«Wir sprechen doch für ein Land»

Nur die wenigsten Deutschschweizer kennen die beiden frisch gewählten Präsidenten von National- und Ständerat, Stéphane Rossini und Claude Hêche. Das ist typisch. Wer sind prominente welsche Politiker aus der Romandie und was unterscheidet sie vom Deutschschweizer Politpersonal?

Savary sitzt im Ständeratssaal und spricht in ein Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In der Romandie ein Politstar, in der Deutschschweiz praktisch unbekannt: Ständerätin Savary. Keystone

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Romands präsidieren die Räte

Der Walliser Stéphane Rossini ist zum Präsidenten des Nationalrats, der Jurassier Claude Hêche zum Ständeratspräsidenten gewählt worden. Beide gehören den Sozialdemokraten an und nehmen nun für ein Jahr den Vorsitz ein.

Fathi Derder ist der wohl einzige Nationalrat mit eigener Radiosendung. Noch heute Morgen hat er beim Privatsender Lausanne FM moderiert, bevor es nach Bern ins Bundeshaus ging. Derder ist langjähriger Radio- und Fernsehjournalist.

Der schönste Nationalrat

Auch dank seiner Bekanntheit schaffte er es vor drei Jahren als politischer Quereinsteiger locker für die Waadtländer FDP in den Nationalrat. Für Journalisten ist der Journalist und Politiker stets erreichbar. Es gibt auch kaum ein Thema, das er nicht kommentiert. Das gehöre zum Job, sagt er. «Als Journalist habe ich mich über Politiker geärgert, die nicht erreichbar waren.» Politiker seien den Wählern gegenüber Rechenschaft schuldig.

Derder mit Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fathi Derder. Keystone

Manche Romands rümpfen die Nase über den liberalen Schnell- und Lautsprecher Derder. Eine Berühmtheit aber ist er allemal – wenn auch nur in der Romandie. Er spreche nur wenig Deutsch, und das vor allem nicht schnell genug, findet er. Und so macht Derder höchstens dann Schlagzeilen in der Deutschschweiz, wenn er die Einführung von Englisch als fünfte Landessprache verlangt. Oder wenn ihn wieder einmal jemand zum schönsten Nationalrat wählt.

Gegenseitig von einander lernen

Es sei nicht schlimm, dass man ihn in der Deutschschweiz kaum kenne, betont er. Die Schweiz bestehe halt aus verschiedenen Landesteilen und sei nicht ein Land an sich. Im Bundeshaus arbeite man über die Sprachgrenze hinaus zusammen. Das sei wichtig. Und das genüge.

Doch es genügt nicht allen. Géraldine Savary ist Waadtländer Ständerätin und Vizepräsidentin der SP Schweiz. Sie würde gerne mehr gehört werden in der Deutschschweiz. Die Schweiz habe Politiker, die in der Deutschschweiz bekannt seien und solche, die es in der Westschweiz seien. «Das ist traurig, denn wir sprechen für ein Land», findet Savary. Da würden viele Chancen verpasst.

Als Beispiel nennt sie den Lehrplan. Die Romandie habe bereits einen harmonisierten Lehrplan, die Deutschschweiz diskutiere erst darüber. Hier könnten doch die Deutschweizer Politiker von den Erfahrungen ihre Kollegen in der Romandie profitieren. «Doch das passiert nicht», so Savary.

Die Schweiz ist nicht Frankreich

Klar könnten die beiden Landesteile mehr voneinander lernen, sagt auch Yves Nidegger. Der Genfer ist SVP-Nationalrat. Bekannt werden in der Deutschschweiz wolle er aber gar nicht, denn schliesslich sei er in seinem Kanton gewählt worden. Die Schweiz sei kein Nationalstaat, sondern ein Multi-Nationalstaat. «Das ist nicht wie in Frankreich: Dort ist man entweder jemand in Paris, oder man ist niemand.»

Nidegger spricht im Nationalratssaal in ein Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Yves Nidegger. Keystone

Nidegger und Savary sind Dauergäste am Westschweizer Radio und im Fernsehen. Zwei, die häufig gegeneinander antreten und sich nichts schenken. Westschweizer Politiker lieben die Debatte, die Polemik, den verbalen Wettstreit. «Daran haben wir wirkliches Vergnügen» sagt Savary.

Nidegger hat noch eine andere Begründung für die rasanten Debatten in der Romandie: «Auf Deutsch kommt das Verb erst am Ende des Satzes, da muss man den anderen ausreden lassen. Auf Französisch kann man nach drei Wörtern einfach unterbrechen. Das macht das Ganze ganz anders.»