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Schweiz Schweizer Kampfstiefel: Genäht für zwei Franken pro Stunde

Die Rekruten der Schweizer Armee bekommen neue Kampfstiefel, hergestellt in Rumänien. Doch jene, die den Stiefel produzieren, müssen mit einem Hungerlohn auskommen.

Legende: Video «Schweizer Kampfstiefel Made in Romania» abspielen. Laufzeit 8:58 Minuten.
Aus Rundschau vom 16.11.2016.

«Es ist falsch zu meinen, gute Qualität habe ihren Preis!» Klare Worte einer Näherin. Die Frau will anonym bleiben, denn sie hat – wie ihre Kolleginnen auch – Angst um ihren Arbeitsplatz, wenn sie mit der «Rundschau» redet.

Reden aber will sie. Über ihren tiefen Lohn von nicht einmal zwei Franken pro Stunde. Sie und ihre Kolleginnen arbeiten in einer Fabrik in Rumänien, stellen die neuen Schweizer Armeestiefel her. Zum rumänischen Mindestlohn: Monatlich rund 300 Franken brutto. Dieser ist mit knapp zwei Franken pro Stunde so tief, dass die Arbeiterinnen und ihre Familien unmöglich davon leben können. Selbst in Rumänien nicht.

Im Norden Rumäniens werden die neuen Kampfstiefel der Schweizer Armee produziert. 80'000 Stiefel hat die Schweiz bei der italienischen Firma AKU geordert, diese hat ihre Produktionsstätte aber in Rumänien. Jedes Jahr kommen nun 25'000 weitere Stiefelpaare dazu: Künftig sollen alle Schweizer Rekruten die neuen Kampfstiefel tragen.

Lohn reicht zum Leben nicht aus

Trotz Job und 100-Prozent-Anstellung: Ein Grossteil der Arbeiterinnen, mit denen die «Rundschau» sprach, muss Kredite aufnehmen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Denn die Lebensmittelpreise sind hoch, die Miete für eine Stadtwohnung kostet fast einen ganzen Monatslohn und auch Benzin ist in Rumänien mit 1.20 Franken verhältnismässig teuer.

«Der Lohn, den wir zahlen, entspricht dem rumänischen Mindestlohn», hält die Direktorin der Fabrik entgegen. «Nicht wir haben den Mindestlohn festgelegt, sondern das rumänische Parlament.» Und schliesslich bezahle man Überstunden sogar doppelt. Zudem: Der tiefe Mindestlohn sei nur ein Einstiegslohn, nur 20 Prozent der Angestellten hätten dieses tiefe Salär.

Kritik an der Schweiz

Dennoch: Knapp zwei Franken pro Stunde, das ist weniger als der Mindestlohn in China. «Die Schweizer Regierung als Käufer diktiert die Vorgaben für den Kaufpreis und damit auch, was die Arbeiterinnen verdienen», kritisiert Corina Ajder der NGO «Clean Clothes Campaign».

Rumänien habe so tiefe Mindestlöhne, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein. Die Schweiz nutze das aus, meint Ajder. «Made in Europe», so Ajder weiter, «sollte doch auch heissen, dass die Produkte fair hergestellt sind. Das ist aber nicht so.»

Ein fairer Lohn ist nicht gratis

Dabei könnte der Bund den die betroffenen Arbeiterinnen zu einem fairen Lohn verhelfen. «Er könnte im Beschaffungsgesetz soziale Standards verankern in Form von Zuschlagkriterien oder Vertragsbedingungen», erklärt der Jurist Marc Steiner, Experte für Beschaffungsrecht. Und verweist darauf, dass eben dieses Gesetz jetzt neu ausgearbeitet wird und sich demnach eine gute Gelegenheit für eine Anpassung bietet.

Die EU-Staaten hätten in ihrem Beschaffungsrecht genau das getan: Soziale Standards für Arbeitsbedingungen können dort ein Vergabekriterium sein. Das heisst: Der Auftrag wird nicht einfach dem günstigsten Anbieter vergeben.

Das Schweizer Gesetz hingegen sieht heute nur die Einhaltung von Mindeststandards vor, wie beispielsweise das Verbot von Kinderarbeit. Es sei schliesslich eine politische Frage, wie stark man Preis gegen soziale Standards bei öffentlichen Vergaben abwägt, sagt Steiner.

Und was sagt Armasuisse, welche im Auftrag der Schweizer Armee die Kampfstiefel einkauft? Würde sie eine Gesetzesrevision in diesem Sinne begrüssen, zumal das Geld für Einkäufe vom Bund – also von uns allen – kommt? Armasuisse will sich dazu in der «Rundschau» nicht äussern, man setze nur die bestehenden Gesetze um und könne politische Diskussionen über die Gewichtung von Vergabekriterien nicht kommentieren.

