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Silvia Bühler, Leiterin Archiv Gosteli-Stiftung, spricht übers Archivieren und Geschichte schreiben
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 20.06.2021.
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Schweizer Frauenarchiv Leiterin Frauenarchiv: «Ich schreibe an der Geschichte mit»

Die Bernerin Silvia Bühler verwaltet die Geschichte der Frauen in der Schweiz. Sie hat kurz vor dem Tod der Frauenrechtlerin Marthe Gosteli die Leitung des Archivs der Gosteli-Stiftung übernommen. Im Gespräch spricht sie über den Frauenstreik von Anfang Woche, über Geschichtsschreibung – und ihre Angst um das Archiv.

Silvia Bühler

Silvia Bühler

Leiterin Archiv Gosteli-Stiftung

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Die 43-jährige Archivarin hat Informationswissenschaften studiert. Marthe Gosteli, die Gründerin der Gosteli-Stiftung und des Frauenarchivs, hat kurz vor ihrem Tod 2017 Silvia Bühler die Leitung des Archivs anvertraut. Silvia Bühler arbeitet zu 50 Prozent bei der Gosteli-Stiftung, daneben ist sie im Staatsarchiv des Kantons Bern tätig. Sie lebt mit ihrem Partner in Bern.

SRF News: Sehen Sie sich als Verwalterin der Geschichte der Frauen in der Schweiz oder schreiben Sie auch aktiv an der Geschichte mit?

Silvia Bühler: Ich glaube, wir sind hier vor allem Chronistinnen der Schweizer Frauengeschichte. Natürlich ist ein grosser Teil unserer Arbeit das Verwalten.

Natürlich ist ein grosser Teil unserer Arbeit das Verwalten – aber nicht nur.

Aber durch das Weitergeben der Informationen aus unserem Archiv schreiben wir natürlich schon auch ein Stück weit etwas an der Geschichte mit.

Und was ist das für eine Verantwortung für Sie?

Eine spannende, manchmal auch eine herausfordernde. Ein grosser Teil der neuen Schweizer Geschichte ist geprägt durch die Geschichte der Frauen in der Schweiz. Diese Geschichte in die Zukunft zu tragen, ist eine wichtige und grosse Aufgabe.

Sie sagen, Sie schreiben die Geschichte ein Stück weit mit. Wie denn?

Indem wir sichtbar machen. Zum Beispiel, weil wir gewisse Dokumente nicht einfach in den Keller stellen, sondern Verzeichnisse anlegen und in Onlinedatenbanken aufnehmen; dass die Leute also recherchieren können und die Dokumente – und somit die Geschichte – wiederfinden.

Am Frauenstreik diese Woche haben Sie nicht teilgenommen. Weshalb?

Weil ich arbeiten musste! Rund um solche Tage haben wir hier viel zu tun, weil die Leute Archivbilder oder Informationen zu früheren Frauenstreiks anfordern. Wir haben diesen Personen diese Inhalte geliefert – und so vielleicht indirekt auch etwas zum Frauenstreik beigetragen.

Sie arbeitet in einem Frauen-Archiv, die Themen Frau, Frauenrechte und Gleichberechtigung sind präsent. Ist es auch ein Dauerthema in ihrem Privatleben? Sind sie Aktivistin?

Ich sehe mich nicht als Aktivistin, aber die Arbeit hier bringt es natürlich mit sich, dass man sehr affin ist auf diese Fragen. Eigentlich bin ich es schon immer ein wenig gewesen. Als es darum gegangen ist, ob ich ins Gymnasium soll, haben meine Grosseltern das für mich als Mädchen als unnötig beurteilt. Ich fragte mich, was das soll!

Ich glaube, alle Frauen in meinem Alter haben schon Diskriminierung erfahren.

Meine Eltern haben sich glücklicherweise für mich eingesetzt. Solche Sachen prägen. Ich glaube, alle Frauen in meinem Alter haben schon Diskriminierung erfahren, zum Beispiel, weil ihnen etwas nicht zugetraut wurde. Oder vielleicht auch sexuelle Belästigung. Das sind solche Sachen, wo man irgendwann mal beginnt, sie zu hinterfragen.

Aber eben: Sie sehen sich nicht als Aktivistin?

Nein, eigentlich nicht, eher als eine, welche die Ideen der Aktivistinnen mitträgt. Durch meine Arbeit verfolge ich gesellschaftlich Entwicklung. Ich weiss auch, wie sie in der Geschichte entstanden sind.

