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Revision Heilmittelgesetz Nur Husten-Bonbons für die Supermärkte

Knapp 100 Heilmittel-Präparate sind ab 2019 zusätzlich im Detailhandel erhältlich. Für die Migros viel zu wenig. Hunderte vom Bund überprüfte Arzneimittel gibt es weiterhin nur durch Fachpersonen.

Legende: Video Detailhandel darf ab 2019 mehr Arzneimittel anbieten abspielen. Laufzeit 01:47 Minuten.
Aus Tagesschau vom 04.12.2018.

«Das ist eine Niederlage für die Konsumentinnen und Konsumenten», sagt Martin Schläpfer, Leiter Wirtschaftspolitik Migros. Der grösste Schweizer Detailhändler wollte dank einer Liberalisierung des Medikamente-Verkaufs seine Regale um allerlei Arzneimittel erweitern.

Nun begutachtete die Schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel, Swissmedic, 540 Produkte. Dabei wog sie ab, welche Arzneimittel in Selbstmedikation verwendet werden können, ohne die Patientensicherheit zu gefährden. Das Heilmittelinstitut schreibt: «Die meisten der überprüften Medikamente eignen sich nicht für die Selbstbedienung.»

Beratung weiterhin Pflicht

Neu fallen lediglich 94 zusätzliche Präparate in die sogenannte Abgabekategorie E. Sie sind also ohne Fachberatung frei zu erwerben: darunter fallen Produkte wie Bronchialpastillen, Merfen-Tinktur, Perskindol-Gel oder diverse Tees.

Über 500 Präparate werden hingegen nicht für den freien Verkauf freigegeben: beispielsweise Schlafmittel oder Präparate gegen Magenbeschwerden. Sie seien zwar meist unbedenklich zusammengesetzt, schreibt Swissmedic. Trotzdem müsse eine Fachperson erläutern, wie sie eingenommen werden müssen – gerade in Kombination mit anderen Arzneimitteln oder Krankheiten.

Auch für anthroposophische und homöo­pathische Mittel gibt es weiterhin keine Selbstbedienung.

Patientensicherheit grossgeschrieben

Der Drogistenverband sieht sich in seiner Kernkompetenz bestätigt. «Arzneimittel sind keine Konsumgüter. Es braucht Fachberatung, welche man in Drogerien und Apotheken erhält», sagt Elisabeth von Grünigen-Huber, Leiterin Politik beim Schweizerischen Drogistenverband.

Der Drogistenverband begrüsst denn auch den Entscheid von Swissmedic. Man stelle damit die Patientensicherheit ins Zentrum.

«Nun bezahlen Konsumenten einfach 20 Prozent mehr als in Deutschland, wo die Produkte frei erhältlich sind», ärgert sich hingegen Martin Schläpfer von der Migros. Mit den eigenen Forderungen habe man sich am deutschen Modell orientiert, von wo keine gesundheitliche Probleme bekannt seien. «Jetzt braucht es weiterhin für jede Salbe eine Beratung. Das entmündigt den Konsumenten.»

Zulassungsverfahren kritisiert

Der Bundesrat hatte eigentlich entschieden, den Zugang zu Arzneimitteln zu vereinfachen. Im September erliess er entsprechende Bestimmungen zur Umsetzung des revidierten Heilmittelgesetz, das ab 1. Januar 2019 in Kraft tritt. Um die einzelnen Produkte zu überprüfen, zog die Bundesbehörde Swissmedic eine externe Expertenkommission bei. Darin vertreten waren der Detailhandel aber auch Apotheker, Drogisten und die Ärzteschaft

Die Migros zweifelt an der Unabhängikeit des Entscheids: «Es hat sich ein politisches Kartell gebildet, um den Detailhandel aus dem Medikamentengeschäft fernzuhalten. Damit wird reiner Branchenschutz betrieben. Das ist unschweizerisch.»

Mit den Vorwürfen konfrontiert, erwidert Swissmedic: «Die wissenschaftliche Beurteilung stützt sich auf klare Kriterien, die bekannt und publiziert sind.»