145 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Also wirklich Leute, kommt hierher und da sieht ihr eine "nicht minder schockierende" Wahrheit über diese sog. liberale, grenzenlose Welt-Wirtschaft. In der Tat, ein Einkommen sollte so bemessen sein, dass es den betreffenden ein Ein-& Auskommen ermöglicht. Gerade aber da gibt es ja heute die grössten Probleme in der ach so fortschrittliche, liberalen, grenzenlosen Weltwirtschaft. - Wenigstens hat man zumindest in Europa eine Sensibilisierung betreffend "Kinderarbeit" erreicht.....!
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    1. Antwort von Franz NANNI (Aetti)
      Aber leider noch nicht bezueglich der chemischen Gifte.. und auch nicht woher und wie Rohlinge gemacht wurden (zB Stoff fuer Hosen.. mittels Kinderarbeit, ....genaeht wird dann mit Erwachsenen.. wo man kontrolliert angeblich) Dass nun die Welltwirtschaft zunehmend mit schlechter Qualitaet zugepflastert wird nimmt auch Jedermann in Kauf!
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    2. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Die ganz versierten Leute verbringen ihren Lebensabend im billigen Thailand und schreiben Kommentare als würden sie noch in der Schweiz wohnen.
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    3. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Es stört mich, übrigens wie Herr Planta auch, dass es hier Leute gibt, welche aus Billigstlohnländer schreiben, wie man mit Einkommen umgehen soll. Diese Leute beziehen PK-Gelder und eine nette AHV aus der SCHWEIZ und erklären uns hier die Welt!
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    4. Antwort von Rolf Bolliger (robo)
      Das Forum als Schulzimmer zu missbrauchen, ist nicht meine Absicht und sollte auch im Interesse eines Forum nie sein: Aber die Realität, dass hier im SRF-Forum immer wieder (angebliche) "Schweizer" aus sehr billig zu lebenden Länder aus Uebersee Belehrungen und (leider oft giftige) Kommentare in die "teure" Schweiz schicken, stört mich ebenfalls schon lange! Da kann ich (ausnahmsweise) einmal meinen 2 Oberschullehrer Bächler und Planta voll beipflichten!
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  • Kommentar von Susanne Saam (Susanne Saam Biel/Bienne)
    Was für Schuhe haben die fleissigen SchreiberInnen an den Füssen? Von wem wurde ihre Jacke, ihre Jeans, ihre Socken, ihr T-Shirt hergestellt? Was kommt heute Abend auf den Teller? Fleisch aus Massentierhaltung? Was ich sagen möchte: für Billigware aus allen Bereichen (Nahrung, Kleidung, Freizeit etc) bezahlt jemand den Preis: die Mitwelt, Tiere, Menschen. Dank Beispielen wie die Beschaffung von Schuhen durch die Armee wird wenigstens das Bewusstsein für solche Zusammenhänge geschärft.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Wenn es denn nur Billigware wäre. Auch teuere Modelabels lassen Menschen zu Niedrigstlöhne schuften. Und wenn Schweizer Firmen ihre Produktionen in Oststaaten verlagern, weil sie dort billiger sind, Menschen für weniger Geld arbeiten, jammert keiner darüber.
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  • Kommentar von Schneider Fritz (frima47)
    Sind die vielen Schweizer Schnäppchenjäger, die ständig über die Grenzen im Norden und Osten pilgern, um ihre Einkäufe zu tätigen, nicht die selben, die die tiefen Löhne im Ausland beanstanden?Wer im Ausland einkauft, profitiert von tieferen Löhnen, sei es der Bürger oder eben das EMD. Schnäppchen, Schnäppchen über alles..... Beginnen wir doch bei uns im Kleinen. Machen wir unsere Einkäufe in der Schweiz. Nachdenken erlaubt- denn konsequent Handeln bringts!
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    1. Antwort von Peter Zurbuchen (drpesche)
      Nein, das sind nicht die gleichen, Herr Schneider. Es gibt durchaus Leute, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten bewusst einkaufen und auf Schnäppchen verzichten. Im Kleinen anfangen ist sicher nicht schlecht, aber richtig einschenken tut's leider erst im Grossen. Und wenn das reichste Land der Welt Armeestiefel braucht, soll es die Menschen, welche sie herstellen, auch anständig bezahlen!
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      nein, da gibt es wohl einen kleinen Unterschied, und das sind die hohen Preise der Importeure.Ich selbst kaufe keine Lebensmittel aber Apotheken Medikamente, die oft das drei fache höher sind bei uns, das sehe ich aucht nicht ein.
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