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Chefärztin von Reha-Klinik im Interview: «Das ist keine kleine Sache»
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 31.01.2021.
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Schwerste Corona-Verläufe Reha nach Corona: «Das wünschen Sie Ihrem ärgsten Feind nicht»

Die Chefärztin der Reha-Klinik Rehab Basel über den langen Weg zurück für Corona-Patienten nach der Intensivstation.

Über ein Dutzend Corona-Patientinnen und -Patienten mit schwersten Verläufen hat die Klinik Rehab Basel bereits behandelt. Die Chefärztin Margrit Hund-Georgiadis spricht über den langen Kampf zurück ins Leben für die Betroffenen. Sie kann nicht verstehen, dass es immer noch Menschen gibt, die das Coronavirus als harmlos abtun.

Margret Hund-Georgiadis

Margret Hund-Georgiadis

Chefärztin Reha-Klinik Rehab Basel

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Margret Hund-Georgiadis ist medizinische Leiterin der Klinik Rehab Basel, eine Klinik, die sich spezialisiert hat auf die Behandlung von Menschen mit Hirnverletzungen, Querschnittlähmungen, aber auch Corona-Patienten mit mehrfachem Organversagen nach einem längeren Aufenthalt auf der Intensivstation. Das Rehab hat über 110 Betten.

SRF News: Welche Patientinnen und Patienten kommen zu Ihnen in die Klinik?

Margrit Hund-Georgiadis: Bei unseren Patienten ist das eigentliche Virus schon gegangen. Zu tun haben wir aber mit den Folgen dieser Viruserkrankung bei Patienten, die wirklich schwerste Krankheitsverläufe in der akuten Phase hatten. Die haben tatsächlich alle eine sehr lange, intensive medizinische Zeit im Spital hinter sich mit einem sogenannten Multiorganversagen.

Wenn sie zu uns kommen, haben sie in der Regel zwischen zehn und zwanzig Kilogramm an Gewicht verloren.

Wenn sie zu uns kommen, sind zum Teil noch von der Beatmungsmaschine abhängig, haben in der Regel zwischen zehn und zwanzig Kilogramm an Gewicht verloren, sind ganz wenig belastbar. Sie brauchen oftmals eine permanent hohe Literkonzentration an Sauerstoff und sind wirklich noch sehr, sehr geschwächt.

Wenn die Patienten so geschwächt sind, schlafen sie dann in Ihrer Klinik die ganze Zeit?

Sie schlafen nicht, sie sind in der Regel wach. Manchmal, so in etwa einem Drittel der Fälle, haben sie noch Orientierungsstörungen, haben noch Zeichen von einem Delirium, wissen noch nicht ganz einzuordnen, was passiert ist, wieviel Zeit vergangen ist. Sie haben nicht verstanden, dass drei, vier Monate ins Land gegangen sind. Viele sind aber zwischendurch sehr wach und beginnen zu begreifen, was ihnen da widerfahren ist und was sie überlebt haben.

Oftmals sind die ersten Schritte nur mit einer Prozession von Therapeuten möglich.

Was sie nicht sind: Sie sind überhaupt nicht körperlich belastbar. Es ist schon eine riesige Anstrengung, wenn sie am Anfang aus dem Bett in den Rollstuhl gebracht werden. Dann geht die Sauerstoffsättigung schon runter, und in der Regel brauchen sie dann schon zusätzlich Sauerstoff.

Oftmals sind die ersten Schritte nur mit einer Prozession von Therapeuten möglich. Der eine hat das Sauerstoffgerät, der andere fährt die Nahrungssonde mit, der dritte vielleicht noch das Beatmungsgerät. Das sind meistens sehr schwierige Mobilisationen, weil vor allem die Lunge bei diesen Patienten so nachhaltig beschädigt ist.

Was sind die ersten Schritte für einen Corona-Patienten in der Klinik?

Häufig werden diese Patienten, weil sie so lange auf der Intensivstation waren, künstlich ernährt. Die ersten Wochen sind eben dadurch geprägt, dass man versucht, sie langsam wieder normal zu ernähren. Ich war gerade bei einem Patienten, der das erste Gericht essen konnte. Das sind so kleine Freudenfeste.

Was kommt nach dem Essen?

Das erste Mal aus dem Bett raus in den Rollstuhl und mal einfach durchs Haus gefahren werden, um auch einmal etwas anderes zu sehen. Das ist oft ein ganz wichtiger Moment. Und je nachdem, wie ein Patient «zwäg» ist, die ersten Schritte nach draussen. Das sind schöne Sachen. Da freuen sich die Patienten wirklich. Auch wenn sie natürlich schon nach den ersten Metern total erschöpft sind und für den Rest des Tages nichts anderes mehr machen können.

