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Polyamorie: Das erzählen Menschen, die Mehrfachbeziehungen führen
Aus 10 vor 10 vom 05.11.2021.
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Nicht-monogame Beziehungen Polyamorie: Mehrfach-Beziehungen statt Monogamie

  • Eine von Sotomo publizierte Studie zeigt: 61 Prozent der 18- bis 25-Jährigen sind der Ansicht, dass nicht-monogame Beziehungsformen wie Polyamorie in Zukunft normal und akzeptiert sein werden.
  • Trotz der steigenden Akzeptanz alternativer Lebens- oder Liebesformen: Oft werden diese in der Gesellschaft noch tabuisiert.
  • Eine rechtliche Absicherung, ähnlich ein Ehevertrag, gibt es aktuell für Mehrfach-Beziehungen nicht.
  • SRF hat Menschen getroffen, die polyamore Beziehungen führen. Darunter ältere und jüngere Generationen.

Dominik Waser und Jan Müller, beide 23-jährig, leben in polyamoren Beziehungen. Dominik ist mit einer Frau und zwei Männern zusammen. Einer seiner Partner ist Jan. Jan wiederum führt eine weitere Beziehung mit einem anderen Mann. Alle Beteiligten – ihre Beziehungsmenschen, wie sie diese selber nennen – wissen voneinander und führen diese Beziehungsform einvernehmlich. Es sei wichtig, offen und transparent miteinander über Bedürfnisse und Gefühle zu sprechen, erklären die beiden.

Von der Monogamie zur Polyamorie

Das Ganze war jedoch auch ein Prozess, sagt Dominik Waser: «Es hat auf jeden Fall Zeit gebraucht, um sich auch in dieser Gesellschaft, in der Monogamie und heteronormative Vorstellungen vorherrschend sind, selber zu finden.»

Auch Jan Müller lebte früher monogam, heute möchte sich der 23-Jährige nicht mehr einschränken: «Am liebsten möchte ich Beziehungen gar nicht mehr definieren, sondern sie einfach so leben, wie es für mich und meine Beziehungsmenschen gerade stimmt.»

man sieht mehrere Herzschlösschen, die zusammengebunden sind.
Legende: Trotz erhöhter Akzeptanz: Nicht-monogame Beziehung sind in der Gesellschaft nach wie vor ein tabuisiertes Thema. keystone

Polyamorie auch bei verheirateten Paaren

Nicht nur junge Menschen, auch ältere Generationen leben Mehrfach-Beziehungen. So auch Sheila Karvounaki Marti, 42-jährig, und Michael Loss, 47-jährig. Beide sind verheiratet, führen jedoch nebst ihrem Ehepartner beziehungsweise ihrer Ehepartnerin auch noch Liebesbeziehungen mit anderen Menschen.

Meine Kinder wussten, dass Mami noch andere Schätzelis hat neben dem Papi-Schätzeli.
Autor: Sheila Karvounaki Marti polyamor

Mit ihrem Mann hat Sheila Karvounaki Marti drei gemeinsame Kinder. Auch ihnen gegenüber kommuniziert sie offen: «Sie wussten relativ früh Bescheid – natürlich in altersgerechter Form. Sie wussten, dass Mami noch andere Schätzelis hat neben dem Papi-Schätzeli. Oder auch, dass mein Mann noch andere Schätzelis hat.»

Mehrere gleichwertige Beziehungen

Für die 42-jährige Zürcherin mindert es die Beziehung oder Liebe zu den anderen Partnern keineswegs, nur weil man zwei oder mehrere weitere Beziehungen führe. «Es sind weder weniger Gefühle da, noch habe ich den anderen weniger gern. Das Eine hat mit dem Anderem nichts zu tun.»

Monogam zu leben, könnten sich die beiden nicht mehr vorstellen: «Wir haben keine Regeln und können frei das leben, was wir empfinden. Es gibt keine Grenzen, wir haben Beziehungen mit anderen Menschen, die vollwertig sind, gehen mit diesen Partnern in die Ferien und verbringen den Alltag zusammen», erzählt Michael Loss aus Zürich.

Trotz erhöhter Akzeptanz nach wie vor ein Tabu-Thema

Dass vermehrt alternative Beziehungen gelebt werden, bemerken auch die Paar-Therapeutinnen und -therapeuten. So auch Psychiaterin Judith Oehler, die seit 20 Jahren als Paartherapeutin tätig ist: «Ich beobachte auf jeden Fall bei mir in der Praxis, dass sich vermehrt junge Leute – ich würde sagen zwischen 25 und 35 – mit solchen Fragen auseinandersetzen, allenfalls gar polyamore Beziehungsformen ausprobieren.»

