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Schweizer Universitäten: unzumutbare Arbeitsbedingungen?
Aus Rendez-vous vom 06.08.2021.
abspielen. Laufzeit 07:09 Minuten.
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Petition der Uni-Assistenten Mittleres Uni-Lehrpersonal fühlt sich ausgenutzt und abgewertet

Unsichere Jobs und unbezahlte Überzeit: Die Assistentinnen und Assistenten der Schweizer Unis fordern klare Perspektiven.

Mehr als 8000 Unterschriften stehen unter der Petition ans eidgenössische Parlament. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen für das wissenschaftliche Personal an den Schweizer Universitäten.

«Essenziell erscheint uns die vermehrte Schaffung von Festanstellungen nach dem Doktorat», erklärt eine Sprecherin des Petitionskomitees, die nicht namentlich genannt werden will. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen befürchtet sie Nachteile, wenn ihr Engagement bekannt wird.

Protest des akademischen Mittelbaus

Hinter der Petition stehen die Verbände des Mittelbaus der Schweizer Universitäten. Es sind die mehr als 40'000 Assistenten, Doktorandinnen, Post-Docs und Dozierenden, die die Hauptlast der wissenschaftlichen Forschung und Lehre tragen.

Doch neun von zehn hätten bloss eine befristete Anstellung und auch sonst unbefriedigende Arbeitsbedingungen, so die Petitionärin weiter. Meist seien sie ungewollt Teilzeit angestellt, müssten aber Mehrarbeit leisten. Es gebe viel unbezahlte Überzeit. In Grossbritannien hat vergleichsweise nur ein Drittel der wissenschaftlich Angestellten einen befristeten Vertrag.

Meist sind sie ungewollt Teilzeit angestellt, müssen aber Mehrarbeit leisten. Es gibt viel unbezahlte Überzeit.
Autor: Sprecherin des Petitionskomitees

Die Petitionärin hatte an einer grossen Universität eine befristete 60-Prozent-Anstellung. Statt 25 Wochenstunden seien bis zu 45 Stunden angefallen. Zeit für die eigene Doktorarbeit sei nur am Wochenende geblieben.

Viel Abhängigkeit, kaum Sicherheit

Dies alles bedeute eine sehr grosse Abhängigkeit von den einzelnen Professuren, berichtet sie: «Zur eingeschränkten Selbstständigkeit in der Arbeit kommt quasi die Unmöglichkeit, die nächsten Jahre planen zu können – sowohl für die Forschung wie auch für das eigene Leben.»

Etwa die Frage nach einer Familie, die sich Menschen Mitte 30 bis Mitte 40 auch stellten. «Sie möchten gerne wissen, ob sie in drei bis vier Jahren noch eine Stelle haben, um überhaupt Kinder haben zu können.»

Diese Unsicherheit habe auch negative Folgen für die wissenschaftliche Qualität, betont die Petitionärin weiter: Letztlich blieben nicht mehr die Besten, sondern nur noch jene, die es sich leisten können, im System zu bleiben – weil vielleicht ein Partner das finanzielle Risiko abfedere.

Letztlich sind in der Wissenschaft nicht mehr die Besten, sondern nur noch jene, die es sich leisten können, im System zu bleiben.
Autor: Sprecherin des Petitionskomitees

Frauen besonders betroffen

Wie das Petitionskomitee festhält, geben wegen unsicheren Perspektiven besonders viele Frauen die akademische Karriere auf. So sinke der Frauenanteil von 56 Prozent bei den Doktorandinnen auf noch 33 Prozent bei den Assistenz-Professorinnen. Das bedeute immer auch einen grossen Wissens- und Talentverlust

Der Frauenanteil von 56 Prozent bei den Doktorandinnen sinkt auf noch 33 Prozent bei den Assistenz-Professorinnen.
Autor: Zitat Petitionskomitee

Swissuniversities kennt die Probleme

Die Hochschulen täten schon einiges, um die  Arbeitsbedingungen für das wissenschaftliche Personal zu verbessern, erklärt Astrid Epiney, Rektorin der Universität Freiburg und im Vorstand der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen swissuniversities.

