Ihre Geschichten enden am Nachmittag des 21. Oktobers 2019 auf den ersten Blick verblüffend ähnlich: Arber Bullakaj, Wil (SG), 33, SP, Vizepräsident der Kantonalpartei, 14983 Stimmen – nicht gewählt. Gina Kern, Ehrendingen (AG), 45, FDP, Mitglied des Gemeindevorstandes, 17728 Stimmen – nicht gewählt. Und doch unterscheiden sich die Erfahrungen und Ambitionen der beiden in wesentlichen Punkten.
Sprungbrett für kantonale Karriere
Eigentlich wollten die zwei ungefähr gleich viel Geld für ihren Wahlkampf einsetzen – je 30'000 Franken. Aber ihre Kandidaturen entwickelten eine unterschiedliche Dynamik. Für Gina Kern war von Anfang an klar, mit Listenplatz 11 von 16 liegt für sie höchstens dann ein Sitz in Bern drin, wenn ihre FDP als Ganzes dazugewinnen und sie erst noch viele Parteikolleginnen und -kollegen überholen würde.
Sie entschied sich darum, den Wahlkampf vor allem in ihrem Wohnbezirk Baden führen. Und das mit einem Hintergedanken: Sie will im kommenden Jahr bessere Chancen für einen Sitz im Kantonsparlament, im Aargauer Grossen Rat, haben. Als sie merkte, dass die Spenden für ihren Wahlkampf spärlicher flossen als erhofft, strich sie definitiv alle Werbepläne für den ganzen Kanton aus ihrem Budget.
Anders lief es bei Arber Bullakaj. Der gebürtige Kosovare erreichte sein Spendenziel und bekam darüber hinaus von der Bewegung «Operation Libero» Unterstützung. Sie offerierte ihm zusätzliche Werbemöglichkeiten und öffentliche Auftritte. Seine Ambitionen waren von Anfang an grösser. Als Dritter auf der St. Galler SP-Liste konnte er sich Chancen ausrechnen, gewählt zu werden, sofern die SP als Partei zulegen würde. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte.
Parteifreunde sind Konkurrenten
Im Wahlkampf erlebten beide Hochs- und Tiefs. Kern genoss einerseits die Tour mit den FDP-Frauen in ihrem zum Wahlkampf-Bus umgebauten Pferdetransporter. «Das hat wirklich grossen Spass gemacht», lacht sie, «und uns zusammengeschweisst.»
Andererseits war sie vom Umgang der Listenkollegen untereinander auch immer wieder ernüchtert. «Freund, Feind, Parteifreund» – diese sarkastische Steigerung wird Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler der BRD, zugeschrieben. Sie ist Gina Kern im Wahlkampf immer wieder in den Sinn gekommen. Sie hatte ihn schon im Sommer von einem Parteikollegen gehört und findet rückblickend: Ja, das Bonmot habe schon etwas Wahres.
«Gemeinsam weiterkommen», der Slogan, mit dem die FDP Wahlkampf gemacht hat, habe innerhalb der Liste nicht unbedingt Gültigkeit gehabt: «Zum Beispiel, wenn ich an einer Strassenböschung ein Plakat von mir aufstellte und kurze Zeit später zwei Listenkollegen ihre Werbung davor platziert hatten.»
Rassistische Kommentare
Wirklichen Hass spürte sie aber von anonymer Seite. Immer wieder wurden Plakatständer ausgerissen oder Plakate verunstaltet. Und ein Plakat, mit Diffamierungen versprayt, landete sogar im Garten von Gina Kerns Einfamilienhaus.
Arber Bullakaj musste vor allem im Netz einstecken. Dort fanden sich rassistische Leserkommentare unter Online-Artikeln, die Bezug auf seine Herkunft nahmen. Bullakaj sagt, er habe versucht, diese Reaktionen als Ansporn zu nehmen: «Das tönt jetzt vielleicht etwas speziell. Aber für mich war das eine Motivation, meinen Weg weiter zu gehen, weil wir bei der Akzeptanz von Menschen mit Migrationshintergrund offensichtlich noch nicht weit genug sind.»
Hoffen auf Nachrücken?
Bullakaj gab sich bis zum Wahltag optimistisch, auch wenn er wusste, dass es für seine Partei schwierig würde, einen dritten Sitz zu holen. Am Wahlabend landete er dann auf dem ersten Ersatzplatz. Er versucht aber, das grosse Ganze zu sehen: «Insgesamt hat das links-grüne Lager gewonnen. Und dazu habe ich beigetragen. Das freut mich.»
Meine Stimmen haben den Bisherigen geholfen.
Vor ihm gewählt wurden die beiden bisherigen St. Galler SP-Frauen Barbara Gysi und Claudia Friedl. Beide wurden schon zum zweiten Mal wiedergewählt. Während die jüngere Gysi zu den profilierteren nationalen Politikerinnen gehört, ist Friedl eher eine Hinterbänklerin und wäre bei den nächsten Wahlen 63.
Da könnte sich die Frage stellen, ob sie nicht Bullakaj, einem Hoffnungsträger mit Migrationshintergrund, Platz machen soll. Bullakaj sagt, er finde eine solche Forderung völlig unangebracht. «Auch wenn ich mit meinen Stimmen natürlich mitgeholfen habe, dass die beiden Frauen gewählt worden sind», schiebt er nach. Aber so ein Entscheid fälle jeder und jede ganz für sich allein.
Nächster Wahlkampf 2020
Gina Kern ist am Wahlabend versöhnlich gestimmt. Ihre FDP hat im Aargau zwar einen Sitz verloren und sie selber ist vom 11. auf den 15., den zweitletzten Platz, abgerutscht. «Aber der Wahlkampf war eine sehr spannende Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte.» Und was die kantonalen Wahlen im Aargau im Herbst 2020 anbelangt, lässt sie sich nicht entmutigen. Das Resultat in ihrem Wahlbezirk hat sie zwar enttäuscht, aber sie sagt entschlossen: «Ich will es probieren.»