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Basel öffnet seine Notschlafstelle für bettelnde Roma
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 11.02.2021.
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Obdachlose im Winter Kälte: Wie Schweizer Städte mit ihren Obdachlosen umgehen

In den kommenden Nächten sinkt das Thermometer bis auf -10 Grad. Das kann tödlich sein.

Basel und seine Bettelnden: Im Kanton Basel-Stadt leben etwa 100 Männer und Frauen auf der Strasse. Die Hälfte von ihnen übernachtet in einer der Notschlafstellen. Weitere 200 Personen haben keine eigene Wohnung, kommen aber meist bei Freunden oder Bekannten unter. Das zeigt die breitangelegteste Studie zum Thema Obdachlosigkeit, die in der Schweiz durchgeführt wurde. Sie wurde 2019 verfasst.

In der Zwischenzeit dürfte die Zahl der Obdachlosen einiges höher liegen. Seit der Kanton im vergangenen Juli das Bettelverbot aufgehoben hat, sind nach Schätzungen der Behörden etwa 100 bettelnde Roma aus Rumänien nach Basel gekommen. Während der warmen Sommerzeit schliefen sie im Freien.

Vor knapp zwei Wochen hat der Kanton wegen der grossen Kälte eine der beiden Notschafstellen für die Roma reserviert. Sie dürfen dort gratis übernachten, wenn sie kein Geld haben. Allerdings: Zahlen sie nicht den vollen Auswärtigen-Betrag von 40 Franken pro Nacht (Einheimische 7.50 Franken), gelten sie als mittelos - der Kanton könnte sie damit völlig legal des Landes verweisen. In diesen Tagen haben die Behörden begonnen, mit einzelnen Roma deren Ausreise zu organisieren.

Nicht alle Roma wollen aber in die staatliche Notschlafstelle - möglicherweise, weil sie befürchten, aus dem Land gewiesen zu werden. Daher sieht man sie trotz bitterer Kälte unter Brücken oder Kirchenvordächern nächtigen.

Das sagt der Experte für Obdachlosigkeit

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Matthias Drilling
Legende: fhnw

«Obdachlosigkeit in der Schweiz könnte gelöst werden», sagt Matthias Drilling, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Er forscht zum Thema Obdachlosigkeit. Notschlafstellen wie in der Stadt Basel seien über das ganze Jahr gesehen nicht ausgelastet. Obdachlosigkeit sei hier also kein Massenphänomen. Anders in den Schweizer Grosstädten Genf oder Zürich: Dort berichteten Einrichtungen, wonach mehrere hundert Menschen ohne Obdach seien und während der Corona-Zeit auf Nothilfe angewiesen waren.

Insgesamt werde das Problem der Obdachlosigkeit in der Schweiz immer häufiger erkannt. So stünden die Notschlafstellen in der Schweiz normalerweise meist nur für bestimmte Menschen offen - zum Beispiel für jene, die im Kanton angemeldet seien, in dem die Notschlafstelle stehe. In der kalten Jahreszeit lockerten die Behörden diese Einschränkung aber immer häufiger. Das sei ein positives Zeichen.

Zürich hat eine klare Strategie: Fallen die Temperaturen unter 0 Grad, rücken Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der sip züri (Sozialambulanz) aus, die so genannte Kältepatrouille. Diese speziellen Sozialarbeiter verfügen über ein breites Netzwerk und wissen, wo sich Obdachlose aufhalten. Wie Nadeen Schuster von den Sozialen Einrichtungen der Stadt Zürich erklärt, wird im Gespräch abgeklärt, ob eine Gefährdung des Obdachlosen vorliegt, und ob ein Notarzt beigezogen werden muss. «Ist dies nicht der Fall, wird der Wille der Obdachlosen respektiert», so Schuster.

In der Stadt Zürich gibt es rund ein Dutzend Personen, die nicht in eine städtische Notschlafstelle wollen. Zu diesen Personen pflege man regelmässig Kontakt und schaue, wie es ihnen gehe. In den städtischen Notschlafstellen habe es nach wie vor genug Platz, sagt Schuster. Man spüre auch durch Corona keine Zunahme.

