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Kantone werben sich gegenseitig Lehrpersonen ab
Aus Tagesschau vom 10.08.2021.
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Schulen suchen Fachkräfte Lehrermangel: In der Schweiz wird beklagt statt gehandelt

«Wir haben überhaupt keinen Überblick über die Zahlen.» So äussert sich die eidgenössische Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) telefonisch zu einem der akutesten Probleme der Schweizer Schulen, dem Lehrermangel – oder präziser: dem Lehrerinnenmangel. Mittlerweile sind in der Primarstufe über 80 Prozent Frauen tätig. Und da fehlen die meisten Lehrpersonen.

Dass die EDK keinen Überblick hat, erstaunt, schliesslich wird der Lehrerinnen- und Lehrermangel seit Jahren fast schon rituell zur Sommerzeit ausgerufen. Schulgemeinden und Schulleiter machen im Juni und Juli vor allem eines: Händeringend nach Lehrpersonal fürs anstehende Schuljahr suchen.

Im Juni hat die Luzerner Gemeinde Schötz dazu sogar die Erstklässler «eingespannt»: Schulleiter Peter Bigler persönlich griff zur Kamera und liess seine Schützlinge im Video selber aufsagen, was eine neue Lehrerin alles können sollte. «Sie muss lieb sein», «Er muss Fussball spielen können», «Sie müsste gut zeichnen können» – Wünsche, die aufzeigen, was Lehrpersonen heute alles draufhaben sollten.

Die Krux mit dem Lehrerlohn

Aber weshalb lässt sich dieses anhaltende Problem nicht lösen? Zumal es nicht vom Himmel fiel. Die vielen Lehrerinnen- und Lehrer-Pensionierungen, die seit 2016 und noch bis 2027 vonstattengehen (Babyboomer-Generation), waren schon lange bekannt. Der andere Treiber: Die Schweiz hat wieder viel mehr Kinder – das heisst, mehr Kinder werden eingeschult. Die Schere, die sich öffnet, war also absehbar. Weshalb stehen Behörden und Schulleiter dennoch jeden Sommer immer wieder vor leeren Lehrerpulten?

Die Lehrpersonen sagen, ihr Beruf erfahre zu wenig Wertschätzung. Es gebe viel zu viele Überstunden. Und die Löhne seien zu tief. Richtig ist – und das lässt sich belegen: Kantone mit höheren Löhnen haben weniger Probleme, genügend Lehrpersonen zu finden. Richtig ist auch, dass sie mit besseren Löhnen anderen Kantonen auch Lehrpersonen abjagen. Mehr Lohn wirkt also.

Lehrpersonen dürften sich aber auch bewusst sein, dass sie bereits gut, ja überdurchschnittlich gut verdienen. Der Medianlohn aller Lehrpersonen schweizweit liegt bei 9200 Franken pro Monat. Lehrerinnen und Lehrer auf Primarstufe können bis zu 117'000 Franken verdienen.

Beruf ist zum Teilzeitjob geworden

Mehr Lohn könnte Lehrpersonen aber auch reizen, ihre Arbeitspensen noch weiter zu reduzieren. Es gibt wohl nur wenige gut bezahlte Berufe mit durchschnittlich so tiefen Arbeitspensen. Konkret: Nicht einmal jede dritte Lehrperson arbeitet über 90 Prozent. Die Hälfte arbeitet weniger als 90 Prozent, ein Drittel sogar weniger als 50 Prozent. Der Lehrerberuf ist zum Teilzeitjob geworden – und das ist nicht unbedingt imagefördernd.

Der Forderung nach mehr Lohn steht deshalb der beim Lehrpersonal unpopuläreren Forderung nach vorgeschrieben Mindestpensen gegenüber. Der Lehrerinnen- und Lehrermangel im Kanton Zürich beispielsweise würde sich halbieren, täte nur jede Lehrperson ein Prozent mehr arbeiten. Gegen Mindestarbeitspensen aber wehren sich die Lehrpersonen massiv. Deshalb darf man sagen: Der Lehrerinnen- und Lehrermangel ist auch «hausgemacht».

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Kanton Solothurn lanciert Kampagne gegen Lehrermangel
Aus Tagesschau vom 10.08.2021.
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Lösen könnten das die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren. Aber obwohl das Problem seit Langem bekannt ist, hat die EDK erst letzten Herbst eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich das Problem anschaut – ja, nur anschaut: Lösungen sollen nicht erarbeitet werden. Nur Daten beschaffen will man.

Denn, auch das ist aus der EDK zu vernehmen: Es soll weiterhin eine interkantonale Konkurrenz um das Lehrpersonal geben. Wettbewerb um Lehrerinnen und Lehrer also. Jeder Kanton möchte für sich schauen. Deshalb werden auch nächsten Sommer wieder Kinder um neue Lehrerinnen betteln, die Lehrer um mehr Lohn bitten und die Politik das Problem beklagen.

Michael Perricone

Michael Perricone

Stv. Leiter Inlandredaktion, SRF

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Michael Perricone ist stellvertretender Leiter der Inlandredaktion von SRF TV. Zuvor arbeitete er als Autor und Produzent bei der «Rundschau» und war stellvertretender Redaktionsleiter von «10 vor 10».

Tagesschau, 10.08.2021, 19:30 Uhr

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70 Kommentare

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  • Kommentar von Josianne Girschweiler  (JosianneG)
    Liebes SRF Team
    Könntet ihr bitte von "Lehrpersonal" und "Lehrer:innenmangel" schreiben? Gendern habt ihr sonst ja gut im Griff, aber in diesem Artikel scheint das massiv untergegangen zu sein.
    LG
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Josianne Girschweiler, wir haben einige Stellen im Text angepasst. Danke für den Hinweis. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Emily Torresan  (EmilyT)
    Ich habe mich an der PH Bern angemeldet, um Lehramt zu studieren. Aber ich wurde abgelehnt, weil ich die „falsche“ Fachmaturität habe, nämlich die im Bereich „Gesundheit und Soziales“, statt „Pädagogik“. Also müsste ich eine Prüfung schreiben, in der die Basiskompetenzen wie Mathematik, Biologie, Deutsch, etc. abgefragt werden. Ich kann das überhaupt nicht verstehen. Das macht einfach keinen Sinn!
  • Kommentar von Peter Kunszt  (PeterQ)
    Interkantonaler Konkurrenz um Lehrpersonen? Ist das ein Konzept? Wie viele Lehrpersonen (insb. mit Partnern und Familien) ziehen wegen dieser in einen anderen Kanton? Womöglich mit anderer Landessprache? Wenn dieses Gremium nicht zu mehr fähig ist, wozu gibt es sie?