Freiburg etwa fördere Mentoring-Massnahmen, führe frühzeitig Laufbahngespräche und fördere Auslandsaufenthalte. Auch mehr unbefristete Stellen hält Epiney für sehr erstrebenswert, verweist aber darauf, dass der finanzielle Spielraum gering sei und vom Anstieg der Studierendenzahlen abhänge.

Ich bin persönlich dezidiert der Ansicht, dass wir einen Ausbau der unbefristeten Stellen brauchen.
Autor: Astrid Epiney Rektorin Uni Freiburg, Vorstandsmitglied von swissuniversities

«Senior Lecturers» als Ausweg?

Wichtiger als mehr Festanstellungen erachtet Epiney eine Diversifikation der Laufbahnen. Solche Stellen für sogenannte «Senior Lecturers» versuche sie an der Universität Freiburg zu fördern. Diese könnten Forschung und Lehre langfristig abgesichert vorantreiben, ohne eine Professur als Karrierehöhepunkt anzustreben und die entsprechenden Opfer auf sich zu nehmen.

Ein Blick auf die Niederlande

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In den Niederlanden haben wissenschaftliche Angestellte neuerdings nach einem Jahr an einer Universität grundsätzlich Anrecht auf einen unbefristeten Vertrag.


Jaap Verheij vom Verband der Niederländischen Universitäten erklärt: «Mit der verbesserten Jobsicherheit können sie vermehrt auf ihre wissenschaftliche Arbeit fokussieren. Das ist eine grosse Hilfe für sie.» Denn wer Jahr für Jahr nicht wisse, ob der Vertrag verlängert werde, könne nicht ruhig arbeiten:


In den Niederlanden sind die 14 Universitäten zwar unabhängig voneinander, werden aber zentral vom niederländischen Staat finanziert. Auch die Anstellungsverhältnisse werden über einen nationalen Gesamtarbeitsvertrag geregelt.

In der Schweiz ist der Bund in erster Linie für die ETH zuständig, während die Kantone ihre Universitäten finanzieren und regulieren. Deshalb sind auch die Strukturen und die Arbeitsbedingungen von Universität zu Universität verschieden.

Astrid Epiney von swissuniversities betont deshalb: «Welche Massnahmen wir genau treffen sollten, wird auf der Ebene der einzelnen Universitäten und der ETH entschieden. Hier sind die Akzente durchaus unterschiedlich.»

Rendez-vous, 06.08.2021, 12:30 Uhr

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41 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Sidler  (Sidli)
    Ich frage noch einmal, was heisst hier schlecht bezahlt?
    Ohne Angabe einer Zahl ist hier jede Diskussion völlig sinnlos. Ich denke aber die wird auch deshalb nicht bezahlt weil das Ergebnis wohl "Jammern auf hohem Niveau" wäre... natürlich je nach Standpunkt. Ich möchte hier die harten Bedingungen aber keineswegs in Abrede stellen!
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      80'000 max im Jahr als postdoc. Soviel wie der erste Job eines Masterabgängers in der Privatwirtschaft.
    2. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Und 50'000 als Doktorand, 30'000 weniger als in der Privatwirtschaft mit gleichen Diplomen.
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Erst strebt es sich, freiwillig notabene, massenweise in die Unis und dann ist es dort auch wieder nicht recht.
    Wer in der Privatwirtschat erfolgreich ist muss auch auf vieles verzichten, wer eine akademische Karierre anpeilt anscheinend halt auch.
    Erfolg wird einem nur ganz selten geschenkt und basiert meist auf Verzicht. Und der ist heute halt ganz und gar nicht angesagt und lässt sich auf sozialen Medien schlecht posten.
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Der Unterschied ist, dass in der Privatwirtschaft der Lohn den Verzicht deckt.
  • Kommentar von Hans Christian  (H.C.)
    Mit Dienen fängt alles an, das ist in allen Berufen so, auf diese weise entwickeln sich Kenntnisse.
    1. Antwort von Rony Emmenegger  (Rony Emmenegger)
      Ich denke siehe dem Problem zu verschliessen ist wenig gewinnbringend. Hierarchien zu zementieren erst recht nicht! Die Zahlen sprechen für sich...