Mitarbeiter der sip züri (Sozialambulanz) im Einsatz.
Legende: Mitarbeiter der sip züri (Sozialambulanz) im Einsatz. Keystone

Berns Hilfsnetz für Obdachlose: In der Stadt Bern kümmert sich unter anderem die mobile Interventionsgruppe Pinto um die Obdachlosen. Das ist ein Angebot der Stadt. «Wegen der tiefen Temperaturen haben wir unser Angebot kurzfristig ausgebaut», sagt Silvio Flückiger, der Leiter von Pinto. So werden etwa die Öffnungszeiten des Obdachlosenkaffees ausgeweitet. Es hat nicht nur in den kalten Morgenstunden geöffnet, sondern neu auch nachts. Das, weil die Restaurants wegen Corona zu sind und die Obdachlosen nirgends in die Wärme können. Sind Personen im Kaffee, denen es gesundheitlich schlecht geht, dann würden sie das Kaffee auch die ganze Nacht offenlassen. «Wir haben auch Betten, damit die Leute ausnahmsweise hier schlafen können», so Silvio Flückiger.

Die Patrouillen von Pinto halten in den kalten Nächten vermehrt Ausschau nach Obdachlosen. Wenn die Patrouillen einen Obdachlosen aufgreifen, der zum Beispiel ins Passantenheim der Heilsarmee möchte, dann wird er dorthin gebracht. «Kann die Person die 15 Franken nicht selber zahlen, dann übernehmen wir das ausnahmsweise. Es kann nicht sein, dass jemand, der kein Geld hat, in dieser Kälte draussen übernachten muss», sagt Flückiger.

Sie hätten die Obdachlosen schon vor einigen Tagen vor der Kälte gewarnt, sagt Flückiger weiter: «Wir verteilten lange Unterhosen und sagten, sie sollen ihre Kleider nochmal waschen.» Denn: Schmutzige Kleider sind im Kampf gegen die Kälte schlecht, da sie voll Schweiss sind. Verschwitzte KIeider hinterlassen Salz in den Kleidungsstücken. Salz zieht aber Feuchtigkeit an, so dass sie schlecht gegen Kälte isolieren.

In St. Gallen gibt es angepasste Hausregeln: Für Personen, welche in der Stadt St. Gallen eine Unterkunft suchen, gibt es im «Haus zur Grünhalde» eine Notschlafstelle sowie eine betreute Wohngruppe. Für gewöhnlich sei es den Bewohnerinnen und Bewohnern während des Tages nicht gestattet, sich in der Unterkunft aufzuhalten, heisst es auf Anfrage bei den Sozialen Diensten der Stadt. Aufgrund der kalten Temperaturen und als Vorsichtsmassnahme gegen Corona-Ansteckungen gelte diese Regel aber vorläufig nicht.

«Neu können sie drinnen bleiben. Damit kann während der kalten Jahreszeit mehr Schutz gewährt werden, und die Kontaktmöglichkeiten werden eingeschränkt», heisst es weiter. Auch wenn in den Mehrbettzimmern aufgrund der Pandemie derzeit nur eine Person untergebracht werden könne, seien während der gesamten Pandemie stets genügend Schlafplätze vorhanden gewesen.

Obdachloser schläft vor Ladenlokal
Legende: Solche Bilder wie dieses hier aus Deutschland gibt es auch in der Schweiz. Keystone

Auch in Baden (AG) hat es noch Platz: Im Kanton Aargau gibt es in Baden seit 2019 eine Notschlafstelle mit 6 Plätzen pro Nacht. Sie wird von einem Verein betrieben. Auf Anfrage heisst es, aktuell sei die Belegung der Notschlafstelle deutlich tiefer als in Nicht-Coronazeiten. Die Gründe kenne man nicht.

Eine Vermutung sei, dass wohnungslose Personen momentan mehr Solidarität geniessen. Dass sie also bei Bekannten oder Verwandten Unterschlupf finden. Die Notschlafstelle sei zudem weniger attraktiv, weil auch hier Schutzmassnahmen eingehalten werden müssten und etwa der Gemeinschaftsraum geschlossen bleibt.

Die Notschlafstelle Baden.
Legende: Die Notschlafstelle Baden. SRF

Keine Notschlafstellen in Solothurn, Olten oder Schaffhausen: Im Kanton Solothurn gibt es keine Notschlafstelle für Obdachlose. In Olten versucht ein Verein seit mehreren Jahren erfolglos, eine Notschlafstelle einzurichten. Obdachlose Personen aus dem westlichen Kantonsteil benützen ab und zu die Notschlafstelle in Biel.

