Antisemitismus ist längst kein Randphänomen mehr. Beschimpfungen im Internet, Pöbeleien oder tätliche Angriffe auf offener Strasse sind beinahe an der Tagesordnung. Im letzten Jahr wurden gemäss Antisemitismusbericht 177 antisemitische Vorfälle gemeldet, dreimal mehr als noch 2022.
Die Stadt Zürich gilt aufgrund ihrer grossen jüdischen Gemeinde als Hotspot. 2024 etwa kam es unter anderem zu einer Messerattacke mit einem Schwerverletzten und einem Brandanschlag auf eine Synagoge. Dieser Entwicklung will die Stadt Zürich mit einer neuen Stelle etwas entgegensetzen.
Die Gewalt ist nicht das einzige Problem
Als erste Stadt der Schweiz hat Zürich nun seit gut einem halben Jahr einen Antisemitismus-Beauftragten. Er heisst Mischa Liatowitsch und seine Aufgabe ist es, Mitarbeitende der Stadt Zürich für Antisemitismus zu sensibilisieren. Das betrifft die Verwaltung, die Schulen, aber auch die Polizei.
«Jüdische Menschen haben eine jahrhundertealte Geschichte in der Schweiz, sind tief verwurzelt», sagt Liatowitsch. «Die Schweiz ist ihre Heimat. Jüdische Menschen müssen sich sicher fühlen können in Schweizer Städten, sich frei bewegen können – auch in der Stadt Zürich.»
Dass es diese Stelle braucht, davon ist der 42‑jährige Projektleiter überzeugt. Vier von zehn jüdischen Personen fühlen sich laut einer Studie der Zürcher Hochschule ZHAW an gewissen Orten unsicher. Und auch die registrierten Fallzahlen zeigten, dass Handlungsbedarf bestehe.
Antisemitismus ist ein Klima, das geschaffen wird und es möglich macht, dass jüdische Menschen ausgegrenzt und entmenschlicht werden.
Es gehe aber um mehr als um Gewaltvorfälle, sagt Liatowitsch. «Antisemitismus fängt vor der Gewalt an. Es ist ein Klima, das geschaffen wird und es möglich macht, dass jüdische Menschen ausgegrenzt und entmenschlicht werden. Wenn man dann nicht interveniert, ist Gewalt die ultimative Konsequenz.»
Damit antisemitische Tendenzen früh erkannt und gestoppt werden können, sei viel Aufklärungsarbeit nötig. «Das wichtigste Instrument ist der Austausch.» Er gebe Workshops und nehme an Diskussionen teil. Und er versuche immer wieder, eine Stimme von aussen einzubringen.
Persönliche Geschichte als Grund für Bewerbung
Aufgewachsen ist Mischa Liatowitsch in Zürich. Später arbeitete er in New York für die UNO. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz begann er, sich intensiver mit der eigenen, jüdischen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.
«In diesem Prozess habe ich mich verstärkt mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt», sagt Liatowitsch. «Als vor ein paar Jahren die Zahl der Vorfälle so stark gestiegen ist, wurde mir klar, dass ich mich auch beruflich auf diesem Gebiet betätigen möchte.»
Diese persönliche Auseinandersetzung war auch ein Grund, weshalb er sich auf die neu geschaffene Stelle bei der Stadt Zürich bewarb. Heute ist er der erste Antisemitismus-Beauftragte der Schweiz.
Sein Ziel ist klar: Jüdinnen und Juden sollen sich in Zürich dank seiner Präventionsarbeit sicherer fühlen. Klar ist für ihn aber auch: Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es brauche viele, die hinschauen und handeln – nicht nur eine Fachstelle in der Stadt Zürich.