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Schmähpreis für SBB-Bau Zürichs «Chinesische Mauer» scheidet die Geister

Eine Steinfassade der Europaallee wurde von Deutschland über China in die Schweiz transportiert. Das sorgt für Ärger.

Legende: Audio Die «chinesische Mauer» in Zürich abspielen. Laufzeit 02:53 Minuten.
02:53 min, aus Rendez-vous vom 28.08.2018.

Sie hat viele Kritiker, die Europaallee mit ihren imposanten Bauten und teuren Wohnungen. Das neue Stadtquartier habe keine Seele, heisst es. Zu viel Luxus, zu wenig Leben, Normalverdienende würden verdrängt.

Schmähpreis für den 43'000-Kilometer-Transport

Am Dienstag stand ein weiterer Aspekt der Europaallee in der Kritik: Für die Hausfassade einer der vielen Grossüberbauungen hat die SBB Natursteine verbaut, die aus Deutschland stammen und dann in China verarbeitet wurden. Insgesamt legten die Steine einen Weg von 43'000 Kilometern zurück. Wegen dieses Transports überreichten Umweltschützer heute den SBB-Verantwortlichen einen Schmähpreis.

Es ist nicht einsichtig, dass Steine einmal um die Welt gefahren werden, um dann in Zürich an einer Fassade zu hängen.
Autor: Jon PultAlpen-Initiative

Es habe letztes Jahr wohl keinen absurderen Materialtransport gegeben als jenen für die chinesische Hausfassade in Zürich, sagt Jon Pult von der Umweltorganisation Alpen-Initaitive: «Es ist wirklich nicht einsichtig, dass ein Staatsbetrieb eine Fassade erstellt, für die Steine von Deutschland nach China und damit mehr als einmal um die Welt gefahren werden müssen, um dann in Zürich an einer Fassade zu hängen.»

SBB relativiert und verweist aufs Gesetz

Andreas Steiger, Projektleiter Europaallee von der SBB, kann den Ärger der Umweltschützer zum Teil verstehen. Er gibt aber zu bedenken, dass das Haus rund 80 Jahre stehen bleiben soll. Da mache der CO2-Ausstoss beim Transport der Fassade nur noch einen sehr kleinen Teil der gesamten Nachhaltigkeitsbilanz aus.

Wir sind gesetzlich verpflichtet, bei gleichwertiger Qualität das wirtschaftlich günstigste Angebot zu wählen.
Autor: Andreas SteigerProjektleiter Europaallee SBB

Ausserdem war das ausländische Angebot laut Steiger punkto Qualität gleich gut gewesen wie die Schweizer Angebote – einfach günstiger: «Wir sind nach dem Beschaffungsrecht dazu verpflichtet, das wirtschaftlich günstigste Angebot zu wählen. Wenn die Qualität gleich gut ist, was hier der Fall ist, können wir nicht einfach ein teureres Angebot berücksichtigen.»

Europa-Allee in Zürich.
Legende: Die Europaallee neben dem Zürcher Hauptbahnhof ist ein Milliardenprojekt der SBB. Keystone/Archiv

Revision des Beschaffungswesens in Arbeit

Der Bund schreibt also vor: Am Ende gewinnt das günstigste Angebot. Die Schweizer Baubranche fühlt sich deswegen im Nachteil. Es sei schwierig, ausländische Anbieter zu unterbieten, kritisiert Fabio Rea vom Schweizerischen Fachverband der Fassadenbauer: «Wir prangern das schon lange an.» Nötig seien jetzt Rahmenbedingungen, um kompetitiv sein zu können.

Wir brauchen jetzt Rahmenbedingungen, um wettbewerbsfähig sein zu können.
Autor: Fabio ReaGeschäftsleiter, Schweizerische Zentrale Fenster und Fassaden SZFF

Tatsächlich will der Bundesrat nun die Vergabekriterien bei öffentlichen Ausschreibungen ändern. Es soll nicht mehr einfach der günstigste Preis ausschlaggebend sein. Dafür sollen Kriterien wie Nachhaltigkeit oder die Qualität stärker gewichtet werden.

Der Nationalrat hat sich bereits im Juni dafür ausgesprochen. Nun kommt die Totalrevision des Beschaffungswesens in den Ständerat. Das sei ein wichtiger Schritt, um gegen ausländische Dumping-Anbieter bestehen zu können, heisst es beim Schweizer Baumeisterverband.

SBB bezweifelt Wirkung

Projektleiter Steiger von der SBB gibt aber zu bedenken, dass die ausländische Konkurrenz auch mit veränderten Kriterien nicht zwingend ausgeschaltet werde. Gerade China habe in Sachen Qualität und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren sehr zugelegt: «Es ist ein Fakt, dass die Chinesen weltweit die grössten Fassadenbauer sind. Das zu ändern, steht nicht in unserer Macht.» Deshalb ist also nicht ausgeschlossen, dass die SBB auch bei ihrem nächsten Fassadenbau eine «Chinesische Mauer» bestellt.

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34 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Ein exzellentes Beispiel, um uns klarzuwerden, was für einen Mist uns Politiker und Wirtschaftsbosse immer wieder erzählen, nur um ihre eigenen Pfründe zu sichern. Welthandel ist okay, Globalisierung hingegen schadet und hinterlässt -wenn die "Einzelfälle" zum Regelfall mutiert sind, nur Verlierer. A propos: Jeder, der das unterschreibt, muss zwangsläufig auch die Zollpolitik eines Donald Trump verstehen!
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  • Kommentar von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
    Wenn ich aus den USA eine Schallplatte (LP) bestelle, bezahl ich für Transport, Zoll und Tax etwa das dreifache des Produktepreises. Aber die sind nicht aus Granit, wohlverstanden... Auch wenn ich für mein Geschäft Steinmörser aus Thailand importiere, sind die Wegkosten, Zoll und Tax bei weitem höher als der Einkauf. Mit was für sonderbaren Vergünstigungen müssen solche Deals 'abgesegnet' werden, um als 'günstigstes Angebot' durchzugehn? Ist doch nur noch pervers.
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  • Kommentar von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
    'Wir sind gesetzlich verpflichtet, bei gleichwertiger Qualität das wirtschaftlich günstigste Angebot zu wählen' - Wenn das das wirtschaftlich günstigste Angebot ist, dann gute Nacht. Wohl eher eine Bankrotterklärung an die globale Wirtschaftspolitik, und an den menschlichen Intelligenzquotienten.
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