Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Inhalt

Schulbücher ohne Frauen Wenn Pädagogen weibliche Vorbilder vergessen

In Schweizer Schulbüchern werden Frauen nicht gerecht repräsentiert. Laut einer Analyse der Universität Basel fehlen in etlichen Lehrmitteln die Protagonistinnen überwiegend. Dies zeigt auch der Fall eines Geschichts-Lehrmittels, das zurzeit in Zürich für Empörung sorgt.

Legende: Video Lehrmittel (fast) ohne Frauen abspielen. Laufzeit 09:48 Minuten.
Aus Rundschau vom 20.02.2019.

In Zürich wehren sich Schülerinnen und ihre Eltern gegen ein Geschichts-Schulbuch, in dem Frauen stark untervertreten sind. Nur sechs der 48 porträtierten «Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte» sind weiblich.

«Das liegt einfach nicht mehr drin», sagt Barbara Dietrich, Mutter der 12-jährigen Lynn. Die Schülerin besucht in Zürich die 6. Klasse und ärgert sich. Es ist ein freiwilliges Lehrmittel für das Fach Mensch, Natur und Gesellschaft. Unter den wenigen weiblichen «Persönlichkeiten» figurieren: Bond-Girl Ursula Andress, Märlitante Trudi Gerster und Elisabeth Kopp, die unter Kritik zurückgetretene, erste Schweizer Bundesrätin.

Legende: Video Dietrich: «Die meisten Schweizer stehen zur Gleichberechtigung» abspielen. Laufzeit 00:14 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.02.2019.

«Das ist ein Skandal»

«Es ärgert mich, dass weniger Frauen abgebildet sind und die Auswahl noch so doof ausfällt», sagt Schülerin Lynn gegenüber der «Rundschau». «Das ist ein Skandal. Buben und Mädchen erhalten so das Gefühl, Frauen könnten noch immer nichts bewirken», ergänzt ihre Mutter.

Lynn, ihre Freundin Maria und etliche Eltern sind empört über das Lehrmittel, das der private Verlag Zürcher Kantonale Mittelstufe (ZKM) herausgegeben hat. In einem Brief fordern sie den Verlag auf, dieses zu überarbeiten. Sie fordern die «gleiche Anzahl Frauen und Männer in ihrer ganzen Variabilität.»

Die zuständige Schulkreispräsidentin Gabriela Rothenfluh erklärt, der Einsatz freiwilliger Unterrichtsmaterialien liege in der Verantwortung der Lehrer und Schulen, Kontrollen seien nicht üblich. Die betroffene Lehrperson habe aber eingesehen, dass das Lehrmittel problematisch sei. Sie werde anregen, das Lehrmittel nicht mehr zu verwenden.

Kein Einzelfall

In Schweizer Schulbüchern stehe es schlecht um die gerechte Repräsentation der Geschlechter. In vielen Lehrmitteln fehlten Protagonistinnen überwiegend. Zu diesem Schluss kommt Elena Makarova, die an der Universität Basel die Geschlechter-Repräsentation in naturwissenschaftlichen Lehrbüchern erforscht.

Legende: Video Elena Makarova: «Frauen werden eher in der Freizeit statt bei der Arbeit dargestellt» abspielen. Laufzeit 00:28 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.02.2019.

Die Direktorin des Instituts für Bildungswissenschaften sagt, in den untersuchten Büchern seien nur maximal 10 Prozent der Protagonistinnen weiblich. Zudem würden Frauen anders als Männer dargestellt. «Weibliche Protagonistinnen sind jung, erscheinen eher in Freizeitaktivitäten. Männer sind älter und werden oft bei der Ausübung ihres Berufs abgebildet.»

Stereotype Abbildungen seien in Lehrbüchern bis heute verbreitet, erklärt Makarova. Sie könne die Empörung der Zürcher Schülerinnen verstehen.

Kein Verständnis für Empörung

Samuel Ramseyer, Bildungsrat im Kanton Zürich und SVP-Politiker, hingegen nicht: «Das ist ein Geschichtslehrmittel. In der Geschichte haben Frauen halt eine weniger wichtige Rolle gespielt, von daher verstehe ich die Empörung nicht». Ramseyer betont, das Lehrmittel sei als ergänzendes Material für Lehrer gedacht.

Legende: Video Samuel Ramseyer: «Es liegt in der Natur der Sache, dass die Frauen zu Beginn keine grosse Rolle gespielt haben» abspielen. Laufzeit 00:21 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.02.2019.

Der Verlag ZKM hat auf den Beschwerdebrief der Schülerinnen reagiert. Verlagsleiter Hans-Walter Tobler stoppte den Verkauf des Lehrmittels und will es noch in diesem Jahr zusammen mit dem Autor überarbeiten. Letzterer wollte sich gegenüber der «Rundschau» nicht äussern.

Legende: Video Lehrerpräsident Zemp: «Das Lehrmittel taugt nicht» abspielen. Laufzeit 08:02 Minuten.
Aus Rundschau vom 20.02.2019.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

72 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Um es mal kurz & systematisch zu halten: Wenn Frauen von Natur aus anders sein sollten (ist nicht bewiesen ausser Körperstärke), gibt es nichts an Ungleichbehandlung, die man daraus ableiten könnte. Allerdings auch umgkehrt: Wenn Frauen von Natur aus gleich sind, ist es immer noch eine Frage der Politik, ob man daraus die Gleichbehandlung ableiten will. Dieser Wille bestand in der Schweiz mit der BV-Revision und dem Gleichstellungsgesetz. Müsste nur noch umgesetzt werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    «Wenn Pädagogen weibliche Vorbilder vergessen»???? NEIN - die Frauen wurden nicht vergessen, sie wurden bewusst oder unbewusst so dargestellt, nämlich als Märlitante und Sexsymbol («sexuelles Konsumgut für James Bond», wenn sie schön genug ist). Das hat nichts mit «vergessen» zu tun, sondern mit Einstellung gegenüber Frauen. Die erste Juristin, die erste Doktorandin an einer Uni - es gibt viele Frauen, die grosse Pioniertaten vollbrachten in einer extrem konservativen Gesellschaft «Schweiz»!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Werner Christmann (chrischi1)
      Wissen sie was ein Pionier oder um es mit ihren Worten zu sagen eine Pionierin ist? Wenn sie zum Beispiel die erste Schweizer Kampfjetpilotin als Pionierin bezeichnen wollen haben sie das Wort nicht verstanden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Eine der effizientesten Strategie ganze Gruppen wie die Hälfte des Äthers zum Verschwinden zu bringen, ist die Unsichtbarmachung. Diese Kunst beherrschen Herrenkultren. Sie gaukeln vor ein Teil sei das Ganze. Ich als Frau weiss, dass es wesentlich ist zu wissen, woher ich komme, auf wessen Schultern ich stehe und was unsere Vormütter geleistet haben .... denn es macht immer noch einen nicht ganz wesentlich Unterschied aus, als Frau in diese Welt geboren worden zu sein.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Benito Boari (Antoine)
      nicht ganz unwesentlichen...?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Sie haben recht, Herr Boari, es ist eine "doppelte Verneinung" oder einfach auch 'wesentlichen Unterschied' ..... Merci. Das Fehlerteufelchen ist one of my best Friends .....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen