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Corona und Moral: «Es gelten die gleichen Regeln für alle»
Aus SRF 4 News aktuell vom 27.05.2020.
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Pandemie und Moral «Wir verfallen nicht einem neuen Moralismus»

Wenn hochrangige Entscheidungsträger gegen Regeln verstossen, hat dies einen öffentlichen Aufschrei zur Folge, wie sich etwa beim Fehlverhalten des politischen Beraters von Premierminister Boris Johnson in Grossbritannien zeigte. Warum Bürgerinnen und Bürger so heftig reagieren, sagt Politphilosophin Katja Gentinetta.

Katja Gentinetta

Katja Gentinetta

Politphilosophin

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Die promovierte Politphilosophin ist unter anderem als Publizistin und Dozentin tätig. Sie moderiert die Talksendung «NZZ Standpunkte» und lehrt an verschiedenen Schweizer Universitäten. Von 2011 bis 2014 moderierte sie die Sendung «Sternstunde Philosophie» auf SRF.

SRF News: Gelten während der Pandemie für normale Bürger andere Standards als für die Classe Politique?

Katja Gentinetta: Die Pandemie fordert neue Verhaltensregeln von allen. Als Bürgerinnen und Bürger müssen wir davon ausgehen, dass die Politik solche Verhaltensregeln verlangt, weil sie ihr von der Medizin angeraten werden.

Es gibt Regeln, die empfohlen werden, und es gibt Verbote.

Wenn sich Politiker nicht daran halten, muss ich mich als Bürgerin fragen, was jetzt gilt. Muss nur ich mich daranhalten, aber sie nicht? Oder ist das nur ein Vorwand, um die Zahlen einzudämmen? Es lässt mich ratlos zurück.

Viele lässt es auch verärgert zurück. Weshalb der Aufruhr?

Es ist eine zweischneidige Sache. Es gibt Regeln, die empfohlen werden, und es gibt Verbote. Bei einer Empfehlung bin ich in meiner Eigenverantwortung gefragt. In der Schweiz hat der Bundesrat von Anfang an gesagt, er wolle nicht im Detail vorschreiben, ob man zu zweit im Auto fahren dürfe oder nicht, sondern er appellierte an die Eigenverantwortung.

Das eine bedeutet, dass man den Bürgern vertraut, das andere – die gesetzliche Verordnung – bedeutet, dass man es kontrollieren muss. In beiden Fällen ist es schwierig, wenn sich Politiker nicht dran halten.

Im Falle des Verbots muss ich denken, dass das Verbot für sie nicht gelte. Im Falle der Empfehlung heisst es, dass man die Eigenverantwortung auch selbst grosszügiger interpretiert und nachlässiger wird.

Von uns wird erwartet, dass wir Rücksicht nehmen, also können wir das auch von den anderen erwarten.

Dass Politiker gegen Regeln verstossen, ist nicht neu. Wird es emotionaler diskutiert als auch schon?

Früher hat man sich auch schon ereifert. Dass wir emotionaler diskutieren, hat damit zu tun, dass wir uns in einer Pandemie mit potenziell tödlichen Folgen befinden. Von uns wird erwartet, dass wir Rücksicht nehmen, also können wir das auch von den anderen erwarten.

Kontrollieren wir das Verhalten der anderen mehr als sonst?

Wenn wir an den Anfang des Ausnahmezustandes zurückdenken, war ich überrascht, dass man mit dieser Ermahnung sehr grosszügig umgegangen ist. Ich habe mich aus der Perspektive darüber geärgert, dass man sagen kann, wir haben in unserer Demokratie alle Freiheiten. Und wenn wir mal aufgefordert werden, auf die Freiheiten zu verzichten, dann sollten wir uns daran halten. Das ist die Verantwortung, die zu unserer Freiheit gehört. Dass wir alle beobachten – natürlich tun wir das – heisst aber nicht, dass wir schon in einem Spitzelstaat sind.

Kommt ein neuer Moralismus, oder eine Art Hypermoral?