Marthe Gosteli hat Sie kurz vor ihrem Tod gefragt, ob Sie die Leitung des Archivs übernehmen möchten. Wie war das damals für Sie?

Das war eine grosse Ehre. Es freute mich, dass sie mir zutraute, ihr Lebenswerk weiterzuführen. Aber natürlich war es auch eine grosse Herausforderung. Meine Aufgabe war und ist es, das Archiv ins 21. Jahrhundert zu führen.

Falls es im Archiv mal Dokumente oder eine Art Lexikoneintrag über Sie als Leiterin des Archivs der Gosteli-Stiftung geben wird: Was sollte dort keinesfalls drinstehen?

Dass das Archiv unter meiner Leitung zugrunde ging.

Fürchten Sie sich davor?

Ja, diese Angst ist da. Die Zukunft des Archivs war lange unsicher – und ist es sogar noch heute teilweise.

Das Gespräch führte Thomas Pressmann.

Zukunft des Archivs weiter ungewiss

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Haus Gosteli Stiftung
Legende: Die Gosteli-Stiftung befindet sich in Worblaufen bei Bern. Thomas Pressmann/SRF

Seit 1982 archiviert die Gosteli-Stiftung bedeutende Quellen zur Frauengeschichte: Sie sammelt Archivalien von Frauenorganisationen, Frauenverbänden und einzelnen Frauen, die die Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Gesellschaft und Familie in der Schweiz wesentlich geprägt haben.

Zwar hat der Bundesrat knapp 2.3 Millionen Franken für eine Vierjahres-Periode gesprochen. Doch dieses Geld gibt es nur, wenn auch andere Geldgeber mitziehen. Der Kanton Bern will nur 100'000 Franken pro Jahr ausrichten. Dies geht aus einem eingereichten Vorstoss aus dem Kantonsparlament hervor. Das Geld reiche nicht, um das Archiv weiterzuentwickeln, sagt Silvia Bühler. Während der Pandemie konnte die Stiftung zudem weniger Geld selber erwirtschaften, beispielsweise gab es weniger Führungen und die Spenden gingen zurück.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 19.6.2021/20.6.2021, 17:30 Uhr;

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Moser  (PaulM)
    ich sehe das anders also die Kommentare vorher: Es wäre äusserst wichtig und richtig, das Erbe von Marthe Gosteli weiter zu führen und im gesamten Bestand zu sichern. Nur so wird mit einer ungetrübten Sicht auf die Frauenbewegung in der Schweiz möglich.
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Moser: Da haben Sie zweifellos recht, aber dafür braucht es kein eigenständiges Archiv. Dafür reicht eine Abteilung in einem Archiv. Wenn ich zu einem bestimmten Thema die Auswirkungen auf die Geschlechter untersuchen will ist es von Vorteil wenn ich in einem Archiv danach suchen kann. Z.B. in zwei Abteilungen. Zwei verschiedene Archive, womöglich in verschiedenen Teilen der Schweiz, macht es nur unnötig kompliziert. Frauen und Männer sind Teil einer Gesellschaft.
    2. Antwort von Paul Moser  (PaulM)
      @Alex Volkart - Das Gosteli-Archiv gibt es seit 38 Jahren und das soll so auch weiterhin bestehen, damit die wertvollen Zeitdokumente erhalten bleiben und den Zeitgenossen und Zeitgenossinnen für ihre Studien, Recherchen und Dokumentationen zur Verfügung stehen, aber darüber hinaus auch den nächsten Generationen von Nutzen sein können.
    3. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Es gibt nicht nur in der Schweiz ein Frauenarchiv, auch in Deutschland. Das Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) . Hier wird
      alles gesammelt ab 1800. Ein wertvolles Stück Geschichte ! Für die
      Forschung nicht mehr wegzudenken. Ebenso die Gosteli Stiftung die
      an einem zentralen Ort weitergeführt wird.
  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Wenn man wirklich die Gleichberechtigung der Geschlechter verbessern will sollte man auch kein Frauenarchiv sondern ein Schweizer Archiv für Männer, Frauen und Kinder führen.
    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      @Lex18, diesmal schiessen Sie an der Sache vorbei. Was Sie fordern gibt es zuhauf (Zentralbibliothek, Sozialarchiv, Staatsarchiv etc.).
      Aber es braucht den speziellen Blick auf das, was sich evtl. unter Frauenemanzipation zusammenfassen lässt, um deren verschiedensten Aspekte und Prozesse nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Lassen wir doch das Zusammenführen in einem umfassenderen Archiv für Männer, Frauen und Kinder, als Zukunftsprojekt stehen.
    2. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Herr Drack: Das denke ich nicht. Es braucht kein eigenständiges Archiv für Frauen. Frauen sind genauso wie Männer Teil der Gesellschaft und keine Gesellschaft für sich. Als Abteilung eines Gesellschaftsarchiv kann ich es mir gut vorstellen.
    3. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Wie gesagt, Lex18, Zukunftsprojekt! Das Sozialarchiv gibts bereits: an der Stadelhoferstrasse in Zürich.
      Im Artikel wie in div. Kommentaren wird dargelegt, dass es um ganz bestimmte Veränderungen geht.
      Eine Parallele? Startet jemand ein Archiv zum Umgang mit dem Klimawandel, wo die einen dringend warnen, andere allerdings alles leugnen.
      Braucht’s nicht, schreit v.a. die Seite der Leugner: wir haben ja das Naturhistorische Museum.

