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Schweiz Österreicher setzen seit Jahrzehnten auf Widerspruchslösung

Wer bei einem Unfall stirbt, soll neu auch in der Schweiz automatisch zum Organspender werden – ausser er oder sie hat sich zu Lebzeiten klar dagegen ausgesprochen. Das hat der Nationalrat gestern beschlossen. Eine gute Lösung, heisst es aus Österreich. Dort gilt diese Regelung seit 30 Jahren.

Ein Mann redet und deutet mit einer Hand nach vorne
Legende: Bundesrat Berset: Widerspruchslösung ist ethisch fragwürdig. Reuters/Archiv

Tote können Leben retten – mit ihrem Herz, ihrer Lunge oder einem anderen Organ. Und in Österreich tun dies viele, viel mehr als in der Schweiz.

Widerspruchs-Datenbank

Die Angehörigen der Unfallopfern werden zwar auch in Österreich gefragt, ob das in Ordnung sei und sie haben de facto auch ein Veto-Recht. Aber nur 10 bis 15 Prozent machen davon Gebrauch.

Ferdinand Mühlbacher, der Chef der Transplantations-Chirurgie an der Universitätsklinik in Wien, findet das ein gutes System: «Es wird den Angehörigen nicht eine Entscheidung aufgebürdet, die sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht treffen wollen.»

Wer nicht will, dass er später vielleicht einmal Organspender wird, der kann sich in einer Widerspruchs-Datenbank eintragen. Mühlbacher: «Es ist im Prinzip eine mit einem Code-Wort geschützte Datei, die über 24 Stunden zugänglich ist.» Aber nicht einmal ein Prozent der Österreicher hat sich dort registriert.

Die Menschen wollen sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen. Deshalb diese geringe Zahl und deshalb umgekehrt auch die viel zu geringe Zahl an freiwilligen Organspendern in der Schweiz.

Ethisch fragwürdig

Die Widerspruchslösung sei ethisch fragwürdig, sagte Bundesrat Alain Berset gestern im Nationalrat. Sie beschneide die persönlichen Rechte jedes einzelnen zu stark.

Mühlbacher hingegen findet es ethisch bedenklicher, dass in der Schweiz jedes Jahr fast hundert Menschen vorzeitig sterben müssen, weil sie kein neues Herz, keine neue Leber bekommen. Die Toten seien besser geschützt als die Lebenden.

Ob die Widerspruchslösung der Schweiz allerdings schnell mehr Organe bringt, das stellt auch Mühlbacher in Frage. Denn die Zahl der Organspender ist auch kulturell bedingt – in stark katholisch geprägten Ländern wie Österreich, Italien oder Spanien ist sie besonders hoch.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von H. Frühling, Bern / Zürich
    Und wo findet man z.B. im Internet den Zugang, wo man Widerspruch einlegen kann? Eine solche Liste würde dem Spuk schnell ein Ende machen. Der Mensch ist für eine Betriebsdauer von ca. 45 Jahren konstruiert, alles andere ist Zugabe, in der med. Versorgung zu teuer, auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt, belastet die AHV, fährt zu langsam mit dem Auto usw. usf.
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  • Kommentar von M. Keller, Thurgau
    Also seit Berset dieses Krankheitsdepartement führt, werden wir Menschen vermehrt zur Wahre... Brillenträger kriegen nichts mehr an die Brille (wozu soll man gut sehen), Abstimmungsergebnisse werden so umgesetzt das deren Wirkung nicht eintritt, Opt-Out... Und, das tolle: DA kann man nun wieder auf's Nachbarland als Beispiel verweisen; nicht beim BKG, nicht beim Eurofighter (als "Hauruck-Methode"), nicht als "so viel Einfluss hat ein Kleinstaat in der EU"... Unsere Regierung ist zum heulen
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    1. Antwort von F. Gross, Zürich
      Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Leute hier polemische Kommentare schreiben, ohne den Artikel überhaupt gelesen zu haben.
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    2. Antwort von M. Keller, Thurgau
      F.Gross aus Zürich: und wie passt ihr Kommentar auf meinen Beitrag? Ganz schön polemisch, ihr Satz... Oder finden Sie es nicht erstaunlich, wie Berset "so funktioniert"? Seit er im Amt ist, sind Menschen "Human Resources", Ersetzbar, Austauschbar, neu auch Ersatzteillager bis Widerspruch... IMMER mit Beispielen aus dem Ausland "dort ist es auch so" - aber FRAGT man denn jene, die davon betroffen sind? Oder hat man DAVOR dann wieder Angst? (ist Ihnen bsp. nicht aufgefallen, gell?)
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    3. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      M. Keller, die meisten Vorstösse BR Bersets gefallen mir auch nicht, aber diesmal tun Sie ihm unrecht: "Die Widerspruchslösung sei ethisch fragwürdig, sagte Bundesrat Alain Berset gestern im Nationalrat. Sie beschneide die persönlichen Rechte jedes einzelnen zu stark"
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    4. Antwort von M. Keller, Thurgau
      B. Hermann: gerade in der Politik haben "versprechen" (ja ich mach das) und "versprechen" (ich hab was falsches gesagt) oft nicht umsonst den gleichen Wortstamm ;) Mag sein, das Berset diesesmal (noch?) dagegen ist, aber es fällt schon auf wie man bei gewissen Themen Beispiele sieht, und mal nicht... Naja, ich hoffe es gibt zumindest hier mal eine Abstimmung, sollte der Gedanke ernsthaft weiterverfolgt werden...
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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Eine Zumutung!Förderung der Pharmamultis.Verteuerung der KK-Prämien!Aus nächster Erfahrung(direktes nahes Umfeld)habe ich miterlebt,was eine Transplantation bedeutet.Die Komplikationen werden verschwiegen(Abstossung/OP-Risiken/Infektionen)oder schön geredet.Grosser med.Aufwand.Andauernde Kontrollen,Einstellung der Medikamenten-Dosen;grosser Zeitaufwand,physische und psychische Belastung d.Patienten und des Umfeldes.Todesrisiko bleibt sowieso bestehen.Lieber sterben als Organtransplantat.
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    1. Antwort von Hermann Dettwiler, Langenthal
      - aber ein brachliegendes Umsatzpotenzial das es zu erschliessen gilt! Der Zynismus liegt in den Marktmechanismen. Das Patientengut ist ein Wirtschaftsfaktor.
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