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Private Wirtschaftsdatenbanken Riesenärger für Konsumenten mit falschen Bonitätsauskünften

Oft stimmen Einträge in Wirtschaftsdatenbanken nicht. Den ahnungslosen Kunden wird der Einkauf verwehrt.

Legende: Video Falsche Bonitätsauskünfte: Riesenärger für Konsumenten abspielen. Laufzeit 6:11 Minuten.
Aus Kassensturz vom 12.06.2018.

Der langjährige Fust-Kunde W. S. wollte vor kurzem beim Haushalt- und Elektronikhändler eine Herdplatte inklusive Einbau im Wert von 1962 Franken kaufen. Als er dies gegen Rechnung tun will, ist er über die Antwort des Verkäufers mehr als nur baff. «Das geht leider nicht. Ihre Bonität ist auf Stufe Rot», erklärt ihm der Fust-Angestellte.

Der ehemalige Manager versteht die Welt nicht mehr. Er hatte in seinem Leben noch nie Schulden, geschweige denn eine Betreibung. Der Verkäufer in der Fust-Filiale Spreitenbach kann aber nichts machen. Und dies, obwohl der Kunde in den letzten Jahren bei Fust mehrere teure Küchengeräte auf Rechnung gekauft hatte.

Lebender Kunde für tot erklärt

Wohl oder übel muss W.S. eine Anzahlung per Kreditkarte leisten. Doch die völlig falsche Bonitäts-Einstufung will er nicht auf sich sitzen lassen. Er fragt beim Fust-Hauptsitz nach und erhält die überraschende Antwort, dass er in der Bonitäts-Datenbank als verstorben geführt wird. Das kommt dem 64-jährigen wie ein schlechter Witz vor.

Die Bonitätsinformationen bezieht Fust von der Firma Crif. Crif ist weltweit tätig. In der Schweiz verkauft die Firma Informationen über die Zahlungsfähigkeit von Personen, beispielsweise an Detailhändler oder Banken.

W.S. schickt der Firma ein Mail und bestätigt, dass er sehr wohl am Leben sei. Er fordert von Crif, die kreuzfalschen Daten zu löschen. Die Wirtschaftsauskunftei schickt ihm daraufhin einen korrigierten Eintrag. Darin ist W.S. nun wieder lebendig und auf Bonitätsstufe grün. Als Grund für den Fehler schreibt die Firma, es habe «eine Datenvermischung» stattgefunden.

Sechs Fragen an die Rechtsexpertin Gabriela Baumgartner:

«Vermischung von gleichnamigen Personen»

Den Fehler erklärt Crif damit, dass es zu einer Vermischung von zwei gleichnamigen Personen gekommen sei. Bei einer grossen Anzahl von übereinstimmenden Daten könne dies im Einzelfall vorkommen. Den Vorwurf fehlender Qualitätskontrollen weist das Unternehmen zurück: «CRIF legt grossen Wert auf die Datenqualität. Sollte sich herausstellen, dass unvollständige oder unzutreffende Informationen in der Datenbank gespeichert sind, nehmen wir auf Antrag eine Korrektur oder Löschung einzelner Daten umgehend vor.»

Fust: Bonitätsprüfung neu auch in Filialen

Die Firma Fust bedauert die Unannehmlichkeiten, die dem Kunden W. S. damit entstanden sind. Eine Bonitätsprüfung erfolge bei Verkäufen gegen Rechnung neu auch in den Filialen. Bisher galt dies lediglich bei Online-Bestellungen.

Löschung in Bonitätsdateien nicht möglich

W. S. stört am Ganzen, dass eine Firma überhaupt Daten über ihn sammelt. Zudem auch noch völlig falsche. Er möchte seinen Eintrag bei Crif ganz löschen lassen. Doch: «Das ist nicht möglich. Es können nur veralteteDaten gelöscht werden oder solche, die gar nicht hätten gespeichert werden dürfen. Zum Beispiel Daten zum Gesundheitszustand oder zur Wohnsituation einer Person», erklärt «Kassensturz/Espresso»-Rechtsexpertin Gabriela Baumgartner.