Und die Drogistenvertreterin Elisabeth von Grünigen-Huber fügt an: «Alle Betroffenen waren vertreten in der Fachexpertenkommission. Der Prozess verlief seriös und gleichberechtigt.»

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Häusermann (Ebenda)
    Einmal mehr ein Skandal. Der Kostenreduktionswillen des Parlaments kann nicht ernst genommen werden. In vielen westlichen Ländern sind u.a. Schmerzmittel in Supermärkten käuflich, 65% günstiger als in der CH. Und es funktioniert sehr gut. Die Pharmalobby hat sich einmal mehr durchgesetzt. Tragisch, wie sich der CH Bürger vorführen lässt.
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    1. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      In vielen westlichen Ländern sind u.a. Schmerzmittel in Supermärkten käuflich.... JA zB Paracetamol.. unter diversen Namen angeboten... harmlos... nur in Kombination mit Alkohol koennen schon kleinste Mengen ireversible Leberschaedigungen hervorrufen... und wer hat zB am Morgen Kopfweh.. und nimmt Paracetamol.. der zu viel getrunken hat.. Wobei, der Drogist/Apotheker sagt auch nichts darueber wenn ich es einkaufe..
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    2. Antwort von Christian Meister (Christian Meister)
      @Nanni Ganz so harmlos wie sie es beschreiben ist Paracetamol auch ohne Alkohol nicht. Die Therapeutischebreite ist recht gering. Eine Überdosis kann irreparable Schäden hervorrufen oder sogar tödlich sein. Die langfristige Anwendung führt ebenfalls zu Organschäden. In UK sind über 50% der Leber- und Nierentransplantationen die Folge von Schmerzmitteln. Zudem verhindert dieses Kaufhemmnis auch Suizide.
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  • Kommentar von Adi Berger (Adi B.)
    Zwei Arzneimittelklassen würden genügen: Rezeptpflichtig und Nichtrezeptpflichtig. Letztere sollten auch bei jedem Grossverteiler im Regal stehen dürfen. Das würde sich bestimmt auch auf die Preise auswirken.
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    1. Antwort von Christian Meister (Christian Meister)
      In vielen europäischen Ländern, aber auch in den USA werden oder wurden die Heilmittelgesetze verschärft. Dies auf Grund der hohen Folgekosten durch Neben- und Wechselwirkungen. In der Schweiz fallen alleine in Spitälern, durch unerwünschte Wirkungen von freiverkäuflichen Schmerzmitteln, Kosten in der Höhe von 240 Mio. an. Kosten die wir alle mit der Krankenkasse bezahlen. Werden die Heilmittel leichter verfügbar, steigen diese Kosten. Im Grossverteiler weden die Produkte zudem kaum günstiger.
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    2. Antwort von Jürg Häusermann (Ebenda)
      @CM: Ihre Behauptungen sind falsch. Missbrauch erfolgt zumeist gezielt, heute mit überteuerten, rezeptfreien Medi aus der Apotheke/Drogerie. Der Vertrieb durch Grossverteiler ändert daran nichts, entlastet aber die grosse Mehrheit, die kein Missbrauch betreibt. Überdies ist die "Beratung" in den Apotheken oft jämmerlich.
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    3. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      die Behauptungen sind völig richtig. Selbst gekaufte Schmerzmittel, die nur die Symptome überdecken, sind eine Gefahr. Der Apotheker fragt wenigstens, wofür man das Mittel braucht. Und die Behauptung, unsere Apotheken würden schlecht beraten, ist einfach falsch.
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    4. Antwort von Christian Meister (Christian Meister)
      @JH Es sind in den letzten Jahren bereits einige Produkte aus den Drogerien in die Grossverteiler abgewandert. Die Preise haben sich kaum verändert. Die meisten Preise blieben gleich. Dieses Argument der Migros zieht nicht. Das Problem ist, dass die Hersteller die Medikamente in der Schweiz teurer verkaufen. Es gibt diverse Beispiele, da liegt der Preis in einer deutschen Apotheke oder Drogeriemarkt unter dem Einkaufspreis einer schweizer Drogerie oder Apotheke.
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