Von einer Hypermoral oder einem neuen Moralismus würde ich nicht sprechen, weil ich es nicht als moralisch anschaue, sich an die Abstandsregeln zu halten oder eine Gesichtsmaske zu tragen. Es sind nicht Anstandsregeln, es sind Verhaltensregeln zugunsten unserer Gesundheit.

Zusammengefasst: Insgesamt gelten für Politikerinnen und Politiker nicht andere Verhaltensregeln?

Ja, es gelten die gleichen Standards. Ich habe jedes Verständnis für Politiker, die im Verlauf der Pandemie aufgrund des vorhandenen Wissens entschieden haben. Auf der anderen Seite weiss jeder Politiker, wenn er unvorsichtig wäre und es herauskäme, dass er fahrlässig gehandelt hat, dann gäbe dies eine grosse Aufregung. Ich glaube nicht, dass wir einem neuen Moralismus verfallen.

Das Gespräch führte Teresa Delgado.

Video
Regierungschef Johnson stützt seinen Berater Cummings
Aus Tagesschau vom 25.05.2020.
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SRF 4 News; 27.05.2020; 12.17 Uhr;

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
    Dann gilt dies für uns alle, dieses moralische Geschrei. Wer sich nicht perfekt benimmt, verliert sein Job. Weil das verlangt man hier auch, mit er soll zurück treten.
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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Moral beschränkt sich doch nicht auf Anstandsregeln. Wenn dem BR vorgeworfen wird, er sei mit seiner gepflegten Frisur ein schlechtes Vorbild, zeigt das, wie moralisch aufgeladen unser Politikverständnis ist. Aber es wäre ausserordentlich wichtig, Recht und Moral sauber auseinanderzuhalten. Falls es tatsächlich um Gesundheitsschutz über den Schutz der Spitäler hinaus gehen soll, wäre angesichts des langen Zeitraums eine transparente, möglichst demokratisch getroffene Güterabwägung vonnöten.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Wenn man die öffentliche Diskussion betrachtet, ergibt sich noch immer der Eindruck, man habe es mit einer Krankheit mit der Gefährlichkeit von Sars (sehr hohe Sterberate) und dem Verbreitungspotenzial von mindestens der Influenza zu tun. Für England wurden von einem führenden Forschungsteam 200-500'000 Tote vorhergesagt. Jetzt seien laut WHO für ganz Brasilien 125'000 zu befürchten. Das wären in CH (Dreisatz) 5060 - doppelt so viele wie bei einer schweren Grippe - wenn alle Stricke reissen..
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    2. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Nun also das Gesundheitsargument. Hinweise auf bleibende Folgeschäden, wie wir es von der Influenza kennen, vielleicht schwerer, vielleicht häufiger, hier schweigt man sich ja aus, zumal es sich bei den Beobachtungen erst um Einzelfälle handelt. Ist es unmoralisch, da zu fragen, ob es richtig sei, zum Schutz vor dieser Krankheit Wirte um die Hälfte ihres Lebensunterhalts zu bringen? Sich vorzubehalten, wieder Kontaktverbote für den öffentlichen Raum zu erlassen, diesen abzusperren und, und, und?
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  • Kommentar von Kurt E. Müller  (KEM)
    Wenn sich Politiker nicht an die eigenen Regeln halten, ist davon auszugehen, dass sie mehr wissen als der Normalbürger, d.h. sie wissen, dass die Regeln eigentlich völlig unsinnig sind.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Sie wissen eben sehr wahrscheinlich gar nicht viel. Die Einschätzungen, wie gefährlich dieses Virus ist, sind ja nicht wesentlich zuverlässiger geworden, nachdem es sehr, wenn nicht extrem viel leichter zu kontrollieren ist, als noch bis vor Kurzem befürchtet. Wir haben es vermutlich nach wie vor hauptsächlich mit Vorsichtsmassnahmen zu tun, die einen gewissen Spielraum erlauben, unklar wie gross. In Anbetracht der wirtschaftlichen und menschlichen Situation ein schwer erträglicher Zustand.
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