In der Schweiz gibt es verschiedene Betreiber von sogenannten Bonitätsdatenbanken. Diese sammeln Informationen über die Zahlungsfähigkeit von Konsumenten und verkaufen sie an Unternehmen weiter. Gemäss Datenschutzgesetz ist diese Datensammeln völlig legal.

Service: Meine Daten gehören mir!

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Wenn plötzlich persönliche Daten im Netz über Sie auftauchen oder ein Onlineshop Sie nur gegen Vorauszahlung beliefern will, sind Sie in einer Wirtschaftsdatenbank gespeichert. So wehren Sie sich.

Kritik vom Datenschutz-Experten an Rechtslage

Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich, kritisiert diese Praxis trotzdem. «Die Wirtschaftsauskunfteien sind ein Dauerthema im Bereich des Datenschutzes, weil nicht sehr transparent ist, mit welchen Daten die Firmen arbeiten und zu welchen Zwecken sie die Daten verarbeiten.» Deshalb gebe es sehr viele Personen, die sich über diese Datenverarbeitung beschweren würden.

Parlament könnte Datenschutz verbessern

Das Parlament ist aktuell an der Revision des Datenschutzgesetzes. Stimmt das Parlament der Vorlage zu, könnte dies laut Baeriswyl eine entscheidende Verbesserung bringen: «Im Entwurf wird klarer geregelt, dass es für die Unternehmen Informationspflichten geben soll und dass eine betroffene Person klar und eindeutig in die Datenbearbeitung einwilligen muss.»

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Ingrid Fleig (Chora)
    Wenn ich bei einer Firma als Neukunde im Internet etwas bestelle gibt es zwei Möglichkeiten. Ich bekomme die Ware auf Rechnung weil die Firma mich auf einer Datenbank geprüft und für solvent befunden hat, oder die Firma liefert nicht auf Rechnung und konsultiert somit auch keine Datenbank. Ich bezahle dann mit meiner Kreditkarte und bekomme die Ware nicht, da die Firma nicht seriös ist. Da kaufe ich schon lieber auf Rechnung und nehme halt in Kauf, dass ich in einer Datenbank registriert bin.
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  • Kommentar von M. Keller (tgmike)
    (Teil2 zu "Schulden- und Betreibungregister") Meine Erfahrungen: ich bewarb mich mal auf eine Stelle mit Geheimhaltungsgebot. Darum hatte der Arbeitgeber-in-spe eine Kreditauskunft eingeholt um zu sehen, ob ich "beeinflussbar" sei. Zum Glück gab mir der Linienvorgesetzte den Auszug der CRIF (ehem. OrellFüssli Wirtschaftsinformationen) über "keine Bonität", sodas ich die Fehlangaben korrigieren konnte - die Stelle war trotzdem futsch. Mein Betreibungsregisterauszug ist und war immer sauber.
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  • Kommentar von M. Keller (tgmike)
    Leider kennen zuwenige das eidgenössiche (!) Schulden- und Betreibungsregister, welches bis zum "Fachkräftemangel durch die PFZ" zur Prüfung von Kreditwürdigkeit usw genutzt wurde. Würde dieses AMT in den Köpfen der SchweizerInnen sein, hätten CRIF & Co keine Chance mit verhunzten und zusammengewürfelten Zufallsdaten (!) so eine Macht zu erlangen. Darum, auch liebe Kassensturz-Redaktion, erinnert an das Betreibungsamt!! (persönliche Erfahrung mit CRIF im nächsten Post)
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    1. Antwort von Redaktion «Kassensturz» / Gabriela Baumgartner
      Hier scheint ein Missverständnis vorzuliegen: Es gibt in der Schweiz weder ein eidgenössisches Schulden-, noch ein eidgenössisches Betreibungsregister. Jedes Betreibungsamt führt ein Register, in dem sämtliche Betreibungshandlungen protokolliert sind. Konsumentinnen und Konsumenten können auf jedem Amt für ein paar Franken einen Auszug mit den über sie gespeicherten Daten verlangen. Diese Daten werden aber nicht in einem eidgenössischen Register zusammengefasst. Ein parlamentarischer Vorstoss, der die Schaffung eines eidgenössischen Betreibungsregisters fordert, ist derzeit beim Bundesamt für Justiz in Prüfung. Ein eidgenössisches Schuldenregister gibt es nicht.
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