Früher war die politische Landkarte in und rund um Bern ziemlich klar unterteilbar: Die Stadt ist und wählt links, das Land ist und wählt eher bürgerlich. Doch die Grenzen zwischen der Stadt Bern und ihren elf Agglomerationsgemeinden verfliessen immer mehr.
Dass sich die Agglomeration verändert, wirkt sich auch auf der politischen Ebene aus. Plötzlich haben die Bürgerlichen nicht mehr nur das Sagen, sondern Mitte- und Links-Politikerinnen und -Politiker.
Diese Entwicklung ist auch in Muri zu beobachten, in der Gemeinde, die lange als liberale Hochburg der Wohlhabenden galt. Die Steuern sind tief, die Konten einiger Bewohnerinnen und Bewohner gut gefüllt. Doch der politische Wind hat vor ein paar Monaten gedreht: Seit dem Herbst 2020 gibt es im Gemeinderat eine Mitte-Links-Mehrheit und gleichlange Spiesse zwischen links und rechts im Parlament.
«Ich glaube, die Gemeinderatssitzungen dauern jetzt länger als früher», sagt die frischgewählte Gemeinderätin Carole Klopfstein (Grüne). «Man geht jetzt bei der Diskusion mehr in die Tiefe, als wenn die Meinungen schon gemacht sind.»
Auch Gemeindepräsident Thomas Hanke (FDP) beobachtet einen neuen Einfluss: «Dass es neue Gesichter hat im Gemeinderat, das spürt man. Egal von welcher Partei sie kommen.» So gäbe es neue Ideen.
Dieser frische Wind tut uns gut.
Die Gemeinde hat sich in den letzten Jahren stark verändert, jetzt gäbe es einen Generationenwechsel. Linke und grüne Anliegen finden bei den gut 12'000 Einwohnerinnen und Einwohnern der Vorortsgemeinde immer mehr Anklang.
Der Grund des Wandels
Diese Trendewende beobachtet Politgeograf Michael Hermann mit grossem Interesse. «Nirgends ist dieser Wandel so klar sichtbar wie in den Berner Vorortsgemeinden.» Hermann nimmt an, dass sich dies so schnell nicht ändern wird und dass die Bürgerlichen dort weiter an Einfluss verlieren werden.
Der erste Grund sei, dass die Leute in die Agglo ziehen, weil sie den städtischen grünen und linken Lebensstil mögen – nur hat es nicht für alle Platz in der Stadt und deshalb landen einige dann in der Agglo. Die städtische Mentalität migriere also in die Agglomeration und verdränge die bürgerliche Denkweise.
Es ist auch der aktuelle Zeitgeist, dass die Leute eher grün und links wählen.
Der zweite Grund liege darin, dass eine Urbanisierung der Agglomeration stattgefunden habe. Die Agglomerationsgemeinden werden immer dichter – ähnlich einer Stadt – und die Gemeinden sind nun mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie die Innenstadt. Beispielsweise wird ein gutes ÖV-Netz wichtiger oder preisgünstige Wohnungen. Und traditionellerweise setzen sich grüne und linke Parteien für diese Anliegen ein, so Hermann.
Als Folge davon ziehen bürgerlich-denkende Menschen aus der Agglomeration noch weiter aufs Land. Die Coronakrise könnte diese Entwicklung sogar beschleunigen, so Hermann: «Da viele jetzt im Homeoffice sind, nehmen sie künftig sogar weitere Arbeitswege in Kauf, da man seltener pendeln muss.»