Sie prägen die Luzerner Skyline: die beiden goldenen Türme beim Fussballstadion. Der eine ragt 77 Meter in die Höhe, der andere 88. Hinter 298 Wohnungstüren leben rund 450 Menschen. Da ist es praktisch unmöglich, die ganze Nachbarschaft zu kennen. Trotzdem finden die Bewohnerinnen und Bewohner seit einigen Jahren zusammen. Eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe macht es möglich.
Untergruppen für alles Mögliche
Heute fragt in diesem Nachbarschafts-Chat jemand nach einer Pumpe für sein Kinderplanschbecken. Jemand anderes schickt ein Foto aus der Tiefgarage und macht darauf aufmerksam, dass bei einem Auto noch das Licht brennt. «Gehe gleich zum Auto und mache es aus», bedankt sich der Besitzer.
Knapp 170 Leute beteiligen sich an der Community. Die WhatsApp-Gruppe umfasst mittlerweile mehrere Untergruppen: einen Marktplatz, eine Gruppe für Weinliebhaber, eine für Brettspiele, eine für Hundebesitzerinnen, eine für Katzenbesitzer, eine Tauschbörse und so weiter.
Digitale Nachbarschaftshilfe
«Es geht etwas», sagt Stefan Roschi, Präsident des Nachbarschaftsvereins. «Das WhatsApp-Signal ertönt oft.» Das zeige, dass die Gruppe rege genutzt werde.
Die Idee dahinter sei, dass die Leute trotz des anonymen Lebens in einem Hochhaus Kontakte knüpfen können. Im Lift kenne man sein Gegenüber zwar selten, in der Gruppe hingegen werde diskutiert, geholfen, verkauft und organisiert.
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Bild 1 von 2. Im Whatsapp-Chat gibt es mittlerweile mehrere Untergruppen, in denen sich die Bewohnenden austauschen können. Bildquelle: SRF/Sämi Studer.
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Bild 2 von 2. Eine Nachbarin sucht einen Staubsauger: Die Frau von Stefan Roschi ist sofort zur Stelle und hilft aus. Bildquelle: SRF/Sämi Studer.
Der Chat leuchtet auf. «Ich bräuchte jemanden, der mir kurz fünf Minuten helfen könnte», schreibt jemand. Ein Tisch müsse aus der Wohnung getragen werden. Die Antwort folgt wenige Minuten später: «Ich hätte gerade Zeit.» So geht Nachbarschaftshilfe im Zeitalter der sozialen Medien.
Die Gruppe als Eisbrecher
Die Ursprünge des Chats gehen zurück ins Jahr 2022. Damals organisierte ein Paar auf eigene Faust ein Sommerfest für die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Hochhäuser. Mit grossem Erfolg: Es meldeten sich weitere Leute, die ebenfalls ein solches Fest auf die Beine stellen wollten. So entstand der Nachbarschaftsverein, der mittlerweile sogar von der Stadt Luzern unterstützt wird.
Fragt sich, weshalb dies über einen Chat laufen muss. Früher war es auch möglich, mit seinen Nachbarn in Kontakt zu treten – man sprach sie einfach an. Das sei zwar richtig, doch die Gruppe erleichtere besonders Zugewanderten das Leben enorm, sagt Stefan Roschi. «Ich höre oft, dass es in der Schweiz schwierig ist, Leute kennenzulernen.» Die Gruppe senke die Hürde.
Auch Nichtmitglieder profitieren
Für einige ist der Chat also eine grosse Hilfe, andere interessieren sich überhaupt nicht dafür. «Brauche ich nicht», sagt Dora Arnet, eine langjährige Bewohnerin. Es sei schon gut, dass es die Gruppe gebe, sie selbst halte jedoch nichts von spontanen Besuchen in der Nachbarschaft. «Ich gehe nicht gerne zu anderen in die Wohnung.»
Am Sommerfest war sie trotzdem. «Das war richtig gemütlich», sagt sie. Und noch etwas habe sich verändert: «Die Leute grüssen sich häufiger.» Dem Chat bleibt sie fern, seine Wirkung spürt sie trotzdem.