Beim zuständigen kantonalen Amt heisst es, einige Sozialdienste hätten Abmachungen mit Unterkünften oder günstigen Hotels, in denen Zimmer vergeben werden. Auf der Strasse leben müsse im Grunde niemand. Mit der Sozialhilfe könnten unter anderem ja Wohnungsmieten bezahlt werden. Allerdings wollten sich nicht alle Menschen bei der Sozialhilfe anmelden.

Auch in der Stadt Schaffhausen ist das Thema Obdachlosigkeit eher eine Randerscheinung. Eine Obdachlosen-Szene existiert nicht. Bei der Stadt heisst es, die Polizei spreche Obdachlose an und vermittle sie allenfalls weiter.

Regionaljournal Basel, 17:30;

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Hugo Kuhn  (Coco)
    Eigentlich bin ich erstaunt, dass es Menschen gibt, wenn auch nur ganz wenige, die sich nicht helfen lassen wollen und auch Notschlafstellen meiden. Auch wenn das wirklich so ist, auch wenn es andere Menschen gibt welche die angebotenen Hilfen nutzen, beelendet mich diese Situation. Gar nichts zu haben als sich selbst, für mich in der Schweiz nicht vorstellbar. Wäre das "verpasste" bedingungslose Grundeinkommen nicht eine Lösung (gewesen)?
    1. Antwort von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
      In FIN lief 2017+17 das größte europäische Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen. Abgesehen von psychischen Verbesserungen, habe es bei den meisten nicht funktioniert, hatte kaum Arbeitsmarkteffekte, das ist das Ergebnis der Auswertung. FIN würde wohl eher kein Grundeinkommen einführen. (Deutschlandfunk) Neben Pechvögeln, die mit Hilfe u.Eigeninitiative sich idR in kurzer Zeit wieder hocharbeiten, ist unter Bettlern leider ein grosser Anteil Süchtiger u.solcher, die für Banden arbeiten.
  • Kommentar von Berti Krämer  (BertiK)
    40.- Fr. für eine Notunterkunft? Finde ich persönlich ein Verbrechen, es geht um Menschen in Not!
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Für Auswärtige sind es 40.- / Nacht. Für in Basel Gemeldete wären es 7.50 / Nacht.
    2. Antwort von Berti Krämer  (BertiK)
      Michel Koller: Ich kann auch mit 70 Jahren noch gut lesen! Es ist unmenschlich, Menschen in Not - und bei minus 10 Grad darf man von Not sprechen - auszunutzen - 40 Franken ist unmenschlich, egal von wo die Person kommt!
    3. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Die Stadt hat genug mit den Einheimischen zu tun und will verständlicherweise verhindern, dass Auswärtige die wenigen Schlafplätze für sich beanspruchen. Da kommt man von aussen und will die besten Bettelplätze für sich und dann auch noch die Notschlafstellen besetzen. Ich glaube Sie haben da ein etwas falsches Bild von. Meist sind diese "wandernden" Bettelgruppen auch für die Verbote verantwortlich, weil sie sehr aggressiv auftreten.
  • Kommentar von Kyriakos Xafis  ((Lau Lau))
    Tja! Für tausenden Asylanten gibt es Geld zum Schlafen, Trinken, Integrieren und Trinkgeld aber für die eigene obdachlose Bürger kann der Staat nichts machen. Erfreulicherweise gibt es noch die private Initiative... übrigens Altstadt Bern ist seit Monaten von Bettler überflutet, schaut man etwas genauer zu, sieht man wie gegen 19:00 die „Chefs“ kommen und das Geld bekommen. Wenn wir das immer wieder sehen wieso dann die Polizei nicht?
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Das stimmt so nicht. Niemand muss in der Schweiz obdachlos sein. Die Institutionen sind verpflichtet zu helfen aber es braucht die Mitarbeit der Betroffenen, welche jedoch oftmals kaum Hilfe, ausser man gibt ihnen Bargeld, annehmen. Meist können nicht mal simpelste Regeln akzeptiert werden. Ich habe Mitleid mit Obdachlosen in den USA, Brasilien, Marokko etc. aber nicht mit solchen in der Schweiz. Dass man nun aushilft, um Schaden abzuwenden, ist jedoch trotz allem richtig und notwendig.