Ueli Müller steht am Hang vor einem guten Dutzend Leuten. Oberhalb von ihnen befindet sich eine Kuhweide, unterhalb die Strasse zwischen Brugg und Koblenz.
Die Leute sind Mitglieder der neu gegründeten deutschen Endlagerkommission. Müller erklärt, wie hier der radioaktive Abfall dereinst in den Untergrund des Bözbergs verschwinden könnte. Das Gebiet grenzt unmittelbar ans Paul Scherrer Institut PSI, wo fast 2000 Mitarbeiter in der Energieforschung arbeiten.
Bewunderung für die Schweiz
Müller erzählt, wie seine Mitsprachegruppe den genauen Standort vorgeschlagen hat. Das war die sogenannte Regionalkonferenz Jura Ost, zusammengesetzt aus einfachen Bürgern aus der Region. Ein Raunen geht durch die Runde. Ursula Heinen-Esser, die Vorsitzende der deutschen Endlagerkommission sagt: «Ich bin voller Bewunderung für die Schweiz.» Hier würden die Bürger sehr früh in einen Entscheidungsprozess eingebunden.
Es fasziniert die Besucher aus Deutschland, dass es im Aargau so wenig Protest gegen das Tiefenlager gibt. Aus Gorleben, dem bisher favorisierten Standort in Deutschland, sind sie sich Massendemonstrationen und riesige Polizeieinsätze mit Wasserwerfern gewohnt.
Probleme bei den technischen Details?
Immerhin, auch in der Schweiz gibt es Opposition gegen das Tiefenlager. In der Mitsprachegruppe sind neben 90 Schweizern auch 10 Mitglieder aus dem grenznahen Deutschland dabei. Einer von ihnen ist Lüder Rosenhagen aus Bad Säckingen. Er war früher Kapitän auf einem nuklearbetriebenen Forschungsschiff, heute ist er Atomkritiker.
Nun steht er in Brugg vor dem Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi, wohin er eben für eine Sitzung angereist ist. «Wir äussern uns sehr oft und werden von den Schweizern sehr skeptisch angesehen», sagt er. Denn im ganzen Prozess seien die deutschen Mitglieder die einzigen Kritiker.
Rosenhagen bemängelt, dass die Teilnehmer der Mitsprachegruppe Jura Ost von ihren Gemeinden ausgewählt worden seien. Ausserdem handle es sich meist um Landwirte, die grosse Mühe hätten, die technischen Details der Endlagerung zu verstehen.
Der Deutsche will es genau wissen
Rosenhagen selber will es ganz genau wissen. So habe er etwa vor zehn Jahren die Frage gestellt, ob es im Opalinuston – der Erdschicht, in der das radioaktive Material gelagert werden soll – nicht Mikroben gebe. «Damals hat man mich belächelt», sagt er.
Doch unterdessen weiss man, dass es in der 180 Millionen Jahre alten Erdschicht tatsächlich Mikroben gibt. Nun werden ihre möglichen Auswirkungen auf das Endlager im Tongestein genauer erforscht. Für Rosenhagen ist deshalb klar: Es braucht das kritische Nachfragen.
Deutschland ist nicht die Schweiz
Unterdessen wissen die Mitglieder der deutschen Kommission alles zum Mitwirkungsverfahren. Die Kommissionsvorsitzende Heinen-Esser wünscht sich unbedingt mehr Bürgerbeteiligung in Deutschland. Sie ist sich aber nicht sicher, wie weit man dort gehen kann. In der Schweiz würden die Bürger den Behörden vertrauen, wenn es um Sicherheitskriterien oder Ähnliches gehe, stellt sie fest. Nicht so in ihrer Heimat: «In Deutschland ist jeder sein eigener Wissenschaftler.»
Sagts und spaziert über die Aare zum Zwischenlager; dorthin, wo in der Schweiz jeweils die Castor-Behälter mit den radioaktiven Abfällen aus den Kernkraftwerken angeliefert werden. In Deutschland ketten sich bei diesen Transporten regelmässig Aktivisten an Fahrzeuge und Schienen. In der Schweiz gab es noch keinen einzigen solchen Protest.
Bemerkungen zur Grafik: Das Gebiet nördliche Lägern soll als möglicher Standort eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle vorerst nicht weiter untersucht werden, schlägt die Nagra vor. Für ein Tiefenlager für schwache- und mittelaktive Abfälle zurückgestellt werden sollen laut Nagra die Gebiete Südranden, Nördlich Lägern, Jura Südfuss und Wellenberg. Über diese Anträge entscheidet der Bundesrat voraussichtlich 2017.