Zum Inhalt springen

Header

Audio
Gericht muss über Grundsatzfrage bei Sterbehilfe entscheiden
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 30.04.2021.
abspielen. Laufzeit 04:30 Minuten.
Inhalt

Sterbehilfe: Wegweisender Fall Hat Ärztin psychisch Kranke unzulässig in Tod begleitet?

Das Gericht muss entscheiden, ob die Ärztin Erika Preisig den Todeswunsch einer psychisch kranken Frau ausreichend abgeklärt hat. Der Fall gilt als wegweisend für die Sterbehilfe in der Schweiz.

Ist ein psychisch schwerkranker Mensch in der Lage abzuschätzen, ob sein Wunsch zu sterben definitiv ist – oder durch die Krankheit bedingt? Am Baselbieter Kantonsgericht wird seit Freitag ein Fall verhandelt, der wegweisend sein könnte für die Praxis der Sterbehilfe in der Schweiz.

Im Kern geht es um die Frage, ob psychisch kranke Menschen auch ein Recht auf den Freitod haben. Es ist gesetzlich nicht klar geregelt, bei welchen Diagnosen ein psychiatrisches Fachgutachten notwendig ist.

Der Vorwurf: Psychiatrisches Gutachten fehlte

Der Fall geht zurück auf eine damals 66-jährige psychisch kranke und suizidale Frau, die Erika Preisig – Ärztin und Präsidentin der Sterbehilfeorganisation «Eternal Spirit» – vor fünf Jahren in den Freitod begleitet hatte. Der strafrechtlich strittige Punkt dabei ist, dass Preisig kein unabhängiges psychiatrisches Gutachten zur Urteilsfähigkeit der Patientin eingeholt hatte.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Ärztin vorsätzliche Tötung vor, weil sie ihrer Sorgfaltspflicht nicht genügend nachgekommen sei.

Erstinstanzlich in Hauptanklagepunkt freigesprochen

Box aufklappenBox zuklappen
Erika Preisig
Legende: Die Ärztin Erika Preisig. Keystone

Das Baselbieter Strafgericht hatte Erika Preisig im Juli 2019 erstinstanzlich vom Hauptanklagepunkt der vorsätzlichen Tötung freigesprochen. Schuldig sprach das Strafgericht die Ärztin jedoch wegen der Abgabe von Medikamenten an eine psychisch kranke Frau. Sie habe damit gegen das Heilmittelgesetz verstossen, entschieden die Richter, und verurteilten Preisig zu 15 Monaten bedingtem Freiheitsentzug und einer Busse von 20'000 Franken.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Erika Preisig legten darauf Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil ein. Die Ärztin plädierte auf vollständigen Freispruch von allen Anklagepunkten.

Vor dem Baselbieter Kantonsgericht verteidigte Erika Preisig am Freitag ihr Vorgehen erneut. Dabei ging es wiederum vor allem um den strittigen Punkt der Urteilsfähigkeit der Patientin. Sie habe die Frau nie als explizit depressiv und entsprechend stets als urteilsfähig wahrgenommen, so Preisig.

War die Frau urteilsfähig?

Preisig hätte, um sich rechtlich abzusichern, aber trotzdem gerne einen Psychiater oder eine Psychiaterin für ein Gutachtern beigezogen, sagte sie. Aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit habe sie dieses Unterfangen aber als aussichtslos beurteilt. Unzählige Anfragen um psychiatrische Gutachten seien stets abgewiesen worden. Bei Todeswünschen werde hier abgeblockt.

Heikle Fälle: Psychisch Kranke und der begleitete Freitod

Box aufklappenBox zuklappen
Mann sitzt auf Bank und stützt Kopf in die Hände.
Legende: Colourbox

Urteilsfähige Menschen dürfen ihr Leben in der Schweiz mit einer Freitodbegleitung beenden - auch wenn sie psychisch krank sind. Im Fall von psychisch Kranken ist es mitunter jedoch heikel zu entscheiden, ob der Sterbewunsch «Ausdruck einer psychischen Störung» oder «dem selbst bestimmten, wohlerwogenen und dauerhaften Entscheid einer urteilsfähigen Person» entstammt, wie das Bundesgericht 2006 in einem Urteil, Link öffnet in einem neuen Fenster festgehalten hat. Dies lasse sich nur mit Fachkenntnissen beurteilen und erfordere daher ein vertieftes psychiatrisches Fachgutachten.

Den Vorwurf aus dem gerichtlichen Fachgutachten, dass sie die Willensäusserung mit Urteilsfähigkeit verwechselt habe, wies Preisig als nicht nachvollziehbar zurück. Die Patientin habe stets ein hohes Mass Erkenntnisfähigkeit offenbart, was auf ihre Urteilsfähigkeit schliessen lasse.

Wegweisender Fall für Sterbehilfe

Das Kantonsgericht wird das Urteil am 7. Mai eröffnen. Es ist davon auszugehen, dass der Fall damit aber nicht abgeschlossen sein wird.

Der Fall Preisig hat für die Sterbehilfe in der Schweiz einen wegweisenden Charakter. Es geht nicht zuletzt um die Klärung der gesetzlich nicht geregelten Frage, bei welchen Diagnosen ein psychiatrisches Fachgutachten notwendig ist. Es ist davon auszugehen, dass das Bundesgericht in diesem Fall das letzte Wort haben wird.

Video
Anwältin des Freitodes: Jetzt spricht Sterbebegleiterin Erika Preisig
Aus Rundschau vom 30.09.2020.
abspielen

SRF 1, Regionaljournal Basel, 30.04.2021, 06.32 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

20 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Rolf Meier  (Rolf Meier)
    @SRF. Seit langen kann man den Kommentaren nicht mehr die Wertung „Ablehnen“ geben.
    Eine Zeitlang ging auch „Zustimmen“ nicht mehr.
    Was macht es für einen Sinn nur eine positive Bewertung zu geben? Abstimmungen mit nur „Ja“ macht ja auch keinen Sinn.
    1. Antwort von Ueli Feuz  („Üeu“)
      Absolut mit Ihnen einverstanden. Zur Möglichkeit von „Zustimmen“ gehört zwingend konträr die Möglichkeit von „Ablehnen“. Das Einte ist vom anderen nicht denkbar, sonst hat man ja kein effektives Feedback wo man mit in der Volksmeinung steht. Und das ist es doch, was uns Kommentarschreiber interessiert. Also SRF : Kommentar „Ablehnen“ wieder ermöglichen! Bei anderen Foren funktioniert das doch auch (Blick, 20 Minuten etc.).
    2. Antwort von Rolf Trösch  (Rolf T)
      Völlig richtig, die Funktion in beide Richtungen und die Zahl der Klicks legitimieren den Gehalt einzelner Kommentare. Klar in der Forumsblase, trotzdem doch ziemlich demokratisch.
  • Kommentar von Bettina Hoheit  (Bra)
    Tolle Frau!
  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Wenn ich aus freiem Willen nicht mehr leben möchte, möchte ich das Recht haben aus dem Leben zu scheiden, ohne dass Psychiater und wer sonst noch mich noch lange durch die Mange drehen oder Sterbehelfer damit ein Geschäft machen. Es muss lediglich sicher gestellt werden, dass niemand gegen meinen Willen handelt. Es ist allemal besser, einem Sterbewilligen das entsprechende Medikament abzugeben als in Kauf zu nehmen, dass er sich vor den Zug werfen oder von einer Brücke springen muss.