      Das Klima kümmert‘s nicht: Kein Mensch wird’s je lesen!
  • Kommentar von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
    Es gibt ein Schweizer Frauenarchiv?!?
    Dafür, dass die Frauen (zu recht) Gleichberechtigung und Gleichwertung wollen, scheinen sie sich etwas zu wichtig zu nehmen.
    Disclaimer: Falls es ein Schweizer Männerarchiv gibt, nehme ich meine Aussage zurück!)
    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Ich fürchte, das ging völlig an Ihnen vorbei, dass nur schon der Kampf ums Frauenstimmrecht (ja in der Schweiz artete dies wirklich manchmal aus!) Jahrzehnte dauerte! Es ist selbstverständlich, dass dies und viele Dinge mehr in Richtung Gleichberechtigung irgendwo mit der notwendigen Sorgfalt dokumentiert werden. «Männerarchive» gibt es unzählige, heissen vielleicht anders aber sind es.
    2. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      @Lothar Drack : Dass Frauen (viel zu) lange Zeit um Gleichberechtigung und Gleichwertung kämpfen mussten und z.T. es leider noch immer müssen, ist mir bekannt. Aber haben Sie mir ein paar Beispiele für reine Männerarchive?
    3. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      Ergänzung zu meiner Antwort auf den Beitrag von Lothar Drack, der hoffentlich veröffentlicht wird: mir ist klar, dass in "normalen" Museen und Geschichtsarchiven jahrhundertelang die Beiträge der Frauen zur Gesellschaft, Wissenschaft und Sonstigem unterrepräsentiert waren/sind. Wäre es nicht erstrebenswerter, für eine Gleichberechtigung innerhalb dieser Museen und Archive zu sorgen, als reine Frauenmuseen, -ausstellungen und -archive aus dem Boden zu stampfen?
    4. Antwort von Tina Blatter  (tibebl)
      Lieber Herr Hahnau

      Ich bin Historikerin und es gibt meines Wissens in der Schweiz kein reines Männerarchiv. Wenn Sie aber ins Bundesarchiv gehen, ins Archiv für Zeitgeschichte, ins Sozialarchiv, in die Archives vaudoises oder ins Archivio di Stato Ticino werden Sie merken, dass es in 90% der Bestände um Männer geht: in Vereins- und Organisationsgeschichten, in Parteigeschichten, uvm. Es sind also "Männerarchive". Das sich EIN (1) Archiv um die Frauenbewegung dreht, finde ich da ganz okay.
    5. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Herr Hahnau, ich weiss es zu schätzen, dass Sie in Ihrer zweiten Replik selber auf die Sprünge kamen. Daneben dürfte man aber in den Archiven vieler Schützen- und Blasmusikvereine, Jägerverbände etc. mindestens bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts kaum Substanzielles zu Frauen finden.
    6. Antwort von Paul Moser  (PaulM)
      @Peter Hahnau - Noch eine Wissenslücke bei Ihnen: Die Gosteli-Stiftung wurde am 27. Oktober 1982 gegründet, vor 38 Jahren also.
    7. Antwort von Peter Hahnau  (Peter Hahnau)
      Trotz aller Antworten nichts, was meine Worte widerlegt oder mich eines besseren belehrt...
    8. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Herr Hahnau, im Bundesarchiv werden Sie alles finden zu dem Thema
      Männer ! Hier wird alles gesammelt was irgendwie im Zusammenhang mit der Schweiz steht. Auch was von Schweizern im Ausland veröffentlicht wird mit einem
      geschichtlichen Zusammengang zur Schweiz.