Es braucht noch mehr Dialog.
Autor: Dominik Waser polyamor

Alternative Beziehungsformen seien jedoch immer noch ein gesellschaftliches Tabu: «Im Umfeld hat es Leute gegeben, die haben sich verabschiedet, verurteilt und verabschiedet oder verurteilt und sich nicht verabschiedet, das ist die schlimmere Variante», berichtet Michael Loss. Trotzdem habe es durchaus auch positive Reaktionen gegeben.

Dass sich trotz bestehender Tabuisierung gesellschaftlich langsam etwas verändert, bestätigt auch der 23-jährige Dominik Waser: «Unsere Generation schafft es langsam, die Bilder und Muster der klassisch bürgerlichen Familie aufzubrechen. Trotzdem braucht es noch mehr Dialog.»

Fehlende rechtliche Absicherung

Entstigmatisierung und die Gleichstellung alternativer Lebens- und Liebesformen – das wünschen sich viele polyamor lebende Menschen – so auch Jan Müller: «Ich wünsche mir, dass man die verschiedenen Beziehungsformen auch rechtlich absichern kann und vielleicht wegkommt von der klassischen Ehe nur zwischen zwei Menschen.»

Eine rechtliche Absicherung wie einen Ehevertrag für Mehrfach-Beziehungen gibt es heute nicht. Das Schweizer Recht ist bis jetzt ausschliesslich auf monogame Beziehungen ausgerichtet.

10vor10, 5.11.2021, 21.50 Uhr

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29 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Tag liebe Community. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle und laden Sie ein, unter «Die Debatten des Tages» weitere Themen zu diskutieren. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Nina Huesser  (Blume.n)
    Polyamor zu leben heisst nicht, weniger Tiefe zu erfahren oder Konflikten auszuweichen. Im Gegenteil, diese Beziehungsform erfordert viel Achtsamkeit, Arbeit an sich selbst, den eigenen Ängsten und Unsicherheiten, das Loslassen von Besitzansprüchen (mein Partner gehört mir nicht!). Belohnt wird man - im Idealfall, mit der Freiheit, seine Gefühle leben zu können, mit Ausgeglichenheit innerhalb der Beziehungen, mit ganz viel Tiefe und Nähe, und einem liebesfähigen und empathischen Netzwerk
    1. Antwort von Kris Kronig  (Kris)
      Aufgabe von Besitzanspruch, Achtsamkeit, Arbeit an sich selbst, etc. sind meiner Meinung nach Voraussetzung für ALLE guten Beziehungen mit Freiheit, Tiefe, Nähe, etc.

      Ein empathisches und liebesfähiges Netzwerk kann man auch haben, wenn man WÄHREND serieller Monogamie die Beziehungen zum Netzwerk anders gestaltet.

      Ihre Aussagen können mMn auch innerhalb monogamer Beziehungen zutreffen.

      Lernt man es in der Polyamorie vielleicht besser? Ist der Zugang so einfacher?
    2. Antwort von Barbara Jermann  (BarbaraJ)
      Ich habe immer so etwas mühe mit dem Term Arbeit an sich selbst. Man ist wie man ist. Sich irgendwie davon zu überzeugen, dass man so und so leben sollte weil es irgendjemand so passt wird mich nicht glücklich machen. Die die Poly leben wollen sollen das tun.
    3. Antwort von Barbara Jermann  (BarbaraJ)
      NB : In welcher Beziehung auch immer : Jede(r) sollte sich fragen ob er/sie wirklich glücklich ist. Eine Beziehung sollte immer ein mehr an Happiness sein, nie der alleinige Grund dieser Happiness. Wer mit sich und seinem Leben ohne Partner nicht glücklich ist, wird es MIT Partner(n) auch nicht sein.
    4. Antwort von Kris Kronig  (Kris)
      Frau Jermann

      Ich verstehe «Arbeit an sich selbst» nicht im Sinne der Selbstoptimierung und dem Nachkommen/Erfüllen einer gesellschaftlichen Moralvorstellung.

      Für mich bedeutet es eher «zu werden, wer man sein will». Herausfinden, was einem hindert und was einem dabei hilft ist. Ich sehe die «Arbeit» darin, Schalter umzulegen und Bedingungen zu verändern, der Rest «erledigt» sich von selbst. ;-)

      Das ist nur meine Ansicht, bestimmt hat Frau Huesser Ihre eigene.
  • Kommentar von Dominic Müller  (Domi3)
    Zum Thema rechtliche Absicherung habe ich Unklarheiten:
    1. Kenne ich zahlreiche Paare, die nicht heiraten wollen und das auch gut so finden. Warum, wenn es so viele Vorteile bringen soll?
    2. Worin soll die rechtliche Absicherung bestehen? Ist das Erbrecht gemeint? Es gibt bei der Ehe nämlich auch rechtliche Nachteile, zB im Steuerrecht.
    3. Wie soll eine rechtliche Absicherung bei einer Polyamorie konkret erfolgen?