stimmen haben den Bisherigen geholfen.
Autor: Arber BullakajSP-Nationalratskandidat

Vor ihm gewählt wurden die beiden bisherigen St. Galler SP-Frauen Barbara Gysi und Claudia Friedl. Beide wurden schon zum zweiten Mal wiedergewählt. Während die jüngere Gysi zu den profilierteren nationalen Politikerinnen gehört, ist Friedl eher eine Hinterbänklerin und wäre bei den nächsten Wahlen 63.

Da könnte sich die Frage stellen, ob sie nicht Bullakaj, einem Hoffnungsträger mit Migrationshintergrund, Platz machen soll. Bullakaj sagt, er finde eine solche Forderung völlig unangebracht. «Auch wenn ich mit meinen Stimmen natürlich mitgeholfen habe, dass die beiden Frauen gewählt worden sind», schiebt er nach. Aber so ein Entscheid fälle jeder und jede ganz für sich allein.

Nächster Wahlkampf 2020

Gina Kern ist am Wahlabend versöhnlich gestimmt. Ihre FDP hat im Aargau zwar einen Sitz verloren und sie selber ist vom 11. auf den 15., den zweitletzten Platz, abgerutscht. «Aber der Wahlkampf war eine sehr spannende Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte.» Und was die kantonalen Wahlen im Aargau im Herbst 2020 anbelangt, lässt sie sich nicht entmutigen. Das Resultat in ihrem Wahlbezirk hat sie zwar enttäuscht, aber sie sagt entschlossen: «Ich will es probieren.»

Podcast «Einfach Politik»

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Podcast «Einfach Politik»

«Einfach Politik» ist der Podcast von Radio SRF zur Schweizer Politik. Alle zwei Wochen gibt es jeweils am Freitag um 5 Uhr eine neue Folge. Wenn Sie keine der Folgen verpassen wollen, dann abonnieren Sie den Podcast. Hier finden Sie ihn:

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16 Kommentare

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  • Kommentar von H. Pfister  (HPfister)
    Zwei aufstrebende Jungpolitiker. Denen man auch die Zeit geben sollte sich zu entwickeln. Ob Sie mal aber einen positiven Abdruck in der Schweizer Politik hinterlassen können, wird erst die Zukunft weisen. Auch ob sie prägende Persönlichkeiten werden weiss man noch nicht. So wie etwa ein Herr Blocher. Da haben unsere Linken ja immer noch ein Trauma und müssen ihn fanatisch immer immer erwähnen. Ob die beiden auch so ausgezeichnete Politiker werden, wird sich weisen. In vier Jahren erfahren wir's
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  • Kommentar von Rolf Bolliger  (jolanda)
    Halt nochmals ein Versuch, eine sachliche Meinung zu äussern: Wer Plakate verschmiert oder als vermummte Vandalen Sachbeschädigungen oder sogar Angriffe gegen Polizisten als politische "Zeichen" markiert, macht dies immer "tief unter der Gürtellinie"! Wer seit Jahrzehnten Augen und Ohren vor den Fakten nicht verschliesst, ist empört, dass es immer mehr Vandalen gibt, die mit solch "untersten Schublade" Aktionen gegen politische Kandidaten oder Andersdenkenden vorgehen!
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Solange auf solchen "politischen Plakaten" politische Gegner als Würmer bezeichnet werden muss man sich vergegenwärtigen, dass mit gleicher Münze zurückgezahlt wird.
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    2. Antwort von Jörg Frey  (giogio)
      Solange unsere schöne Landschaft seit "Jahrzehnten" mit Zehntausenden von teuren Plakaten verschandelt wird, sind solche Reaktionen zumindest verständlich. Wie wäre es, wenn man die Ohren und Augen öffnen würde und diese Verschandelung und Verkehrsgefährdungen auf ein erträgliches Mass reduziert.
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    3. Antwort von H. Pfister  (HPfister)
      @Plan "Solange auf solchen "politischen Plakaten" politische Gegner als Würmer bezeichnet werden muss man sich vergegenwärtigen, dass mit gleicher Münze zurückgezahlt wird." Sie billigen also Straftaten, nur weil ihnen die Meinung missfällt? Zudem geht es hier auch um Zerstörung gegen Plakate von Personen etc.
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    4. Antwort von H. Pfister  (HPfister)
      Ein gutes Statement, Herr Bolliger. Eine funktionierende Demokratie muss unterschiedliche Meinungen aushalten können. Darum sollte es einen Platz für Vandalen , Straftäter haben. Wenn es nun Linke gibt, welche solche Straftaten verteidigen, unterstüzten nur weil ihnen die politische Meinung von Andersdenkenden missfällt, finde ich das beängstigend.
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    5. Antwort von H. Pfister  (HPfister)
      Entschuldigung bitte. Ich meinte natürlich es sollte KEINEN Platz für Straftaten, Vandalen und Chaoten oder Diffamierungen geben welche politisch Andersdenkenden angreifen. Es soll in einer Demokratie unterschiedliche Meinungen geben dürfen. Ohne dass Linke diese Andersdenkenden städig angreifen oder Plakate zerstören. Lieber sachliche Gegenargumente verwenden. Es gibt genügend wichtige Sachthemen welche auf die Schweiz in den kommenden Jahren warten. Da sind Lösungen gefragt, keine Straftaten.
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  • Kommentar von Daniele Röthenmund  (Daniele Röthenmund)
    Was mich ernsthaft stört in der heutigen Zeit ist, das alle auf die große Nationale Bühne wollen. Ich sehe den Zuwachs der Nationalrats Kandidaten/innen sehr kritisch, kann dem wenig Positives abgewinnen., Den die Stimmbeteiligung nimmt ja nicht zu, ist sogar zurückgegangen. Es interessiert fast niemand das in vielen Gemeinden die Kommunale Politik am aussterben ist. Unser Demokratie ist nicht von der EU gefährdet, sondern von unserem Desinteresse an der Kommunal Politik.
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