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Medikamenteneinnahmen während der Schwangerschaft
Aus Rendez-vous vom 10.01.2020.
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Schwerbehindert wegen Depakine Eine Datenbank soll weitere Fälle verhindern

Fachkreise warnten schon früh vor dem heiklen Medikament. Doch die Politik wollte nicht handeln. Das ändert sich jetzt.

Alkohol schadet, Rauchen auch – doch wie sieht es mit Medikamenten in der Schwangerschaft und während der Stillzeit aus? Welche dürfen Frauen nehmen und wie lange? Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Perinatale Pharmakologie trägt seit über zehn Jahren Informationen dazu zusammen.

Das Problem mit Depakine

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Das Problem mit Depakine
Legende:SRF

Depakine des französischen Pharmaunternehmens Sanofi ist seit mehr als 50 Jahren auf dem Markt. Es ist ein Medikament gegen Epilepsie. Doch schwangere Frauen sollten Depakine nicht nehmen, denn es führt zu Geburtsschäden beim Ungeborenen. Die Schweiz registriert mögliche Missbildungen durch Depakine seit 1990. Mehrere Dutzend Fälle wurden seither gemeldet. Swissmedic schliesst nach internen Diskussionen ein generelles Verbot des Medikaments aus. Im Dezember 2018 hat Swissmedic die Warnhinweise bei Depakine und anderen Mitteln mit dem Wirkstoff Valproat verstärkt und mit einem Programm zur Schwangerschaftsverhütung kombiniert. Konkret heisst das, dass Frauen, welche ein solches Präparat einnehmen, sicherstellen müssen, dass sie nicht schwanger werden.

Ihre Präsidentin, Ursula von Mandach, möchte dieses Wissen für alle zugänglich machen, um tragische Fälle wie jene im Zusammenhang mit Depakine künftig zu verhindern: «Die Datenbank könnte Tabellen, Listen enthalten, für Medikamente, die in welcher Dosierung und welcher Indikation für Schwangere geeignet oder auch nicht geeignet sind.» Also Warnungen, aber auch Angaben dazu, wann ein Medikament anders dosiert werden müsste.

Datenbank analog zur Kindermedizin

Denn der Stoffwechsel verändert sich in der Schwangerschaft und die wenigsten Medikamente sind darauf getestet. Trotzdem ist ihre Idee der Datenbank bisher politisch nicht weiter verfolgt worden. Kürzlich wurde aber eine solche Datenbank mit Empfehlungen zur Dosierung und Therapien in der Kindermedizin geschaffen und finanziell von Bund und Kantonen unterstützt.

Baby in einer Hängematte
Legende: Laut Meldungen der Tamedia-Zeitungen sind weitere drei Kinder schwerbehindert, weil deren Mütter das Epilepsiemittel Depakine während der Schwangerschaft eingenommen haben. Keystone

Deshalb wird Ursula von Mandach nun deutlich: «Ich denke, die Zeit für die Politik, sich genauer mit diesem Thema zu befassen, ist überfällig.» Ihre Arbeitsgruppe sei in Gesprächen mit dem Bundesamt für Gesundheit und wolle sich auch an Parlamentarierinnen und Parlamentarier wenden.

Die Präsidentin der Gesundheitspolitischen Kommission des Nationalrates, CVP-Politikerin Ruth Humbel, findet die Idee prüfenswert. Die Schweiz sei ohnehin im Rückstand bei Registern und Datenbanken: «Wahrscheinlich müssen wir schrittweise vorgehen und Register für ganz spezifische Therapien in spezifischen Phasen erstellen – das würde auch bedeuten, während der Schwangerschaft.» Die Kommission werde sich Ende Januar mit den Folgen des Epilepsie-Medikaments Depakine befassen, so Humbel.

Das BAG begrüsst die Aufarbeitung

Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist bestürzt über die Vorkommnisse rund um Depakine und begrüsst ein rasches Aufarbeiten. Da bei Depakine aber die Warnungen bekannt gewesen seien, zweifelt das BAG daran, ob eine zusätzliche Datenbank mehr Sicherheit gebracht hätte.

Generell begrüssen der Bundesrat und das BAG jedoch die Arbeiten der Arbeitsgemeinschaft sowie, dass die Datenbank für Kindermedizin künftig auf weitere Gruppen erweitert wird, wie das BAG auf Anfrage von SRF schreibt. Zuvor aber will das BAG die erste Datenbank auswerten – in rund einem Jahr. Das Bekanntwerden der Folgeschäden der Einnahme von Depakine während der Schwangerschaft hat also die politischen Mühlen in Gang gesetzt. Doch bis konkrete Schritte folgen, dauert es.

FMH wäre froh um ein Register

Bei der Ärztevereinigung FMH kommen die Bestrebungen der Arbeitsgruppe Perinatale Pharmakologie zur Schaffung einer Datenbank gut an. Yvonne Gilli vom FMH-Zentralvorstand sagt, Ärztinnen und Ärzte hätten für die Zeit während der Schwangerschaft Zugriff zu internationalen Datenbanken, nicht aber für die sogenannte perinatale Zeit: «Das sind Medikamente, die kurz vor der Geburt, während der Geburt oder kurz nach der Geburt angewandt werden, oder eben bei Kinderheilmitteln ganz allgemein. Wir sind sehr glücklich über die grossen Anstrengungen diesbezüglich.»

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Die Pharmaindustrie muss dringend verpflichtet werden jedes, aber auch jedes Medikament auf Nebenwirkungen in allen Richtungen zu untersuchen bevor es auf den Markt kommt. Wenn dann noch etwas passiert = deftige Strafen a la USA und dann wird man schauen.
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  • Kommentar von markus kohler  (nonickname)
    Das ist ein Versagen der jeweiligen Mediziner/innen und Apotheker/innen. Seit vielen Jahren ist das Problem Valproat in der Schwangerschaft (Wirkstoff von Depakine) bekannt. Es braucht keine Datenbank in der Schweiz, da in Deutschland eine hochprofessionelle Stelle existiert, embryotox.de. Wer sich als Medizinalperson nicht darum kümmert sollte den Beruf wechseln. Die Politik muss man gar nicht bemühen, da sie sowieso keine Probleme löst, sondern bloss irgendeine Parteimeinung vertritt.
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  • Kommentar von Stefan Renevey  (weissdassichnichtsweiss)
    Skandal um Skandal. Wie lange noch?
    Kürzlich Radio SRF 2:
    Fagen (wahres Wunder der Natur, überall zu finden) Therapie vor gut 100 Jahren entdeckt und sehr wirksam geg. Bakterien.
    Wortwörtlich: "Kann nicht patentiert werden und deshalb kaum Interesse seitens Pharma Industrie für Studien." Diese sind aber zwingend, will der Souverän Medikation bewilligen.
    Belgien geht pragm. Weg. Andere Länder bemühen bewusst den Amstschimmel. Nicht genügende Anzahl Studien, keine Bewilligung.
    Zum Ausflippen!
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