Und wie lange sind diese Patienten in der Klinik?

Im Mittel zwischen 100 und 120 Tagen. Danach schliesst sich eine weitere ambulante Reha und noch eine Nachsorge an. Wir rechnen damit, dass es tatsächlich noch ein halbes Jahr weitere, ambulante Therapie braucht, bis sie dann wirklich wieder im Alltag angekommen sind. Das Durchschnittsalter dieser Patienten liegt bei 64. Der jüngste Patient war 44, der älteste 81. Die meisten sind zwischen 60 und 70. Knapp drei Viertel sind Männer.

Unterscheiden sich Corona-Patienten von anderen?

Wir behandelten auch schon vorher Patienten, die nach einem multiplen Organversagen zu uns kamen. Was neu ist, ist die massive Häufung dieser Fälle durch die Corona-Epidemie.

Mir scheint, dass dieses Virus besonders aggressiv alle Organe im menschlichen Körper fast schon überrennt.

Mir scheint, dass dieses Virus besonders aggressiv alle Organe im menschlichen Körper fast schon «überrennt». Genauso wie das Virus die Welt überrannt hat: Es nimmt sich den ganzen Menschen vor, von der Niere übers Herz, über die Lunge, übers Gehirn ist alles dabei. Und diese Aggressivität, die durch diese Entzündung ausgelöst wird, die scheint mir besonders zu sein. Das ist jetzt aber mein Eindruck und noch nicht wissenschaftlich erwiesen.

In den sozialen Medien hört man immer wieder, diese Krankheit sei doch nicht schlimmer als eine normale Grippe.

Ich finde das wichtig, dass man draussen versteht, dass das keine eingebildete Erkrankung ist. Das ist keine kleine Sache. Das wünschen Sie ihrem schlimmsten Feind nicht, so was zu haben. Und es ist auch ein bisschen despektierlich den Patienten gegenüber, die wirklich Hunderte Tage lang hier kämpfen. Wenn diese dann draussen hören, das gebe es gar nicht, dann weiss ich jetzt überhaupt gar nicht, was sie darüber denken sollen.

Wir tun besser daran, klug damit umzugehen als ignorant.

Ich persönlich habe null Verständnis dafür, dass man selber so eine Haltung einnehmen kann. Ich würde mir so sehr wünschen, diese Stimmen hätten Recht. Glauben Sie mir. Das wäre ja super, wenn das alles nur eingebildet wäre. Leider spricht mein Alltag seit einem Jahr sehr dagegen, dass das eine eingebildete Erkrankung ist. Sie wird uns noch viel und lange beschäftigen. Und wir tun besser daran, klug damit umzugehen als ignorant.

Das Gespräch führte Matieu Klee

Regionaljournal Basel, 30.01.2021, 17:30 Uhr;

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138 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Christmann  (Politik für die Schweizer)
    Ich nehme zur Kenntnis wie tragisch und leidvoll es für diese Patienten ist und die Behandlung auch für das Pflegepersonal anspruchsvoll ist. Doch als Basis & Grundlage zur Abwägung von Behandlungsmethoden und der beschlossenen Massnahmen gegen die Ausbreitung der Krankheit gibt der Artikel wenig hilfreiche Informationen. Wird zu stark auf wenige Einzelschicksale fokussiert, geraten die Kollateralschäden der Massnahmen an anderen Menschen schnell zur Nebensächlichkeit.
  • Kommentar von Patrik Christmann  (Politik für die Schweizer)
    Das Einzelschicksal ist immer tragisch. Geht es um die Abwägung der in Notrecht beschlossenen Massnahmen der Regierung, darf der gesundheitliche Schaden und allenfalls der Tod eines Menschen im Einzelfall kein Tabu sein, dass um jeden Preis verhindert werden muss. Sonst wird jede Massnahme die noch so restriktiv und rigoros ist legitimiert und jede Argumentation der Ablehnung von Massnahmen wird stigmatisiert.
  • Kommentar von Ellie Konstantin  (Elliekon)
    Und vielleicht hat sie es sehr wohl gelesen weil sie sich auf dem Laufenden hält über die aktuelle Fachliteratur und bezieht diese Erkenntnis bei der Behandlungsplanung ihrer Patienten mit ein.
    Was für eine Frechheit, einfach ins Blaue hinaus zu unterstellen, die Person mache ihre Arbeit schlecht! Sind sie auch Chefarzt oder wissen sie es nur im Internet einfach grundsätzlich besser?