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Nur ein Zugbegleiter an Bord «Bei einer Störung sind Sie auf verlorenem Posten»

Seit Dezember werden auch vollbesetzte SBB-Züge vermehrt nur noch von einer Person begleitet – zu wenig für den Notfall.

Legende: Audio «Heute mache ich hier keine Kontrolle» abspielen. Laufzeit 04:04 Minuten.
04:04 min, aus Rendez-vous vom 14.02.2019.

Es ist ein Samstagabend im Februar, gegen 23 Uhr im Interregiozug Bern- Zürich. A.F. fährt mit seiner Frau nach Zürich. Als der SBB-Angestellte den Waggon betritt, strecken ihm die beiden artig ihre Swiss-Pässe entgegen. Dieser winkt ab und erklärt, dass er keine Kontrolle mache, er sei nur da um Auskunft zu geben.

Dieser SBB-Angestellte habe alles richtig gemacht, sagt Andreas Menet, selbst Zugbegleiter und Präsident des Zugpersonalverbandes (ZPV) der Gewerkschaft SEV. «Mit der SBB wurde abgemacht, dass ab 22 Uhr immer zwei Personen auf dem Zug sind. Wenn das nicht der Fall ist, soll sich die betroffene Person so organisieren, dass es für sie stimmt.»

Ganz normal: Risikozüge

Für den SBB-Angestellten hat es im konkreten Fall nicht gestimmt, er war offensichtlich allein auf dem Interregio-Zug. Deshalb hat er entschieden, keine Billettkontrollen durchzuführen. Er hat damit die Empfehlung der Bahngewerkschaft befolgt.

Denn Züge in Randzeiten, vor allem am Wochenende gelten als Risikozüge. Immer wieder kommt es zu Vorfällen. Das Zugpersonal wird beschimpft, in Extremfällen auch mal angegriffen. Vor über zehn Jahren hat man deshalb die Doppelbesetzung eingeführt. Das heisst, auf allen Fernzügen wurden die Kontrollen prinzipiell immer zu zweit durchgeführt.

Dieses Prinzip ist nun mit dem letzten Fahrplanwechsel wieder abgeschafft worden, wie Isabelle Betschart, Leiterin Strategie Personenverkehr bei der SBB, sagt. «Unsere Mitarbeitenden begleiten nicht mehr primär Züge, sondern sind für unsere Kunden da und sind das Gesicht der SBB.»

Doppelkontrollen in Randzeiten

Anders gesagt: Die Zugbegleiter werden vermehrt auch ausserhalb des Zuges eingesetzt. Geblieben sei aber die Doppelkontrolle in Randzeiten, so Betschart. Aber auch hier sind nicht immer zwei SBB-Angestellte in einem Zug, wie obiges Beispiel belegt. Ist der Kontrolleur allein unterwegs, kann er auf Kontrollen verzichten, um brenzlige Situationen zu vermeiden.

Karin Blättler, Präsidentin des Fahrgastverbandes Pro Bahn, hat Verständnis für die Ängste der Angestellten, aber überhaupt keines für die SBB: «Es kann nicht sein, dass das in der Hand dieses Mitarbeiters liegt. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das für den Mitarbeiter tragbar ist.» Und dass man gewisse Leistungen gar nicht mehr erbringe, das könne nicht die Lösung sein.

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind in einem Zug mit zehn bis zwölf Wagen, und Sie sind allein.
Autor: Andreas MenetZugbegleiter und Präsident des Zugpersonalverbandes

Neues Konzept der SBB

Mit dem neuen SBB-Kundenbegleiter-Konzept wird aber vor allem tagsüber weniger kontrolliert. Denn auch hier ist häufig nur noch ein einziger Zugbegleiter im Einsatz, früher waren es zwei oder drei. Da kommt selbst der Präsident des Zugpersonalverbandes, Andreas Menet, trotz seiner 38 Dienstjahre bei der SBB ins Schwitzen: «Stellen Sie sich mal vor, Sie sind in einem Zug mit zehn bis zwölf Wagen, und Sie sind allein. Wenn eine Störung auftritt, wenn Sie zum Beispiel den Zug evakuieren müssen, dann sind Sie auf verlorenem Posten.»

Das gehe nicht. Es sei verständlich, dass deshalb die Verunsicherung unter den 2100 SBB-Kundenbegleitern gross sei, meint Menet.

Ausnahmen, aber möglich

Betschart von der SBB sagt, es handle sich um Ausnahmen, dass auf voll besetzten Zügen nur noch ein Kundenbegleiter eingesetzt werde. Sie gibt aber zu, dass es momentan hie und da zu solchen Engpässen kommen könne.

Der Grund: Die Zugbegleiter werden für den störungsanfälligen neuen Zug abgezogen und fehlen deshalb auf den regulären Zügen.

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25 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Tja, das ist halt so, wenn ein BEtrieb die Boni der Teppichetage erwirtschaften muss... Pech gehabt. Und -einfach damit's mal wieder gesagt ist- die PAssagierexplosion durch unser gestörtes Wachstum hat ganz offensichtlich den Break Even zu den Betriebskosten überschritten. Mal schauen, wie lange es noch dauert, bis auch der letzte den Mecchano verstanden hat...
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  • Kommentar von Jürg Brauchli (Rondra)
    Was passiert, wenn es eine Katastrophe gibt. Was ich nat. nicht hoffe. Aber wenn es wegen mangelndem, ausgebildetem Personal Tote gibt? Klar, auch der ÖV muss Kosten sparen. Aber da würde man vielleicht gescheiter bei den satten Gehältern im Management anfangen, anstatt bei der Sicherheit und beim Unterhalt. Sonst haben wir bald mal deutsche Verhältnisse bei der Bahn.
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  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Ich muss nicht mit der ÖV fahren, aber ich kann, wenn ich will. Inzwischen überlege ich vor jeder Fahrt, ob ich mir das antun soll. Vollgestopfte, oftmals dreckige (von schlecht erzogenen Fahrgästen) Züge, gratis Mitfahrt für zahlreiche Riesenkoffer und sonstigem Zubehör und dafür motzen, wenn meine immerhin zahlenden Hundis etwas Platz beanspruchen. Vermutlich doch eher hin und wieder Zwei, drei Urlaubstage und dann mit dem PW hinfahten, alles inklusive.
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