Bundesratswahl Pokerface und «Strichli-Liste»

Sie kennen den Namen des neuen Bundesrats als Erste: die Stimmenzähler. Anmerken lassen dürfen sie sich nichts.

Der Tag der Bundesratswahl. Die Wahlzettel sind ausgefüllt. Weibel tragen grosse Urnen durch die Gänge. Die Spannung im Nationalratssaal ist mit Händen zu greifen.

Im Bundesratszimmer leeren die Weibel die Urnen auf einen grossen Holztisch aus. Eine Szene, die man aus dem Fernsehen kennt. Dann heisst es: Kameras raus.

Ratsweibel leeren Urnen auf den Tisch der Stimmenzähler. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gleich geht es los: Die Stimmenzähler sind bereit. Keystone

Was ab jetzt passiert, geschieht hinter verschlossenen Türen. Im Raum zugegen sind lediglich die Stimmenzähler, eine Mitarbeiterin der Parlamentsdienste und die stellvertretende Generalsekretärin.

Als erstes teilen die Stimmenzähler oder Stimmenzählerinnen den Zettelhaufen in ungefähr gleich grosse Teile auf. Und dann geht es los.

An Bundesratswahlen arbeiten alle Stimmenzähler

Der Nationalrat wählt vier Stimmenzähler und vier weitere Ratsmitglieder als Ersatz. Als Stimmenzähler gehört man dem Büro des Nationalrats an und bestimmt auch das Sessionsprogramm mit. Im Ständerat wird nur ein Stimmenzähler oder Stimmenzählerin sowie ein Ersatz gewählt. Die Stimmenzähler werden für eine Amtsdauer von vier Jahren (Nationalrat) bzw. einem Jahr (Ständerat) gewählt. An Bundesratswahlen sind alle Stimmenzähler im Einsatz.

Die Stimmzettel werden zuerst alle einmal durchgezählt. Denn es dürfen zwar weniger, aber natürlich nicht mehr Wahlzettel sein, als ausgeteilt wurden.

Dann arbeitet jeder seine Wahlzettel ab. «Mit voller Konzentration», wie die Leiterin der Stimmenzähler, Edith Graf-Litscher, sagt. Als amtsälteste Stimmenzählern – Graf-Litscher macht das seit 10 Jahren – steht sie ihren Kollegen und Kolleginnen als Beraterin zur Seite und hilft in Zweifelsfällen.

Gültig oder ungültig?

Ungültige Stimmen sind Wahlzettel:
• die ehrverletzende Äusserungen oder offensichtliche Kennzeichnungen enthalten
• die auf eine nicht wählbare Person lauten
• für bereits in den Bundesrat gewählte Personen
• für Personen, die aus der Wahl ausgeschieden sind
• die nicht klar zugeordnet werden können

Mit einer normalen «Strichli-Liste» führen die Stimmenzähler Buch über den Stand der Kandidaten. Und danach werden die Resultate elektronisch erfasst.

Doch was, wenn das Resultat knapp ist? «Dann wird grundsätzlich nochmals ausgezählt», sagt Graf-Litscher. «Das wird im Team entschieden.»

Hoffen auf einen noch so kleinen Hinweis

Beim Auszählen werden die Resultate jeweils für das Protokoll elektronisch von der Mitarbeiterin der Parlamentsdienste erfasst und von Graf-Litscher auf Durchschreibe-Papier geschrieben, damit gleich drei Kopien entstehen. Warum druckt man die Resultate nicht einfach aus? Im Bundesratsbüro gibt es keinen Drucker. Warum das so ist? Graf-Litscher weiss es nicht. Sagt aber: «Ich finde das noch schön. Ein kleines bisschen Tradition wird erhalten.»

Und dann haben die Stimmenzähler ihren grossen Aufritt. Mit dem Blatt Papier in der Hand marschiert Graf-Litscher mit ihrem Team zurück in den Parlamentssaal.

Die Stimmenzähler, angeführt von Edith Graf-Litscher. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nur nichts anmerken lassen: Die Stimmenzähler, angeführt von Edith Graf-Litscher, sind zurück. Keystone

Jetzt ist ein Pokerface angesagt. Denn sobald die Tür aufgeht, sind die Augen aller Parlamentarier auf sie gerichtet. Die National- und Ständeräte suchen einen Hinweis auf den Inhalt des in dem Moment wohl begehrtesten Stücks Papier der Schweiz. Richten den Daumen nach oben oder nach unten. Hoffen auf ein noch so kleines Nicken oder Kopfschütteln der Stimmenzählerin. Wie geht man damit um? «Ich blende die Umgebung aus», sagt Graf-Litscher.

Am Vorabend rechtzeitig zu Bett

Die Bundesratswahl ist für Edith Graf-Litscher ein feierlicher Tag. «Es ist für mich eine Ehre, dafür verantwortlich zu sein, dass die Wahl korrekt abläuft.» Es sei ja auch die Wahl, die die Bevölkerung am meisten interessiert.

Wird sie am Vorabend des 20. Septembers nervös sein? Nein, sagt sie. Aber grossen Respekt habe sie schon. Und werde deshalb am Vorabend sicher frühzeitig schlafen gehen.

Das Bundeshaus von aussen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alt und ehrwürdig: Eröffnet wurde das Bundeshaus 1902. Keystone

Wenn das Bundeshaus aus allen Nähten platzt

Auch für die Parlamentsdienste sind Bundesratswahlen eine Herausforderung. Die Vorbereitungen beginnen, sobald klar ist, dass ein Bundesrat zurücktritt. Die grösste Herausforderung: Der Platz.«An solchen Anlässen wird das Bundeshaus regelrecht überrannt», sagt Mark Stucki, der Leiter Kommunikation der Parlamentsdienste.
Platz hat es im Bundeshaus für zirka 1100 Menschen. Eine Limite, die an einer Bundesratswahl bis auf den letzten Platz ausgeschöpft wird. Die meisten Plätze beanspruchen Medien und Technik. Rund 350 sind es. 250 Plätze beanspruchen Bundeshaus-Personal und Sicherheitskräfte. 246 Plätze sind natürlich für die Ratsmitglieder reserviert. Ihren Gästen und Delegationen können diese auf den Tribünen Plätze reservieren (150). Weitere 100 Eintritte sind für weitere Gäste, Delegationsangehörige und die Bundesverwaltung freigegeben.
«An diesem Tag werden wir mit ganz vielen, unterschiedlichen Bedürfnissen konfrontiert», sagt Stucki. Das Gebäude sei aber nicht so gebaut, dass man diese alle befriedigen könne. «Wir sind kein Fernsehstudio und auch kein Fussballstadion.» Ohne Kontingente geht es deshalb nicht.